Von Gewinnern, die nicht siegen

Über Sieg und Niederlage bei Wahlen und Abstimmungen.

Sieg, auch wenn es nur der Gewinn an Aufmerksamkeit ist: Philip Kovce, Vordenker des bedingungslosen Grundeinkommens.

Sieg, auch wenn es nur der Gewinn an Aufmerksamkeit ist: Philip Kovce, Vordenker des bedingungslosen Grundeinkommens. Bild: Jannis Chavakis (13 Photo)

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Er spricht ein grosses Wort gelassen aus: «Wir werden am 5. Juni gewinnen, aber nicht die Mehrheit.» Der es ausspricht, ist keine Titelheldin wie Goethes Iphigenie, sondern ein Philosoph, und sein Wort gilt nicht wie ihres einem Fluch, vielmehr der Zuversicht: Philip Kovce freut sich als einer der Vordenker des bedingungslosen Grundeinkommens darüber, dass die Schweizer Volksinitiative das Thema aufs Tapet gebracht hat. Hier soll es nun um die Mathematik hinter seiner Aussage gehen – aber nicht darum, wie sich die Idee auf Privat- und Staatsfinanzen auswirken würde, sondern darum, was mit Gewinnen und Verlieren bei Wahlen und Abstimmungen gemeint ist.

Der Gewinn an Aufmerksamkeit, den die Initianten bereits erreicht haben, hängt nicht einmal vom Resultat der Abstimmung ab. Und egal, wie viele oder wenige Ja-Stimmen sie erhalten: Diese Stimmen werden sie gewonnen haben, auch wenn es nicht zum Gewinnen der Abstimmung reichen sollte. Bei Volksentscheiden ist leicht zu erkennen, wer sie gewonnen hat, und eine Niederlage lässt sich allenfalls zum Achtungserfolg umdeuten, mehr aber nicht. Bei Wahlen ist das ganz anders: Da rufen sich gern alle Beteiligten zu Siegern aus; es reicht, wenn sie gegenüber dem letzten Mal zugelegt oder auch nur weniger verloren haben, als ihnen prophezeit wurde.

Prozente und Prozentpunkte

Auch in der Wahlberichterstattung erhalten häufig die Verschiebungen mehr Aufmerksamkeit als das eigentliche Resultat, also die Verteilung der Sitze. «Eurokritiker erobern Sachsen» war etwa zu lesen, als die Alternative für Deutschland (AfD) mit rund 10 Prozent der Stimmen erstmals in den Landtag einzog. Gewiss hatte sie diese Stimmen gewonnen, nicht aber die Wahl, wie es doch fürs Erobern nötig wäre. Da sie erstmals angetreten war, entsprach ihr Stimmenanteil auch ihrem Stimmengewinn oder deutlicher gesagt: dem Zugewinn gegenüber der vorherigen Wahl.

Bei der Betrachtung von Wahlresultaten ist es hilfreich, zwischen den Stimmenanteilen in Prozent und den Verschiebungen in Prozentpunkten zu unterscheiden. Wiederum am Beispiel der sächsischen AfD: Sie hatte um 10 Prozentpunkte zugelegt, und nicht etwa um 10 Prozent. Denn das frühere Resultat betrug (mangels Teilnahme) null Stimmen, und 10 Prozent davon, mithin ein Zehntel, wäre immer noch null gewesen. Sollte sie nächstes Mal weitere 10 Prozentpunkte zulegen, so hätte sie ihr Resultat um 100 Prozent (des derzeit gültigen Ergebnisses) verbessert, ihr Stimmenanteil läge aber doch erst bei 20 Prozent. Das wäre viel mehr, als man Sachsen wünschen mag, aber immer noch keine Eroberung des Bundeslandes.

Damit die Rechnung aufgeht

Sprache ist von Natur aus weniger präzis als Mathematik, aber wenn man von Zahlen redet, sollte man sich um so viel Präzision bemühen, dass die Rechnung aufgeht und keine falschen Schlüsse gezogen werden. Bei Abstimmungen, wenn sie nicht gerade unentschieden ausgehen, gibt es immer eine Sieger- und eine Verliererseite. Bei Wahlen kommt es darauf an, ob klar definierte Lager einander gegenüberstehen. Wenn eine Regierungsmehrheit Verluste erleidet, aber vereint an der Macht bleibt, so ist sie eben doch die Wahlsiegerin – auch wenn sich die erstarkte Opposition zur moralischen Siegerin ausruft.

Auf Schritt und Tritt begegnet ­man fahrlässiger Rechnerei bei der Präsentation von Umfragen, indem etwa Dinge behauptet werden, die man gar nicht wissen kann: «Jede(r) Dritte schläft schlecht», wenn nur gemeint ist, eine(r) von drei Befragten habe dies angegeben.

Auch Statistiken sind gefährliches Terrain: «Bernmobil beförderte über 100 Millionen Menschen» liest sich wie der Beweis für eine Völkerwanderung, ist aber nur eine – gewiss eindrückliche – Zählung von Einzelfahrten in einem bestimmten Jahr. Ob damit der öffentliche Verkehr die Bundesstadt schon erobert hat, ist Ansichtssache.

Daniel Goldstein ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und unterhält die Website Sprachlust.ch (Der Bund)

Erstellt: 29.04.2016, 08:03 Uhr

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