Uran auf Schweizer Feldern

Seit Jahrzehnten reichert sich durch Kunstdünger-Austrag radioaktives, hochgiftiges Uran in den Ackerböden an. Mit welchen Folgen, ist unklar. Der Bund arbeitet nur zögerlich an einer Verbesserung der Faktenlage.

Ein Bauer düngt seinen Acker: Dabei gelangen Schwermetalle in den Boden.

Ein Bauer düngt seinen Acker: Dabei gelangen Schwermetalle in den Boden.

(Bild: Dariusz Paciorek (iStock))

Wenn im Frühling die Saat auf den ­Feldern wieder zu spriessen beginnt, schwärmt die Armada aus. Mit Traktor und Streuer jagen dann die Landwirte über ihre Felder und bringen ihn aus: Kunstdünger. Die weissen Kügelchen verhelfen ihnen seit Jahrzehnten zu satten Ernten. Dabei ahnen sie wohl nicht, dass mit dem Dünger auch tonnenweise radioaktives und giftiges Uran auf den fruchtbaren Schweizer Böden landet. Zwei bis fünf Tonnen reines Uran sind es jährlich gemäss dem Verband der Schweizer Kantons­chemiker.

Uran kommt in den Phosphorminen, wo der Dünger gewonnen wird, natürlicherweise vor. Und das Schwermetall ist gefährlich. Nicht wegen seiner radioaktiven Strahlung, sondern vielmehr wegen seiner toxischen Wirkung auf Mensch und Umwelt. Ein Erwachsener sollte weniger als ein Mikrogramm Uran pro Tag und Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen. So besagt es die WHO-Richtlinie. Ansonsten drohen Langzeitschäden etwa der Niere. Der Wert ist oberstes Limit – er wurde bereits auf politischen Druck hin nach oben korrigiert. Eine erwachsene Person, die 80 Kilo schwer ist, sollte also weniger als ein 80 millionstel Gramm Uran pro Tag zu sich nehmen. In einer Untersuchung haben die Kantons­chemiker 2012 die 6000-fache Menge in nur einem Kilogramm Phosphordünger gemessen. Uran in Böden gefährdet aber nicht nur den Menschen. Zu viel Uran gefährdet die Bodenfruchtbarkeit und belastet das Grundwasser.

Studie weist Anreicherung nach

Es stellen sich also Fragen: Was passiert mit dem Uran in den Schweizer Böden? Gelangt das Gift in die Nahrungsmittelkette oder ins Trinkwasser? Und sind die vorhandenen Mengen überhaupt gefährlich? Eine aktuelle Studie des Geographischen Instituts der Uni Bern liefert jetzt ansatzweise Antworten darauf. Die Resultate von 400 untersuchten Bodenproben aus dem Schweizer Mittelland zeigen, dass sich Uran aus Kunstdüngern im Boden anreichert. Und das schon seit Jahrzehnten. Dafür verantwortlich zeichnet in erster Linie der Phosphatdünger. Wohin das übrige Uran gelangt, welches sich nicht im Boden sammelt, ist zu wenig erforscht. «Erhebliche Wissenslücken», schreiben die Autoren. Unklar ist zum Beispiel, unter welchen Umständen und in welchen Mengen Uran von den Böden ins Grundwasser und damit ins Trinkwasser ausgewaschen werden kann.

Sicherheit herrscht in wissenschaftlichen Kreisen einzig darüber, dass von dem Uran-Eintrag keine unmittelbare Gefahr ausgeht. «Die Kühe fallen wegen des Urans auf der Wiese nicht sofort tot um», sagt etwa der Berner Kantons­chemiker Otmar Deflorin. Zum selben Schluss kommt eine Studie des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) vom Juni 2015. Dennoch gibt es ein Aber. ­Deflorin: «Es ist unnötig, dass man mit dem Dünger Uran auf unsere Ackerböden ausbringt.» Die langfristigen Auswirkungen seien unklar. «Es handelt sich um ein Schwermetall, das schwer abbaubar ist. Wir wissen nicht, wo und wie es sich anreichert und ob es zum Beispiel das Grundwasser gefährdet», sagt Deflorin. Es sei denkbar, dass die Probleme erst in Zukunft sichtbar würden. Die unmittelbare Gefahr für den Menschen sei das eine. Das andere seien die Ökosysteme.

Wie die Berner Studienautoren fordert auch Deflorin einen Grenzwert beim Uran-Gehalt im Dünger: «Die Generation nach uns wird uns möglicherweise dankbar dafür sein.» Weder die EU noch die Schweiz kennen einen Grenzwert für Uran im Dünger oder Boden. Nur für Trinkwasser gilt seit Anfang 2014 ein neuer Grenzwert von 30 Mikrogramm pro Liter. Die Schweizer Kantons­chemiker haben schon 2012 auf die Lücke hingewiesen und beim BLW auf einen Grenzwert beim Dünger gepocht. Jedoch ohne Erfolg. Damals stellte ­Deflorin zusammen mit den anderen Kantons­chemikern bei einer Routineüberprüfung der Dünger eher zufällig fest, dass die Uran-Gehalte in manchen Düngern besorgniserregend hoch waren. Sie schreiben: Gälte in der Schweiz der vom deutschen Umweltbundesamt vorgeschlagene Grenzwert von 50 Milligramm Uran pro Kilo Dünger, würden beinahe drei Viertel der untersuchten Dünger durchfallen. Pikant: Manche Dünger weisen fast zehnmal höhere Urankonzentrationen auf. Bei manchen Düngern kam fast ein halbes Gramm reines Uran auf ein Kilogramm Dünger.

