Vorrang für ausgesteuerte Arbeitslose

Eine Stiftung fordert Firmen auf, ihr offene Stellen zu melden. Sie will prüfen, ob diese unter den neuen Arbeitslosenvorrang fallen – und geeignete Sozialhilfebezüger vorschlagen.

Die Stiftung für Arbeit und Weiterbildung konnte in den letzten Jahren 300 Langzeitarbeitslose vermitteln. Foto: Monty Rakusen (Plainpicture)

Die Stiftung für Arbeit und Weiterbildung konnte in den letzten Jahren 300 Langzeitarbeitslose vermitteln. Foto: Monty Rakusen (Plainpicture)

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Die Arbeitslosenstatistik vermittelt den Eindruck, in der Schweiz herrsche Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote geht seit Monaten zurück und hat mit 2,4 Prozent bald wieder den Stand von vor der Finanzkrise erreicht. Doch für Tino Senoner, Vize­präsident der Schweizerischen Stiftung für Arbeit und Weiterbildung (SSAW), zeigt die Statistik nicht mal die halbe Wahrheit. Statt nur der 107'000 registrierten Arbeitslosen suchten in der Schweiz rund 250'000 Menschen eine Erwerbsarbeit. Denn von den 273'000 Sozialhilfeempfängern könnte ein Drittel einer Arbeit nachgehen, schätzt Senoner. Dazu kämen mehrere Zehntausend Ausgesteuerte, die keine Sozialhilfe beziehen.

Dass trotz guter Konjunktur in den letzten drei Jahren jeweils 40'000 Menschen aus der Arbeitslosenversicherung ausgesteuert wurden, ist für Senoner der Beleg für das Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt. Diese Betroffenen hätten während eineinhalb bis zwei Jahren mithilfe der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) vergeblich nach einer Stelle gesucht. Und nach der Aussteuerung verschwinden sie aus der Arbeitslosenstatistik, denn nur ein kleiner Anteil entscheidet sich dafür, beim RAV angemeldet zu bleiben.

Kritik an Umsetzung

Nun nimmt die gemeinnützige Stiftung zusammen mit dem KMU-Branchenverband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmechanic) den seit 1. Juli geltenden Arbeits­losenvorrang zum Anlass, die Stellenvermittlung an Langzeitarbeitslose anzukurbeln. Firmen werden aufgefordert, freie Stellen der Stiftung in Brugg zu melden. Diese überprüft kostenlos für die Firmen, ob diese die Stelle gemäss dem Arbeitslosenvorrang den RAV melden müssen. Gleichzeitig versucht die Stiftung dem Unternehmen passende Sozialhilfebezüger vorzuschlagen.

Die Stiftung sieht sich zwar nicht als Konkurrenz zu den RAV, die seit 1. Juli Arbeitslose aus Berufen mit hoher Arbeitslosigkeit bevorzugt vermitteln müssen. Allerdings hält Senoner die Umsetzung des Arbeitslosenvorrangs «für hochgradig ineffizient». Seine Stiftung wolle mit einem IT-gestützten «Matching-Tool» den Firmen selber geeignete Stellensuchende vorschlagen. Das Tool erstellt ein Kompetenzprofil des Betreffenden. Offen ist, ob die RAV die parallele Vermittlungstätigkeit der Stiftung als Verstoss gegen Arbeitslosenvorrang betrachten werden. Senoner sieht solchen Vorwürfen aber gelassen entgegen. Probleme würden sich höchstens stellen, wenn ein Unternehmen innerhalb der 5-Tage-Frist, in der registrierte Arbeitslose exklusiv Zugriff auf meldepflichtige Stellen haben, einen von der SSAW vermittelten Bewerber einstellen würde.

An sich sind die Unternehmen selbst verpflichtet, auf der Website der RAV zu prüfen, welche Stellen der Meldepflicht unterstehen. Meldepflichtig sind Stellen in Berufsarten, in denen die Arbeitslosigkeit schweizweit mindestens 8 Prozent beträgt. Ab 2020 beträgt dieser Schwellenwert dann 5 Prozent.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2015 konnte die Stiftung über 300 Langzeitarbeitslosen eine Stelle vermitteln, von denen die meisten bei einem Sozialdienst gemeldet waren. Die Vermittelten absolvieren beim Arbeitgeber oft erst ein Ausbildungspraktikum von bis zu drei Monaten. Bei Sozialhilfeempfängern trägt während dieser Zeit das Sozialamt die Lebenshaltungskosten weiter. Die Stiftung arbeitet mit Sozialdiensten in den Kantonen Aargau, Luzern, Bern, Zürich und weiteren Kantonen zusammen. In Zürich und Winterthur eröffnet sie nun Zweigstellen.

Die Stiftung, die von SVP-Nationalrat Franz Grüter (LU) gegründet wurde, vermittelt Stellensuchende immer in den ersten Arbeitsmarkt. Grüter hat mittlerweile die Präsidentschaft des Stiftungsrats an den Verlagsmanager Tobias Trevisan übergeben, um dem Vorwurf zu begegnen, die Stiftung verfolge politische Interessen.

«Exportfähigkeit gefährdet» 

Für Senoner hat die Arbeitsvermittlung der Stiftung durchaus eine politische Komponente. Wenn es nämlich in den nächsten Jahren nicht gelinge, die Zahl der ausgesteuerten Arbeitslosen drastisch zu reduzieren, werde der Unmut der Bevölkerung weiter zunehmen. Zu befürchten seien politische Entscheide, die die «Exportfähigkeit» der Schweizer Wirtschaft gefährdeten. Konkret könnte das Volk einer Initiative zustimmen, die die Personenfreizügigkeit kappt und damit die bilateralen Verträge mit der EU gefährdet.

Für Senoner ist die Situation auf dem Schweizer Arbeitsmarkt paradox. Die Industrie leide unter Fachkräftemangel, wobei es an Praktikern fehle und nicht an Akademikern. Jährlich verliere die Industrie deshalb 4000 Stellen, die zum Teil ins Ausland verlagert würden. Zugleich fänden ältere Arbeitnehmer keine Stelle mehr. Senoner sieht ein Problem bei den RAV, die Stellensuchende zu wenig auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes einstellten. Die RAV sollten Leute mit gefährdeten Berufsprofilen sogleich eruieren und ihnen gezielt Weiterbildungen vermitteln, die vom Markt verlangt würden. Ein weiteres Problem sei, dass sich vor allem Ältere auf Stellen bewerben würden, für die sie überqualifiziert seien.

Jeder Arbeitssuchende sollte sich immer auf das höchstmögliche vom Arbeitsmarkt gesuchte Kompetenzprofil bewerben, rät Senoner. Er sei überzeugt, dass mit der nötigen Unterstützung viele Ausgesteuerte vermittelt werden könnten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2018, 22:35 Uhr

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