Was gehen uns Obama und Xi an?

In zehn Tagen wird der neue US-Präsident gewählt. Fast gleichzeitig steigt in China Xi Jinping neu an die Staats- und Parteispitze. Welches Ereignis ist für die Schweiz wichtiger? Eine Umfrage in Wirtschaft und Politik.

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Jürg Steiner@Guegi

Gerhard Schwarz: «US-Wahl spielt für Schweiz eine Rolle»

USA und die Schweiz? «Die USA sind die einzige Supermacht der Welt, sie sind für den Gang der Weltwirtschaft weiterhin entscheidend, im Guten wie im Schlechten, und wir übernehmen sehr vieles aus den USA, Gutes wie Schlechtes. Dazu kommt, dass die Fokussierung auf zwei Kandidaten die Wahl spannender macht als Wahlen in einem parlamentarischen System, in dem der Wahlsieger am Schluss sehr wohl in der Opposition landen kann. In den USA kann man stärker sagen: The winner takes it all.»

Obama oder Romney? «Für die Schweiz spielt es, glaube ich, eine grosse Rolle, wer gewählt wird. Republikanische Präsidenten waren in der letzten Zeit jeweils der Schweiz und ihrem politischen wie wirtschaftlichen System gegenüber verständnisvoller eingestellt. Das ist bei dieser Wahl vermutlich noch ausgeprägter der Fall.»

USA oder China?«Die Wahlen in den USA interessieren mich mehr. Zum einen wegen der Bedeutung des Landes, dann, weil ich es persönlich besser kenne (ich habe dort alles in allem etwa ein Jahr gelebt, China habe ich nur mehrmals bereist), ferner, weil wir einfach mehr über die USA erfahren und wissen, und schliesslich, weil es diesmal ausgeprägter eine Richtungswahl ist als auch schon, zumal in der Wirtschaftspolitik.»

Gerhard Schwarz ist Direktor des liberalen Thinktanks Avenir Suisse.

Martin Baltisser: «Uns liegen die Republikaner näher»

USA und die Schweiz? «Interessant sind für uns insbesondere Erkenntnisse aus den jeweiligen Wahlkampagnen, da dort bisweilen auch Trends gesetzt werden, die nach Europa überschwappen. In diesem Jahr sind jedoch keine bahnbrechend neuen Entwicklungen erkennbar.»

Obama oder Romney? «Das amerikanische Volk muss seinen Präsidenten bestimmen. Wünsche aus der Schweiz spielen dabei keine Rolle. Grundsätzlich liegt uns die Politik der republikanischen Partei sicher näher als jene der US-Demokraten, welche in den vergangenen Jahren insbesondere auf zusätzliche Umverteilung gesetzt haben.»

USA oder China? «Die Schweiz muss sich gezwungenermassen mit weltpolitischen Veränderungen auseinandersetzen, wobei wir beide politischen Ereignisse nicht beeinflussen können. Vielmehr müssen wir uns auf die allenfalls daraus resultierenden Herausforderungen einstellen und in der Schweiz eine vorausschauende Politik machen. Dabei sind die Vorteile der schweizerischen Eigenständigkeit unbedingt zu erhalten.»

Martin Baltisser ist Generalsekretär der SVP Schweiz.

Peter Pauli: «USA und China sind für uns wichtig»

USA und die Schweiz? «Ich verfolge den Wahlkampf in den USA mit grossem Interesse. Der Ausgang hat sowohl aus einer rein wirtschaftlichen als auch aus weltpolitischer Sicht grosse Bedeutung für uns alle.»

Obama oder Romney? «Wer gewählt wird, ist für Meyer Burger insofern von Bedeutung, weil die beiden Kandidaten verschiedene politische Ansätze vertreten. Präsident Obama wird einen zukunftsorientierten Wandel des Energiemixes weiter vorantreiben. Mitt Romney wird auf einen Abbau der Staatsquoten fokussieren. Unabhängig vom Ausgang der Wahl muss die nächste Administration einen wirtschaftlichen Aufschwung in Gang bringen.»

