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Viele Zweifel an der Flucht-Theorie

Die zwei Schweizer Taliban-Geiseln in Pakistan sind wieder frei. Die Umstände der Freilassung sind unklar: Geheimdienstler sprechen von Lösegeld. Bundesrat Didier Burkhalter widerspricht dieser These.

Konnten sich in der Gefangenenunterkunft offenbar relativ frei bewegen: Daniela W. und David O. nach der Rückkehr. (17. März 2012)
Konnten sich in der Gefangenenunterkunft offenbar relativ frei bewegen: Daniela W. und David O. nach der Rückkehr. (17. März 2012)
Keystone
Müssen nun das Erlebte verarbeiten: Das Paar nach der Landung in Kloten. (17. März 2012)
Müssen nun das Erlebte verarbeiten: Das Paar nach der Landung in Kloten. (17. März 2012)
Keystone
Mitglieder eines Stammes in Belutschistan betrachten einen brennenden Tanker (13. November 2010). Belutschistan ist die öl- und erdgasreichste Region des Landes.
Mitglieder eines Stammes in Belutschistan betrachten einen brennenden Tanker (13. November 2010). Belutschistan ist die öl- und erdgasreichste Region des Landes.
Reuters
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Die zwei in Pakistan verschleppten Schweizer sind nach 259 Tagen in Gefangenschaft frei. Das bestätigte das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) heute Nachmittag. Der Schweizer Botschafter in Islamabad steht in direktem Kontakt mit dem Paar.

Didier Burkhalter trat heute um 15.30 Uhr vor die Medien. Zu den genauen Umständen wollte Burkhalter keine Details preisgeben, auch nicht dazu, welche Strecke die beiden auf ihrer Flucht zurücklegen mussten. Die Schweiz habe keine Überwachungsdrohne in der Region, mit der sie die Flucht hätte dokumentieren können. Burkhalter wollte auch nicht sagen, wo sich die Geiseln zurzeit aufhalten.

Burkhalter bestätigte, dass er vor kurzem mit den Geiseln telefonieren konnte. «Die Geiseln haben mir gesagt, dass sie flüchten konnten», so Burkhalter. Er bekräftigte, dass kein Lösegeld geflossen sei. «Die Schweiz zahlt kein Lösegeld und hat kein Lösegeld bezahlt.» Burkhalter bat die Medien, die Privatsphäre der ehemaligen Geiseln zu respektieren. Er machte auch nochmals auf die Risiken solcher Reisen in gefährliche Gebiete aufmerksam. Er verwies auf die Reisehinweise auf der Seite des EDA. Burkhalter konnte keine Details zur Flucht nennen. Er wisse nur so viel, wie ihm die Geiseln erzählt hätten.

Journalisten hakten aber nach: Es gebe die These, dass Pakistan eine Lösegeldsumme bezahlt habe. Im Gegenzug verbessere die Schweiz die Beziehungen zu Pakistan. Burkhalter widersprach diesen Gerüchten vehement. Er sagte nochmals: «Wir haben kein Lösegeld bezahlt.»

Mazhar Abbas, stellvertretender Direktor der pakistanischen TV-Station ARY One World Television, hält es ebenfalls für unmöglich, dass die Geiseln flüchten konnten. Er sagt gegenüber Redaktion Tamedia: «Aus Gefangenschaft der Taliban zu fliehen ist für einen Einheimischen praktisch unmöglich. Erst recht für Ausländer.» Er nennt die folgenden Gründe: «Das Gelände ist zu unwegsam. Hinzu kommt, dass die Taliban ausgezeichnet vernetzt sind. Sie hätten entflohene Geiseln sofort wieder eingefangen, weil jemand sie informiert hätte.» Viel wahrscheinlicher sei, dass die Geiseln freigelassen wurden. Es gebe drei Möglichkeiten: «Entweder wurde Lösegeld bezahlt, ein anderer Deal getroffen, oder es wurde Druck auf die Taliban ausgeübt.»

