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Verbilligtes Shopping auf Pump

Der Bundesrat will den maximal zulässigen Zins für Kleinkredite um ein Drittel senken. Schuldenberater hoffen, dass die Banken nun ihre Bittsteller genauer prüfen, bevor sie ihnen Geld leihen.

Um ihre Träume zu verwirklichen, verschulden sich manche: Besucher an der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld. Foto: Reuters
Um ihre Träume zu verwirklichen, verschulden sich manche: Besucher an der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld. Foto: Reuters

Ein junges Paar zieht zusammen, hat aber zu wenig Geld, sein neues Heim zu möblieren. Eine typische Situation, bei der ein Gang zur Kreditbank lockt: Mehrere Tausend Franken, erhältlich gegen einen zweistelligen Zinssatz, versprechen eine schnelle Erfüllung der Wohnträume. Konsumkredite, im Alltag meist Kleinkredite genannt, sind in der Tat weit verbreitet in der Schweiz: Rund jeder fünfte Haushalt soll sie nutzen, um Möbel, ­Autos oder Ferien zu finanzieren.

Glaubt man indes den Bankenvertretern, dann müsste sich das erwähnte Paar in Zukunft wohl auf eine spartanische Lebeweise einstellen. Der Bundesrat hat gestern nämlich einen weitreichenden Entscheid getroffen: Er will die Profite aus dem Geschäft mit Kleinkrediten nach unten drücken. Künftig soll eine Bank dafür maximal 10 Prozent Zins verlangen dürfen. Heute liegt die Obergrenze bei 15 Prozent. Der Spielraum wird weidlich ausgenutzt: Führende Anbieter (Cembra Barkredit, Cash­gate, Bank Now) erheben derzeit Maximalzinsen zwischen 11,9 und 14,5 Prozent. Für den Bundesrat ist das zu viel, da nicht mehr dem allgemeinen Zinsniveau entsprechend. Vor elf Jahren, als die Regierung den 15-Prozent-Deckel beschloss, herrschten üppigere Verhältnisse an den Märkten. Künftig will der Bundesrat mithilfe eines neuen mathematischen Schlüssels den Höchstzins jedes Jahr überprüfen und allenfalls anpassen.

Konsumentenschutz will mehr

Werden die Beschlüsse umgesetzt, wird Leben auf Pump also billiger. Vorerst gehen die Vorschläge nun in die Vernehmlassung. Es ist aber anzunehmen, dass die federführende Justizministerin Simonetta Sommaruga (SP) an ihrem Plan in jedem Fall festhält. Er entspricht nämlich einem langjährigen Anliegen der Stiftung für Konsumentenschutz, die Sommaruga einst präsidierte.

Geschäftsleiterin Sara Stalder begrüsst denn auch den Entscheid – sie sieht ihn nur als «ersten Schritt». Angesichts des Geldmarktes wäre es aus Stalders Sicht möglich, noch viel weiter zu gehen. Unter bestimmten Voraussetzungen hielte sie auch eine Obergrenze von 5 Prozent für angezeigt. Dass eine Senkung auf 10 Prozent die Banken in Schwierigkeiten bringen könnte, ist für Stalder unplausibel: «Sie haben mit viel zu hohen Zinsen jahrelang gut verdient.»

Die Branche selber ist da entschieden anderer Meinung. Der Verband Schweizerischer Kreditbanken und Finan­zierungsinstitute (VSKF) warnt vor «enormem volkswirtschaftlichem Schaden». Laut VSKF weist der Konsumkreditmarkt heute ein Volumen von rund 7,5 Milliarden Franken auf. Durch die Zinssenkung drohe er um 2 bis 2,5 Milliarden zu schrumpfen. VSKF-Geschäftsführer Robert Simmen gibt zu bedenken, dass bestimmte Konsumenten zwar Kredite nehmen dürften, zugleich aber «höhere potenzielle Ausfallrisiken» aufwiesen: eben zum Beispiel junge Paare am Beginn der Berufskarriere. Hier müsse es möglich sein, hohe Zinsen zu verlangen. Wenn der Bundesrat dies abstelle, würde den Risikokunden kein Geld mehr geliehen – und der Binnenmarktkonsum bräche um mehrere Milliarden Franken ein.

Viele kennen ihre Zinsen nicht

Die auf Konsumkredite spezialisierte Bank Now wehrt sich überdies gegen den Vorwurf, zu hohe Zinsen eingestrichen zu haben. Zahlreiche neue Regulierungen und Vorschriften hätten die Banken in den letzten Jahren stark belastet. «Die Zusatzkosten wiegen den Margengewinn, der durch das tiefe Zinsniveau entstanden ist, vollständig auf», sagt Mediensprecher Bernhard Schmid. Und auch er fände es «bedauerlich», wenn gewisse Kunden aufgrund tieferer Zinsen «in ihrer Finanzierungsfreiheit eingeschränkt» würden.

Genau diese heutige «Finanzierungsfreiheit» ist aus Sicht vieler Schuldenberater allerdings tückisch. «Ich hoffe, dass der tiefere Zins die Banken dazu bringt, ihre Kredite sorgfältiger zu vergeben – die Situation der Antragsteller sollte genauer überprüft werden», sagt Barbara Mantz, Schuldenberaterin bei der Caritas Zürich. «Für einen Betroffenen kann es kurzfristig zwar tragisch sein, keinen Kredit zu erhalten. Langfristig aber würde die Schuldenfalle sein Unglück vergrössern.» Mantz hat beobachtet, dass die für ihre besonders günstigen Kleinkredite bekannte Migros-Bank oft Bittsteller abweist – und diese dann bei einem Institut mit deutlich höheren Zinsen Aufnahme finden.

Würden aber verbilligte Kleinkredite nicht viele Menschen erst recht in die Schuldenfalle locken? Mantz glaubt das nicht. «Meine Erfahrung ist: Vielfach wissen die Schuldner gar nicht genau, wie viel Zins sie bezahlen. Im Moment, in dem sie einen Kredit aufnehmen, sind sie vielfach einfach nur verzweifelt – und hoffen, so ihr Problem lösen zu können.»

Werbung für Kleinkredite eingeschränkt

Beim Dachverband Schuldenberatung Schweiz baut man auf die kombinierte Schlagkraft von Bundesrat und Parlament: National- und Ständerat haben unlängst beschlossen, die Werbung für Kleinkredite stark einzuschränken. Die Wirkung gelte es abzuwarten und zu überprüfen, sagt Verbandspräsidentin Bea Heim. Gegebenenfalls brauche es dann weitere Verschärfungen. «Letztlich berappt die Allgemeinheit die Überschuldung von Haushalten. Diese bezahlen keine Steuern und keine Krankenkassenprämien mehr.»

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