USA oder China? «Beide Ereignisse sind für uns sehr wichtig. Die USA ist ein bedeutender Wirtschaftsraum und aufgrund ihrer Diversifikationsstrategie im Energiebereich für uns von grossem Interesse. China ist unser grösster Volumenabsatzmarkt und spielt eine entscheidende Rolle in der zukünftigen Energieindustrie.»

Peter Pauli ist CEO der Meyer Burger Technology AG in Thun.

Mario Lütolf: «China ist mindestens so wichtig»

USA und die Schweiz? «Ich verfolge den US-Wahlkampf. Politlobbying ist ja auch unser Geschäft, der Einsatz von Social Media wegweisend. Die Dimensionen sind absolut faszinierend, das Engagement bis an die Basis der Wahlhelfer unglaublich. Ebenso die Millionen, die zum Einsatz kommen. Fast absurd»

Obama oder Romney? «‹It’s the economy, stupid›, hat mal einer gesagt. Ich traue beiden zu, hier Gas geben zu können – und zu wollen. Die Steuer- und Bankenstreitereien werden wohl mit beiden weitergeführt. Ich denke, Obama sollte weitere vier Jahre zur Umsetzung seiner Pläne erhalten. Er bringt frischen Wind, neue Ansätze – auch im Umgang mit den natürlichen Ressourcen.»

USA oder China? «Aus touristischer Sicht scheinen die US-Wahlen berechenbarer. In China kann über Nacht eine völlig neue Situation entstehen. In diesem Sinn ist der Machtwechsel in China mindestens so bedeutend.»

Mario Lütolf ist Direktor des schweizerischen Tourismusverbandes.

Werner Gartenmann: «China interessiert als Absatzmarkt»

USA und die Schweiz? «Die USA sind eine Supermacht. Wer dort regiert, hat weltweiten Einfluss, auch auf die Schweiz. Der Wahlkampf ist beeindruckend, ja gigantisch, aber demokratisch.»

Obama oder Romney? «Die Schweiz ist ein kleiner Staat, aber ein wichtiger Handelspartner der USA. Wie geht eine US-Regierung mit der Souveränität und Neutralität der Schweiz um? Das sind Kernfragen der Auns. In der Vergangenheit fuhr die Schweiz mit einer republikanischen Regierung bedeutend besser.»

USA oder China? «Der Machtwechsel in China erfolgt nicht demokratisch, er ist von langer KP-Hand vorprogrammiert. Der US-Wahlkampf interessiert mehr, weil zwei Parteien mit verschiedenen Ausrichtungen eine echte Wahl zulassen. Seien wir ehrlich: Uns interessiert in China der Absatzmarkt, nicht, wer regiert.»

Werner Gartenmann ist Geschäftsführer der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns).

Pascal Gentinetta: «Nicht entscheidend für uns»

USA und die Schweiz? «Ich verfolge den Wahlkampf mit Interesse, denn die Wirtschaftsbeziehungen zu den USA sind für unser Land von grosser Bedeutung. Die USA sind mit 20 Milliarden Franken der zweitgrösste Abnehmer unserer Produkte.»

Obama oder Romney? «Die Wirtschaftsbeziehungen zu den USA haben sich in den letzten Jahren intensiviert. Darauf können wir aufbauen. Für die bestehenden Diskussionspunkte zwischen den beiden Staaten, insbesondere im Steuerbereich, muss eine Lösung gefunden werden – unabhängig vom Wahlausgang. Der 6.November ist für diese Aufgabe nicht entscheidend.»

USA oder China? «Beide sind wichtig, dürfen aber nicht überbewertet werden. Wichtiger sind die bilateralen Beziehungen. Sie sollten weiterentwickelt werden.»