Kosten unbekannt

Die Schweiz hatte nach Bekanntwerden der Geiselnahme eine Taskforce einberufen, die sich um die Freilassung der beiden bemühte. Wie hohe Kosten diese Arbeiten verursachten, konnte Burkhalter noch nicht sagen. Dies sei bislang nicht prioritär gewesen. Die Kosten würden aber detailliert berechnet und gegenüber der Finanzdelegation der eidgenössischen Räte offen gelegt.

Ob die beiden Geiseln sich finanziell an den Kosten beteiligen müssen, sagte er nicht. Grundsätzlich stellte er aber eine gesetzliche Regelung in Aussicht, wie in Fällen künftig vorgegangen werden soll, bei denen Schweizerinnen und Schweizer in gefährlichen Regionen Opfer einer Geiselnahme werden.

Gesetz zur Kostenbeteiligung in Aussicht gestellt

Wie diese Regelung aussehen werde, könne er noch nicht sagen, sagte Burkhalter. In der Aussenpolitischen Kommission des Ständerats (APK) werde bereits diskutiert, wie mit Geiselnahmen von Auslandschweizern umgegangen werden solle. Parallel dazu würden nun auch Überlegungen angestellt, wie mit Geiselnahmen von Schweizer Ferienreisenden umgegangen werden solle, die sich in gefährliche Gebiete begeben.

In einem Telefongespräch mit der pakistanischen Aussenministerin Hina Rabbani Khar bedankte sich der Aussenminister bei Pakistan für die grossen Anstrengungen in dieser Geiselaffäre. Die Schweiz habe von Beginn weg eng mit Pakistan zusammen gearbeitet.

Seinen Dank richtete Burkhalter auch an die Beteiligten auf der Schweizer Seite, insbesondere an die Mitglieder der mit der Geiselaffäre betreuten Taskforce und deren Leiter, Botschafter Christian Dussey.

Per Helikopter nach Peschawar

Die Schweizer waren Anfang Juli im Nordosten Belutschistans entführt worden. Sie waren in einem Campingbus unterwegs und wollten in den Bergen des Distrikts Loralai übernachten. Die Region gilt als Transitroute der radikal-islamischen Taliban zwischen dem pakistanischen Stammesgebiet Süd-Waziristan und Afghanistan.

Bis heute ist unklar, wie das Schweizer Paar freigekommen war. «Sie sagten uns, sie hätten es geschafft, aus Gefangenschaft der Taliban zu fliehen», sagte der pakistanische Armeesprecher, Major General Athar Abbas. Über Details der angeblichen Flucht, hatte Abbas «keine Informationen».

Das heisst, die Schweizer sind tatsächlich geflohen – oder sie wurden von ihren Geiselnehmern freigelassen. Dies legt die Aussage eines Taliban-Sprechers nahe, den CNN zitiert. Demnach seien die beiden Schweizer nach einem Beschluss des Rates der Ältesten freigelassen worden.

Aus Geheimdienstkreisen hiess es dagegen, die Taliban hätten die Geiseln freigelassen, nachdem mit der Schweizer und der pakistanischen Regierung eine Übereinkunft erzielt worden sei. Ein Geheimdienstmitarbeiter, der anonym bleiben wollte, sagte: «Von der Schweizer Regierung wurde Lösegeld gezahlt, aber es ist nicht klar, in welcher Höhe. Die pakistanische Regierung liess Gefangene frei, aber es ist nicht klar, wie viele.»

Zahlung von Lösegeldern wird selten bestätigt

In Pakistan kommt es häufig zu Entführungen von wohlhabenden Pakistanis durch Extremisten und Verbrecherbanden, die hohe Lösegelder fordern, deren Zahlung aber selten bestätigt wird. Die Taliban hatten unter anderem die Entlassung von Aufständischen aus der Haft in Pakistan gefordert. Derzeit sind noch fünf Ausländer in Pakistan entführt, darunter ein Deutscher.

Die Taliban teilten im Februar mit, die Europäer befänden sich inzwischen in ihrer Gewalt. Im August vergangenen Jahres war ein amerikanischer Entwicklungshelfer in der ostpakistanischen Metropole Lahore Opfer einer Entführung geworden. Al-Qaida teilte mit, der US-Bürger befinde sich in der Gewalt des Terrornetzes.

sda/AFP/dapd/mfa/ami

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