«Was für ein intriganter Sack!»

Nie reden die Parlamentarier in Bern so böse über ihre Kollegen wie vor einer Bundesratswahl.

Vor der Bundesratswahl wird die Wandelhalle zum Pausenplatz, auf dem hemmungslos gelästert wird. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Vor der Bundesratswahl wird die Wandelhalle zum Pausenplatz, auf dem hemmungslos gelästert wird. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Das übliche Gespräch zwischen Journalist und Politiker in der Wandelhalle verläuft in diesen Tagen folgendermassen: Journalist: «Grüezi! Wie gehts auch so? Läuft etwas?» Politiker: «Grüezi, grüezi. Gut geht es. Nichts läuft!» Dieser Teil des Austausches ist laut und herzlich, für alle sichtbar. Dann rücken die beiden näher, machen einen Sicherheitsblick über ihre Schulter, senken die Stimme. «Das ist eine Zwetschge, sage ich Ihnen. Heute denkt wohl jeder, er könne Bundesrat werden!» Der schlaue Journalist nickt wissend dazu und sagt etwas möglichst Unverbindliches, weil: Da kommt vielleicht noch mehr. «Haben Sie das Interview mit ihr in der NZZ gelesen? Ich bin fassungslos. Die hat keinen Schimmer vom Dossier. Keinen!»

Es ist Aussenstehenden manchmal etwas schwer zu vermitteln, doch gruppenprozessmässig gesprochen, entspricht unser Parlament etwa dem Niveau einer mittleren Sekundarschulklasse. Es gibt Anführer, Strategen, Mitläufer, Intriganten, Blöffer, Nerds, Klassentrottel. Alle reden über alle. Alle lästern über alle. Alle schimpfen über alle.

Und nie, nie!, wird der Widerspruch zwischen dem, was Politiker und Parteien öffentlich von sich geben, und dem, was sie wirklich denken, so offensichtlich wie vor einer Bundesratswahl. Wahrscheinlich ist es die Aufregung, die erhöhte Aufmerksamkeit, die Aussicht auf ein paar leichte Treffer.

Die Wahrheit ist weniger schön

Man sah das zum Beispiel Anfang letzter Woche, als die drei FDP-Kandidaten ihre ersten Hearings vor den anderen Fraktionen hatten. Nach der Anhörung verschickte die CVP eine Medienmitteilung. «Die Fraktion hat alle drei Kandidierenden der FDP angehört», stand da, und dann: «Alle drei Personen sind durchaus wählbare und qualifizierte Kandidaten für die Nachfolge.»

Sätze wie dieser gehören zum Schauspiel, dass alle Parteien vor Bundesratswahlen gerne geben: Sie tun so, als handelten sie nach den hehrsten Motiven, getrieben von Staatsräson und Vernunft. Die Wahrheit ist meist nicht ganz so schön. «Mit Cassis könnte man leben», sagt ein Mitglied der CVP-Fraktion über den Tessiner Favoriten, «weil er ein schwacher Bundesrat wäre. Den hätte man im Griff.»

Video: Politbüro

Heute: Warum sind alle in Maudet verknallt – und die Rüebli-Substanz der FDP-Aussagen.

Was Cassis in diesen Tagen abbekommt, ist allerdings nichts gegen das, was die lieben Kolleginnen und Kollegen Parlamentarier über Isabelle Moret sagen. «Woher nur hat diese Frau ernsthaft die Idee, dass sie diesen Job könnte?», sagt ein bürgerlicher Politiker. Es wird über ihre Stimme geätzt, über ihre SMS an andere Parlamentarier, über das, was einem gerade so in den Sinn kommt.

Nicht nur die aktuellen Kandidaten (Pierre Maudet wird übrigens gern als Bluffer und Blender tituliert) werden in diesen Tagen durchgehechelt. Fast noch präsenter als die Wahl zur Nachfolge von Didier Burkhalter scheint das Rennen um den Sitz von Bundesrätin Doris Leuthard. In der CVP-Fraktion weiss offenbar niemand, wann die Chefin nun genau zurücktritt. Nur dass es möglichst schnell sein soll, darin sind sich alle einig. Die CVP ist schon voll im Bundesratsmodus – inklusive Abqualifizierung der eigenen Parteifreunde. Da wird über das Alter des einen Parlamentariers geschnödet, über die unverschämten Bezüge eines anderen, die doch sehr junge Frau eines dritten und die eher zweifelhafte Intelligenz eines vierten. Kurz: Die können das alle nicht.

Die künftigen Vakanzen

Und nicht nur bei Doris Leuthard beginnt das kollektive Scharren der Fraktion – auch für den bald erwarteten (in der FDP: erhofften) Rücktritt von Bundesrat Johann Schneider-Ammann bringen sich die Deutschschweizer Freisinnigen bereits jetzt in Position. Es gab mehr als einen FDP-Vertreter, der sich in der Fraktion für Isabelle Moret einsetzte, um zu verhindern, bei der nächsten Vakanz gegen die hoch gehandelte St. Gallerin Karin Keller-Sutter antreten zu müssen. Wer mit anderen Freisinnigen darüber spricht, hört dann Sätze wie diesen: «Unglaublich, wie der sich jetzt schon ins Spiel bringt. So ein intriganter Sack!»

Wie eine Sekundarklasse

So ist das übrigens vor jeder Bundesratswahl. So ist es, in abgeschwächter Version, auch zwischen den Bundesratswahlen. Dass man davon so selten liest, hat einen triftigen Grund: Auch wir Journalisten sind Teil der Sekundarschulklasse. Auch wir stänkern und schnöden und reden böse. Unter uns. Mit den Parlamentariern. Es ist ein Spiel, ein Tanz um Offensichtlichkeiten. Und ganz oft, wenn man in einer Sonntagszeitung wieder etwas von einem obskuren Geheimplan liest oder irgendeine mal mehr und öfter weniger aufregende Neuigkeit aus einem internen Papier vernimmt, dann ist dies das Resultat eines dieser Gespräche in der Wandelhalle oder anderswo unter der Bundeshauskuppel. Sicherheitsblick über die Schulter, Stimme gesenkt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2017, 18:41 Uhr

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