Verdingkinder-Verein macht dem Bund harsche Vorwürfe

An einem runden Tisch sollen sich Bund und Betroffene über die Hilfe für Opfer von Zwangsmassnahmen einigen. Jetzt verlässt eine Organisation erzürnt das Gremium – und gefährdet die Einigkeit.

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Felix Schindler@f_schindler

Es ist ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte: Bis in die 80er-Jahre sind Kinder ohne Gerichtsbeschluss in Heime gesperrt, verknechtet, zwangssterilisiert und verdingt worden. Viele von ihnen leben noch heute, sind traumatisiert und psychisch oder körperlich versehrt. An einem runden Tisch sollen 22 Parteien klären, wie die Betroffenen entschädigt werden und wie die Behörden ihre Verantwortung wahrnehmen sollen.

Scharfe Kritik am stellvertretenden Direktor des Bundsamtes für Justiz

Jetzt erfährt dieses Vorhaben einen Dämpfer: Eine der sechs Betroffenenorganisationen hat heute Dienstagmorgen bekannt gegeben, sich mit sofortiger Wirkung vom runden Tisch zurückzuziehen. In einer Mitteilung beurteilt der Verein Netzwerk-verdingt den Prozess als «gescheitert». Hauptgrund dafür sei «die Fehlbesetzung in der Person des Delegierten». Diese Kritik richtet sich an Luzius Mader, Jurist, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Justiz und seit bald 30 Jahren im Sold der Eidgenossenschaft. Mader gilt als gewiefter Taktiker, er steht im Ruf, den runden Tisch weit gebracht zu haben und mit den Betroffenen auf Augenhöhe zu diskutieren. Der Verein Netzwerk-verdingt sieht das anders: «Sein Wirken stand stets auf der Seite der Täter und nicht der Opfer», heisst es in der Mitteilung. Auf Anfrage erklärt der Präsident des Vereins, Walter Zwahlen: «Herr Mader hat einen zunehmend diktatorischen Stil entwickelt. Inzwischen schmettert er jegliche Kritik unbesehen ab.» Unter diesen Umständen sei es ihm als Vertreter von Betroffenen unmöglich, weiter zu verhandeln.

Ein Beispiel, an dem sich der Streit konkret entzündet, ist das Gesuchsformular für Soforthilfe. Seit Anfang des Monats können Opfer von Zwangsmassnahmen, die sich in akuter finanzieller Not befinden, um einen Beitrag aus einem Soforthilfefonds ersuchen. Dazu muss allerdings ein sechsseitiges Formular ausgefüllt werden, in dem die Betroffenen detaillierte Angaben über ihre finanziellen Verhältnisse machen, den Verwendungszweck des Beitrages angeben und weitere Informationen über ihr Schicksal offenlegen müssen. Seit Anfang Monat sind bereits 150 Gesuche eingegangen. Dennoch stellt das Formular dem Vernehmen nach eine hohe Hürde für die Betroffenen dar – viele von ihnen sind psychisch beeinträchtigt. Mehrere Betroffenenorganisationen hätten sich ein einfacheres Formular gewünscht, doch der Wunsch fand bei Mader kein Gehör.

Rückzug nicht mit anderen Organisationen abgesprochen

Trotzdem: Bisher ist keine weitere Organisation dem Beispiel Zwahlens gefolgt. «Wir bleiben am runden Tisch, das ist klar. Herr Mader hat seine Sache bisher gut gemacht», sagt Ursula Müller-Biondi, Präsidentin des Vereins Rehabilitierung der Administrativ Versorgten (Ravia). Auch der Historiker Thomas Huonker, der den Verein Fremdplatziert vertritt, wird sich weiterhin am runden Tisch beteiligen. «Wir halten diesen nach wie vor für die richtige Massnahme, um die Interessen der Opfer fürsorgerischer Zwangsmassen voranzubringen.»

Dafür kommt das forsche Auftreten von Zwahlen nicht bei allen gut an. Für Huonker ist es «nicht akzeptabel, dass der Verein Netzwerk-verdingt eine weitere Teilnahme am runden Tisch als Verrat an den Betroffenen bezeichnet». Und die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr, die dem runden Tisch als beratende Stimme angehört, sagt: «Die persönlichen Angriffe durch den Präsidenten des Vereins Netzwerk-verdingt irritieren.»

«Niemals den Bettel hinschmeissen»

Mader selbst will sich nicht zur Kritik an seiner Person äussern. Auf Anfrage erklärt er, er sei erstaunt über den Austritt von Netzwerk-verdingt. «An der Sitzung vom letzten Freitag war ein solcher Schritt nicht zu erwarten, er hatte vor dem Versand der Medienmitteilung keinen Kontakt zu mir gesucht und den Austritt nicht mit anderen Organisationen abgesprochen.» Die Arbeit des runden Tischs geht laut Mader auch nach dem Rückzug von Netzwerk-verdingt weiter. «Selbstverständlich werden wir auch in Zukunft die Interessen der ehemaligen Verdingkinder wahrnehmen. Dies geschieht auch unabhängig von der Beurteilung von Herrn Zwahlen.»

Bleibt zu hoffen, dass die Opfer nicht unter diesem Disput leiden werden, wie Fehr sagt. Das ist auch der Wunsch von Müller-Biondi. Sie war, anders als Zwahlen, selbst von Zwangsmassnahmen betroffen. Sie wurde als 17-jähriges, schwangeres Mädchen ins Gefängnis gesteckt, ohne eine Straftat begangen zu haben. «Wir Betroffenen haben gelernt, dass man niemals den Bettel hinschmeissen darf, wenn man im Leben etwas erreichen soll.»

DerBund.ch/Newsnet

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