Gefahr seit Jahrzehnten bekannt

Ein Blick in die Akten indes zeigt: Die zuständigen Stellen beim Bund hätten eigentlich seit Jahrzehnten über die Nebenwirkungen der Kunstdüngung Bescheid gewusst und Forschungslücken schliessen können. Schon 1991 fand das Paul-Scherrer-Institut hohe Urankonzentrationen von bis zu 100 Milligramm in den Düngern. Obwohl der Bericht weitere Abklärungen «im Detail» forderte, unternahm der Bund keine weiteren Anstrengungen. Andrea Ulrich, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim BLW, sagt: «Dem Bund ist seit längerem bekannt, dass phosphorhaltige Mineraldünger Uran enthalten können. Das Thema wird beim BLW seit einigen Jahren verfolgt und wissenschaftlich aufgearbeitet.» Auf eine genauere Angabe will man sich nicht festlegen.

In der Tat hat das Bundesamt auch nach den Erkenntnissen der Kantons­chemiker weitere Studien in Auftrag gegeben. Und weitere Male wurde dem BLW von den Studienautoren empfohlen, einen Grenzwert für Uran im Dünger einzuführen oder zu prüfen. Doch beim BLW hält man nicht viel von einem solchen Grenzwert. «Die Erstellung eines Grenzwertes ist derzeit keine prioritäre Aufgabe», sagt Ulrich. Aus Gründen der Vorsorge sei es jedoch wichtig, die Menge Uran aus Mineraldüngern zu stabilisieren oder zu senken. Wichtig seien weitere wissenschaftliche Abklärungen zum Systemverständnis, insbesondere zum Verhalten von Uran im Zusammenhang mit dem «Boden-Wasser-Transfer». Ulrich: «Über die Forschungsstelle Agroscope sind wir an solchen Fragestellungen beteiligt.» Wie es weitergeht, damit die Wissenslücken gefüllt werden können, lässt sie offen: «Wichtig ist jetzt, dass die verantwortlichen Stellen die vorliegenden Erkenntnisse diskutieren», sagt Ulrich. Danach werde sich zeigen, wo das BLW konkret aktiv werde.

Gegen einen Grenzwert spricht sich auch der Schweizer Bauernverband aus. Würde die Schweiz einseitig einen Grenzwert einführen, könnte das dazu führen, dass die Schweiz keinen Dünger mehr auf dem internationalen Markt erhielte, sagt David Brugger. Das wäre ein ernsthaftes Problem. Marktführend beim Import von Kunstdünger ist der Schweizer Agro-Konzern Fenaco. Sprecherin Szilvia Früh sagt zu einem Uran-Grenzwert, die dafür zuständigen Ämter müssten versuchen, gemeinsam mit der EU Lösungen zu finden und auf einen Alleingang zu verzichten.

Bei den Diskussionen um Grenzwerte wird eine Gefahr möglicherweise unterschätzt. Die Wissenschaft ist sich zwar einig, dass Pflanzen Uran aus dem Boden weder in den Blättern noch in den Früchten aufnehmen können. In den Wurzeln aber schon. Reichert sich Uran also in den Kartoffeln, Radieschen und Karotten an? «Das könnte ein Risiko sein, welches man bisher nicht erkannt hat», sagt Broder Merkel, Professor an der Technischen Universität Freiberg bei Dresden. Er und sein Team hätten dazu geforscht und festgestellt, dass sich Uran in den Wurzeln anreichern könne. Ihm sei aber keine Studie bekannt, die systematisch das Gefährdungspotenzial von Wurzelfrüchten untersucht habe. «Meiner Meinung nach herrscht hier ­erheblicher Forschungsbedarf.»

Interpellation im Nationalrat

SP-Nationalrätin Bea Heim reichte im Dezember eine Interpellation ein. Nach der neusten Berner Studie sagt sie: «Priorität hat jetzt, dass die Wissenslücken endlich geschlossen und die Entwicklung der Urananreicherung konsequent weiterverfolgt wird.» Es müsse geprüft werden, ob die Einführung eines Grenzwertes Sinn mache. Denn ohne Grenzwert habe auch niemand einen Anreiz, die Stoffkreisläufe zu schliessen. «Die Problematik der Anreicherung in unseren Böden zeigt, wir müssen handeln.» Man müsse den offenen Fragen insbesondere auch wegen der Gesundheit der Kinder nachgehen, sagt Heim.

Der Bund

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