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Velodiebe werden kaum je erwischt

Fast alle drei Minuten wird in der Schweiz ein Fahrrad gestohlen. Die Aufklärungsrate ist vernichtend klein. Die Kantonspolizei Bern etwa ermittelt in nur einem Prozent der Fälle den Täter.

Sommerzeit, Velozeit, Diebstahlzeit. «Fahrraddiebstahl ist ein Massendelikt», sagt Stefan von Below von der Kantonspolizei Bern. Allein in den vergangenen sechs Wochen seien in der Stadt Bern 422 Anzeigen wegen Velodiebstahl eingereicht worden. Jährlich seien es im Kanton Bern 10'000 und schweizweit 50'000. «Doch das», sagt von Below, «ist nur die Spitze des Eisbergs.» Die meisten Eigentümer würden den Verlust ihrer Fahrzeuge gar nie melden, da sie keine Ahnung von ihrer Vignetten- oder Rahmennummer hätten. Die Dunkelziffer sei darum entsprechend hoch. Wie viele Zweiräder in der Schweiz tatsächlich geklaut werden, kann darum auch Polizeisprecher von Below nicht beantworten.

Eine grobe Ahnung hat hingegen der auf Veloklau spezialisierte Peter Kolb. Der Basler Kantonspolizist geht aufgrund seiner langjährigen Erfahrung von rund 150'000 entwendeten Fahrrädern pro Jahr aus. Das würde bedeuten, dass fast alle drei Minuten ein Velo den Besitzer wechselt, ohne dass der etwas davon merkt.

Zwar hält sich der Schaden bei einem Durchschnittspreis von 1300 Franken im Einzelfall in Grenzen. Doch aufgerechnet entsteht den Versicherungen ein Schaden von rund 65 Millionen Franken. «Und rechnet man hierzu noch die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Velos, kommen noch 130 Millionen Franken dazu», so Kolb.

Jeder Dritte ist betroffen

«Fahrraddiebstahl ist ein Phänomen, das sich in den vergangenen Jahren akzentuiert hat», sagt Pro-Velo-Geschäftsführer Christoph Merkli. Im diesjährigen Städterating seiner Organisation hätten denn auch 48 Prozent der Befragten angegeben, in den letzten Jahren von Diebstahl und Vandalismus betroffen gewesen zu sein. Und eine repräsentative Umfrage der ETH Zürich und der Universität St.Gallen zeigt, dass einem Drittel der Velofahrer in der Schweiz mindestens einmal ein Fahrrad entwendet wurde – ein weiteres Drittel war von Vandalismus betroffen.

Aufgeklärt werden allerdings nur knapp drei Prozent der Fälle, im Kanton Bern sogar nur ein Prozent. «Der Aufwand für Ermittlungen ist einfach zu gross, angesichts der relativ geringen Schäden», sagt von Below.

Luxus-Bikes fürs Ausland

Velodiebe gehen also kein grosses Risiko ein, erwischt zu werden. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass der Diebstahl mittlerweile auch organisiert stattfindet. «Dahinter stecken oft organisierte Banden aus Osteuropa, die sich auf hochwertige, neue Bikes spezialisiert haben.» Die gehen auf eigentliche Tour de Suisse, sammeln Räder mit dem Lastwagen auf und verfrachten sie anschliessend ins Ausland, wo sie als Ganzes oder in Einzelteilen verhökert werden.

Nationales Fahrradregister

Diesem Treiben mag CVP-Nationalrätin Ruth Humbel nicht weiter tatenlos zusehen. «In unserer Familie sind auch schon Velos demoliert und gestohlen worden», sagt die Aargauerin. Nun hat sie eine Interpellation zur Prüfung eines nationalen Fahrradregisters eingereicht. «Die grosse Anzahl Diebstähle zeigt klaren Handlungsbedarf auf», argumentiert die Politikerin. Als Vorbild zieht sie ein System heran, das in Holland 2006 eingeführt wurde. Seither soll sich dort die Zahl der Diebstähle um 29 Prozent reduziert haben. Die Räder sind durch die Registrierung eindeutig identifizierbar und können dem Eigentümer bei einem allfälligen Auffinden zurückgebracht werden. Ausserdem erschwert es den Dieben den Weiterverkauf.

Nicht nur Pro Velo Schweiz, auch die Versicherungen unterstützen das Ansinnen. Stephanie Walpen von der Mobiliar-Versicherung: «Ein nationales Fahrradregister wie es Ruth Humbel vorschlägt, hat sicher das Potenzial, die Anzahl Schäden zu verringern.» Allerdings gibt Walpen zu bedenken, dass ein tieferer administrativer Aufwand einer der Hauptgründe ist, warum die Velovignette abgeschafft werden soll. Es wäre falsch, nun an einem anderen Ort einen neuen Aufwand zu schaffen. «Darum muss geklärt werden, wer ein solches Register führt und finanziert.»

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