Warum sich Väter selten Hilfe holen

Eine neue Kampagne fordert mehr Engagement der Männer bei der Kinderbetreuung. Doch wenn Väter Rat brauchen, stehen sie stets vor Frauen.

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Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Men Care wirbt nicht für Pflegeprodukte, sondern für die Pflege der Vaterrolle. Das am Montag lancierte Programm gibt es bereits in mehreren Ländern. In der Schweiz wurde Männer.ch von der internationalen Menschenrechtsorganisation Oak-Foundation angefragt, das Projekt in die Schweiz zu tragen. Die Forschung zeige «deutlich» die positiven Effekte der väterlichen Betreuung, heisst es in der Informationsbroschüre von Men Care. Sie wirke sich «positiv auf die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung von Babys und Kindern aus». Ausserdem stärke väterliches Engagement familiäre Beziehungen, fördere die Karriere der Mütter und halte die Väter gesund. Doch: «In der Schweizer Familienrealität bleibt es – zumindest werktags – meist beim Wunsch.»

Das Men-Care-Programm will deshalb «einen Wertewandel herbeiführen mit dem Ziel, alle Belastungen und Ressourcen fair – das heisst hälftig – zwischen den Geschlechtern aufzuteilen». Ziel sei also «eine Gesellschaft, in der Männer ganz selbstverständlich Sorge tragen und Verantwortung übernehmen für Kinder». In eine ähnliche Richtung geht auch die vor kurzem lancierte Unterschriftensammlung für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub. Im Parlament hatte der Vaterschaftsurlaub bisher keine Chance, in der Bevölkerung gibt es Sympathien: Die ersten 10'000 Unterschriften wurden innerhalb von 24 Stunden gesammelt.

Nur Beraterinnen, keine Berater

Es tut sich etwas beim Thema Vaterschaft. Doch in einem wichtigen Punkt gibt es Aufholbedarf. Angenommen, der moderne Vater bringt sich in Pflege und Erziehung der Kinder ein, hat eine Frage oder ein Problem und möchte sich als moderner Vater beraten lassen: Dann hat er es ziemlich sicher mit einer weiblichen Beraterin zu tun: In der ganzen Schweiz gibt es neben allen Mütter- und Väterberaterinnen keinen einzigen männlichen Berater.

Ist das mit ein Grund für die Diskrepanz bei der Nachfrage? Ein Beispiel: 2015 führte die Mütter- und Väterberatung «Perspektive Thurgau» 15'426 Gespräche mit Müttern und nur 468 Gespräche mit Vätern. Das heisst, auf 32 Beratungsgespräche mit einer Mutter kam im Schnitt eines mit einem Vater.

Männer lassen sich lieber von Männern helfen

Für Olivia Thoenen, Leiterin der Schweizer Mütter- und Väterberatung, ist klar, wieso es keine männlichen Berater gibt: «Voraussetzung für die Arbeit als Mütter- und Väterberater ist eine Ausbildung als Pflegefachperson für Kleinkinder – und in diesem Beruf gibt es extrem wenige Männer.» Auf die Pflegeausbildung zu verzichten, sei aber nicht sinnvoll, da es in der Beratung nach wie vor auch um Fragen der Baby- und Kleinkindpflege gehe. In den letzten Jahren würden aber psychosoziale Fragestellungen in der Beratung immer wichtiger.

Der Mangel an männlichen Beratern ist problematisch, denn viele Männer lassen sich lieber von Männern beraten als von Frauen. Das hat Thomas Brunner, Leiter der Elternberatung von Pro Juventute, immer wieder so erlebt. Er hat jahrelang Familien sozialpädagogisch begleitet und sagt: «Viele Männer suchten das Gespräch mit mir statt mit meinen Kolleginnen.» Dabei spiele oft nicht die Abgrenzung zur Frau, sondern die Nähe zum Mann eine Rolle. «Bei einem männlichen Berater gibt es andere Anschlussmöglichkeiten: Möglicherweise kennt er ähnliches aus der eigenen Biografie oder kann gut nachvollziehen, welche Rollenbilder Männer mit sich vereinbaren müssen.»

Die Diskussion über Rollenbilder sei generell etwas, was Männer stark beschäftige, sagt Brunner: «Es ist für sie nicht immer einfach, die vielseitigen Ansprüche – Ernährer, Fels in der Brandung sein, empathischer Vater – unter einen Hut zu bekommen.» Zudem würden viele Väter Probleme länger ertragen, bevor sie handelten. Bei der Pro Juventute Elternberatung haben sich 2015 über 2200 Ratsuchende gemeldet. Nach Einschätzung der Beratungsteams lag der Anteil der ratsuchenden Männer bei unter 20 Prozent.

Brunner würde es deshalb sehr befürworten, wenn es mehr männliche Berater gebe – auch in seinem eigenen Team. «Sie zu rekrutieren, ist allerdings nicht einfach.» Auch Olivia Thoenen schreibt angesichts von Men Care, dass es sie «ganz besonders freuen» würde, «wenn irgendeinmal auch männliche Beratungspersonen in der Mütter- und Väterberatung tätig sein werden». Das würde bedeuten, dass «echte Gleichberechtigung in der Familien- und Erwerbsarbeit» erreicht wäre.

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