Vom Bauernsohn zum Bundesrat

Wie man mit gnadenlosem Lobbying die ganze Schweiz erobert und dabei erst noch zur Ikone wird: Das zeigt die erste Biografie über Rudolf Minger, den beliebten Vorkriegsbundesrat und erfolgreichen Bauernvertreter.

Suchte den Kontakt zur Truppe: Rudolf Minger (Mitte), Chef des Militärdepartements. Foto: NZZ-Verlag

Suchte den Kontakt zur Truppe: Rudolf Minger (Mitte), Chef des Militärdepartements. Foto: NZZ-Verlag

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bodenständig, wehrhaft, volkstümlich. Das ist «Minger Rüedu», so wie er in Politikerreden erscheint. Eine Ikone der ländlichen Schweiz. Minger, der 1918 die bernische Bauern- und Bürgerpartei gründete, die erfolgreichste Bauernpartei im ganzen Land; der 1929 als erster Bauernvertreter in den Bundesrat gewählt wurde; der sich als Chef des Militärdepartements vor dem Zweiten Weltkrieg dafür einsetzte, die Armee kriegstauglich zu machen: Bis heute bedient er die Sehnsucht nach einer überschau­baren, gemütlich-bäuerischen Schweiz.

Nun liegt die erste umfassende Biografie über den populären Vorkriegsbundesrat vor. Geschrieben mit Sympathie, aber keine Heile-Schweiz-Darstellung. Mingers Geschichte, so wie sie der Historiker und Ex-«Bund»-Chefredaktor Konrad Stamm spannend und faktenreich erzählt, ist voll von Dynamik; es ist in weiten Teilen eine Geschichte von bäuerlicher Organisation, Ideologie und Propaganda. Ihre Folgen sind bis heute in der Schweiz spürbar.

«Habgierige Geldsäcke»

Minger bezeichnet sich ein Leben lang als «einfachen Bauern» – dabei ist er es nicht. Geboren 1881 in Mülchi, wächst er zwar als Bauernsohn auf, und 1906 verhilft ihm die Heirat mit der Cousine zu einem stattlichen Hof im seeländischen Schüpfen. Doch er wird ihn nie selber führen. «Bauer» Minger ist sein Leben lang ein «Subventionsjäger», wie ihn sein Biograf einmal nennt. Wobei Minger stets bäuerlich denkt: Ein Staat ohne Sonderstellung für die Landwirtschaft – das kann er sich nicht vorstellen.

«Der kräftige Bauernstand bildet die Felsburg, an der alle revolutionären Gelüste zerschellen müssen.»

Rudolf Minger

Über die landwirtschaftliche Genossenschaft Schüpfen steigt er zur zentralen Figur im bernischen Genossenschaftsverband auf. Unter Minger wird die bäuerliche Selbsthilfe politisch, er mischt schon bald die Parteienlandschaft auf. Die Freisinnigen beschimpft er als «habgierige Geldsäcke», die SP-Chefs sind für Minger nichts als «Parteibonzen». Noch gehören die Bauern zum Freisinn, obwohl man im wirtschaftlichen Interessenkampf das Heu nicht auf der gleichen Bühne hat: hier die Landwirte, die Preisschutz via Zollmauern wollen. Dort die Wirtschaftsliberalen, die für offene Grenzen einstehen. Sind die Lebensmittel günstig, müssen Unternehmer weniger Lohn bezahlen.

Der Konflikt zwischen Bauern und Konsumenten spitzt sich im Ersten Weltkrieg zu. Ab 1916 leiden viele Städter unter steigenden Nahrungsmittelpreisen, Gerüchte über volle Vorratskammern auf dem Land lassen die Bauern als «Kriegsgewinnler» dastehen. Der Bundesrat legt Höchstpreise fest. Jetzt greift Minger für die Bauern nach mehr politischer Macht. Der Krieg hat das bäuerliche Selbstbewusstsein gestärkt: Der Landwirtschaft ist es gelungen, freiwillig die Produktion zu steigern.

Die Bauern als «Nährstand der Nation», das bekommt die Schweiz nun öfters zu hören. Die Überhöhung der eigenen Berufsgruppe ist die propagandistische Begleitmusik zur politischen Emanzipation. Dem Beispiel der Zürcher Landvereine folgend, kündigt Minger in seiner Bierhübeli-Rede 1917 die Gründung einer bernischen Bauernpartei an. 1919 gewinnt sie bei den ersten Proporzwahlen die Hälfte der bernischen Nationalratssitze. Und bei den kantonalen Parlamentswahlen zertrümmert sie die freisinnige Vorherrschaft. Der Kanton Bern ist von da an fest im Griff einer agrarischen Kraft. Um den Erfolg abzusichern, verbreitert Minger die Macht­basis und integriert das Gewerbe. Ab 1921 setzt sich der neue Name durch: Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB). Dank Mingers breiterem Konzept ist die BGB tragfähiger als die reine Bauernpartei der Zürcher.

