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Unter den Augen wachsamer Mitbürger

Wie erlebt ein Zuzüger eigentlich unser Land? Wolfgang Koydl, Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung», hat hier jedenfalls mehr zu lernen als seinerzeit in der Türkei.

Die Schweiz im kritischen Blick des deutschen Korrespondenten: Wolfgang Koydl die ersten Eindrücke aus seiner neuen temporären Heimat.
Die Schweiz im kritischen Blick des deutschen Korrespondenten: Wolfgang Koydl die ersten Eindrücke aus seiner neuen temporären Heimat.
Keystone

Bestimmte Länder lösen bestimmte Reflexe aus. Als ich vor Jahren als Korrespondent nach Istanbul ging, schlug mir im Freundeskreis Mitgefühl entgegen: «Ach, du Ärmster, wie schrecklich. Kannst du dich nicht davor drücken?» Meine Familie und ich verlebten dann einige unserer schönsten Jahre am Bosporus. Nun also ging es von London in die Schweiz, und auch diesmal war der Reflex einheitlich: «Ach, du Glücklicher. Wie schön.» Meist gefolgt von dem Seufzer: «Ja, die Schweiz. Ein Paradies.»

Nach vier Wochen Zürich ist es noch viel zu früh für ein Urteil, ob das Klischee diesmal zutrifft oder ob, Gott bewahre, erneut der Umkehrschluss. Noch gibt es viel zu lernen, übrigens mehr als in der Türkei, die mir vertrauter war, als es die Schweiz ist. Texas kenne ich, ehrlich gesagt, besser als den Thurgau, über Oberägypten weiss ich mehr als über Obwalden.

Ein exotisches Land

Aus nicht nachvollziehbaren Gründen war die Schweiz immer ein weisser Fleck auf meiner persönlichen Landkarte, mittelalterlichen Beschreibungen Afrikas nicht unähnlich. Nur dass die Schweiz in meiner Vorstellung nicht von «Engeln und Löwen» besiedelt war, sondern von Kühen mit Glocken, blonden Heidis mit dicken Zöpfen, und grau gekleideten Bankiers mit prall gefüllten Geldköfferchen.

Für einen Korrespondenten ist derlei Unschuld von Vorteil: Weil alles neu und frisch ist, kann er auch die ältesten Ladenhüter unter den Themen quasi rundum-erneuert aufschreiben. Darüber hinaus läuft er weniger Gefahr, das südöstliche Nachbarland auf die übliche nassforsch-deutsche Art als 17. Bundesland einzugemeinden, als sei es ein exotisches Meta-Schwaben.

Das entspannte Verhältnis zum Klischee

Vertraut war ich mit den üblichen Schweiz-Klischees: sauber, pünktlich, ordentlich, teuer. Erstaunt bin ich, wie selbstverständlich und selbstbewusst die Schweizer sich diese Vorurteile zu eigen machen. Wer frisch gelandete Fremde im Zubringerzug zum Flughafen mit Kuhglocken erschreckt, muss ein erfreulich entspanntes Verhältnis zu dem Bild haben, das sich das Ausland von ihm macht.

Es sind ja keine schlechten Eigenschaften, die man mit der Schweiz verbindet, und bisher bin ich auch nicht enttäuscht worden. Die Züge sind tatsächlich pünktlich – und teuer. Die Wohnung ist klinisch sauber – und teuer. Die notwendigen Verwaltungsmassnahmen auf der Gemeinde sind pedantisch ordentlich – und ebenfalls teuer. Und das Essen ist unübertrefflich gut – sofern man es sich als armer Euro-Schlucker leisten kann.

Parallelen zu den USA

Anderes überrascht, wie etwa die Parallelen, die ich zu den USA sehe: das gesellschaftliche Zusammengehörigkeitsgefühl, das Bewusstsein, für sein eigenes Schicksal verantwortlich zu sein, die Staatsskepsis und der Lokalpatriotismus. Und sogar ein vermeintlich so amerikanisches Phänomen wie die Tea Party scheint die Schweiz schon vor Jahren mit der SVP vorweggenommen zu haben.

Die ersten Eindrücke werden freilich davon gefärbt, wo man die letzten Jahre verbracht hat. Wer aus Deutschland zuzieht, dem wird die Bürokratie nicht so auffallen. Doch wer aus dem legeren Britannien kommt, der schluckt, wenn er das 10. Formular ausfüllen muss und er schon wieder nach dem Mädchennamen der Mutter gefragt wird.

Wie ein Jungbrunnen

England ist zudem ein Land, wo der Grundsatz von «live and let live» hochgehalten wird. Wer den Mitmenschen nicht gerade ein Messer in den Leib rammt, kann so ziemlich alles tun, was er will. Für ernstere Fälle gibt es Überwachungskameras, aber die sind oft kaputt oder deren Material wird nicht ausgewertet. Die Schweiz setzt statt Kameras die Augen wachsamer Mitbürger ein – und die schlafen nie. So gesehen empfinde ich das Leben hier fast wie einen Jungbrunnen. Ich fühle mich wieder wie ein Zehnjähriger im Deutschland der Sechzigerjahre, den jeder zurechtweisen kann: Hier kommt der Müll rein, geh nicht bei Rot über die Strasse, lass den Hund hier nicht pinkeln.

Apropos Hund. Ein Nachbar glaubte mich kürzlich vom zweiten Stock aus dabei ertappt zu haben, das Geschäft meines Hundes nicht weggeräumt zu haben. Gemeinsam durchkämmten wir das Rasenstück auf der Suche nach dem Corpus Delicti – ergebnislos, weil es keines gab. Als er von unserer Unschuld überzeugt war, streckte mir der Mann die Hand entgegen und stellte sich vor. Ich denke, er könnte ein Freund werden – mit der Zeit.

Wolfgang Koydl ist nach Istanbul, Washington und London seit kurzem in der Schweiz stationiert.

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