Pascal Gentinetta ist Direktor des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse.

Hansruedi Wandfluh: «Romney brächte Vorteile»

USA und die Schweiz? «Selbstverständlich verfolge ich den Wahlkampf in den USA gespannt. Das enorme Defizit, das Obama angehäuft hat, wird wirtschaftlich seine Spuren hinterlassen. Den Demokraten sind alle Mittel recht, um die Einnahmen zu vermehren. Die Republikaner hingegen haben die Souveränität von demokratischen Staaten stets respektiert. Das interessiert mich vor allem als Politiker.»

Obama oder Romney? «Eine Wahl Romneys und damit eine Abkehr von der Schuldenwirtschaft der USA dürfte langfristig zu Wirtschaftsaufschwung und zur Wiedererstarkung des Dollars führen. Dies würde uns Konkurrenzvorteile bringen.»

USA oder China? «Ich würde vermuten, dass die Unterschiede der beiden amerikanischen Kandidaten grösser sind als diejenigen der Chinesen. Wichtig ist mir in China die Stabilität des politischen Systems.»

Hansruedi Wandfluh ist Direktor der Wandfluh AG in Frutigen mit Ableger in Shanghai und SVP-Nationalrat.

Christian Levrat: «Für die Schweiz wird sich wenig ändern»

USA und die Schweiz? «Ich komme eben zurück aus Cincinnati, Ohio, wo ich auf Einladung von Radio Suisse romande den US-Wahlkampf verfolgen konnte. Ich habe die Auftritte von Obama, Biden, Romney und der Tea Party verfolgt. Da sind die besten Wahlkampfteams der Welt an der Arbeit, und für uns gibt es davon viel zu lernen.»

Obama oder Romney? «Das demokratische Lager hat eine gerechtere, multilateralere Weltsicht. Europa ist aber im amerikanischen Wahlkampf nicht wirklich ein Thema, deshalb wird sich an den Beziehungen Schweiz - USA nur wenig ändern.»

China oder USA? «Die amerikanischen Wahlen interessieren mich mehr, weil die USA eine Demokratie und unserem System trotz allem näher sind. Normalerweise konnten in den letzten Jahren nicht einmal Sinologen beurteilen, was ein Machtwechsel in China wirklich für Folgen hat.»

Christian Levrat ist Präsident der SP Schweiz.

Dieter Ruloff: «Schweiz könnte mit beiden leben»

USA und die Schweiz? «Die USA sind die letzte Supermacht, sie bestimmen einen Grossteil des Weltgeschehens oder versuchen dies zumindest. Als Spezialist für internationale Beziehungen komme ich um amerikanische Politik also nicht herum. Darüber hinaus fasziniert mich die Sache auch schlechthin. Es ist ein politisches Spektakel, wie es sonst auf der Welt nicht geboten wird.»

Obama oder Romney? «Obama ist in Europa und wohl auch in der Schweiz beliebter als Romney, zumindest in der Breite der Bevölkerung. Die Schweiz könnte mit beiden leben. Bei Obama weiss man, was man hat. Die Verbindungen zu seiner Regierung sind in jenen Bereichen, in denen für die Schweiz etwas auf dem Spiel stehen (vor allem bei Steuern und Banken), klar abschätzbar. Mit einer Regierung Romney müsste man wohl von vorne anfangen. Allerdings wäre Romney als Mann der Wirtschaft für die Schweiz möglicherweise am Ende der bessere Partner.»

China oder USA? «Die US-Wahlen sind klar spannender. Die Weichenstellung in China ist passiert, ohne Wahl, schlicht innerparteilich, Einsetzen des Nachfolgers durch die aktuell Herrschenden. Da ist die Spannung grösstenteils weg. Es gibt zwar Hoffnungen auf Reformen, aber man muss das abwarten.»

Dieter Ruloff ist Professor für internationale Beziehungen an der Universität Zürich.

Basler Zeitung

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