Obwohl Minger vor allem die wirtschaftlichen Interessen der Bauern im Sinn hat: Der Auftritt der neuen Partei lädt sich sofort ideologisch auf. Im November 1918 rufen Gewerkschafter und Sozialdemokraten zum Landesstreik auf. Mingers Partei beschliesst, bewaffnete Bürgerwehren zu organisieren, obschon der Bundesrat davor gewarnt hat. Bauernsöhne als Speerspitze gegen links: Damit lässt sich das Feilschen um Vorteile politisch verbrämen. Nationalrat Minger wird im Bundeshaus sagen: «Der kräftige Bauernstand bildet die Felsburg, an der alle revolutionären Gelüste zerschellen müssen.»

Tatsächlich beschäftigen den Bundespolitiker dann Schlachtvieh- und Milchpreise. Seine klare Agenda macht ihn ­berechenbar. Ende 1929 wird er, ein Schwergewicht unter den Bauernvertretern im Parlament, mit 48 Jahren in den Bundesrat gewählt. Auch deshalb, weil die BGB ihr oppositionelles Gebaren abgelegt hat. Der Bundesrat ist einseitig zusammengesetzt, der Freisinn kann nicht anders, als einen Sitz abzugeben.

Mingers Wahl ist für die ganze Schweiz wichtig. Sie ist eine Etappe auf dem Weg zur Vollendung der Konkordanzdemokratie. Minger hat Vorarbeit geleistet: Er hat «den Boden für die Integration der ländlich-bäuerlichen Opposition in den bürgerlichen Staat bereitet», schreibt Konrad Stamm. Als Bundesrat trägt Minger dann auf seine Weise dazu bei, dass auch die linke Opposition Teil dieses Staates und seiner Machtverteilungsinstanzen wird.

Ging er aus Trotz?

Noch lehnt die SP die militärische Landesverteidigung ab, als Oberst Minger 1930 das Militärdepartement übernimmt. Deshalb ist sie bei Bundesratswahlen chancenlos. Aber auch auf bürgerlicher Seite sagen sich viele «Nie wieder Krieg». Die Militärausgaben sinken Jahr um Jahr. Bis Minger die Kurskorrektur einleitet. Er tourt durch die Schweiz. In vollen Turnhallen applaudieren am Schluss seiner Reden die Industriearbeiter. Als die SP 1935 auf die Linie der Landesverteidigung einschwenkt, liegt das zum Teil an Hitlers aggressiver Aussenpolitik. Aber auch an Minger. 1943 erhält die SP den ersten Bundesrat.

Minger als Staatsmann in schwieriger Zeit: durchaus, aber doch auch wieder nicht. 1938, als die Umsetzung der Armeereform drängt, ist er lustlos. Sein Rücktritt per Ende 1940 wirkt wie Fahnenflucht. Ausgerechnet im Jahr, in dem der Bundesrat personell am schwächsten und das Bedürfnis der Bevölkerung nach Orientierung am stärksten ist. Geht er aus Trotz oder Frust – oder weil er sich als Militärvorsteher überfordert fühlt? 1935 hätte er gerne das Volkswirtschafts- oder ein neu geschaffenes Landwirtschaftsdepartement übernommen. Daraus wird nichts. Nach seinem Rücktritt fällt Minger völlig zurück in seine alte Rolle. Er lobbyiert derart für die Bauern, dass es einem Beobachter «schamlos» vorkommt.

Konrad Stamm: Minger, Bauer, Bundesrat. NZZ Libro Zürich, 2017. 432 S., zahlreiche Abbildungen, ca. 48 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2017, 22:25 Uhr

Artikel zum Thema

Der beliebteste Politiker

Analyse Es sind immer die gleichen Amtsträger, die in der Bevölkerung gut ankommen, das Beispiel Widmer-Schlumpf zeigt es. Eine kleine Typologie. Mehr...

Als Ogi seinen Kollegen zum Bleiben nötigte

Alt-Bundesrat Adolf Ogi wird im Sommer 70. Eine neue Biografie fördert Geschichten über ihn zutage, die man bisher nicht kannte. Mehr...

Die Nichtstudierten

Wenige Bundesräte hatten keinen Hochschulabschluss – so auch Guy Parmelin. Dass die Amtszeit dennoch gelingen kann, zeigt die Geschichte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Wettbewerb

Gratis nach Singapur fliegen

Seit Anfang August fliegt Singapore Airlines auch ab Zürich mit einem neu ausgestatteten Airbus A380. Gewinnen Sie zwei Flugtickets.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss So einfach geht gute Verdauung

Zum Runden Leder Weniger Werbung

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...