Bern - Wien: Psychogramm einer speziellen Beziehung

Österreich verspricht der Schweiz Hilfe in Brüssel. Und sogar Wilhelm Tell überschütten sie mit Zuneigung. Was ist hier los?

Händedruck unter Bundespräsidenten: Alain Berset (l.) mit seinem österreichischen Amtskollegen Alexander Van der Bellen in der Wiener Hofburg. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Händedruck unter Bundespräsidenten: Alain Berset (l.) mit seinem österreichischen Amtskollegen Alexander Van der Bellen in der Wiener Hofburg. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Der rote Teppich in der Wiener Hofburg ist gesaugt, die Ehrenkompanie des Bundesheeres steht stramm, die Garde­musik ist bereit, den Schweizer Psalm zu intonieren. Doch die zwei Hauptdarsteller halten sich nicht an das Drehbuch. Anstatt über den roten Teppich zu schreiten, gehen Bundespräsident Alain Berset und sein österreichischer Amtskollege Alexander Van der Bellen zuerst in die andere Richtung, wo sie eine Handvoll Zuschauer mit Schweizer Fähnchen entdeckt haben. Doch als Berset seine vermeintlichen Landsleute grüsst, entpuppen sie sich als Touristen aus Asien und Nahost. Ein Mitarbeiter der Schweizer Botschaft hat ihnen die Fähnchen in die Hand gedrückt.

Zu keinem anderen Land hat die Schweiz engere Beziehungen als zu Österreich.

Die organisierte Schweiz-Begeisterung bei Bersets Staatsbesuch ist symptomatisch für die Beziehungen zwischen den zwei Alpenrepubliken. Bersets Reise nach Österreich lässt das Schweizer Publikum ebenso kalt wie fast alles, was östlich des Rheins passiert — ausser vielleicht, wenn Marcel Hirscher und Co. wieder einmal den Skiweltcup gewinnen. Dieses emotionslose, aber wohlwollende Desinteresse wird von den ­Österreichern ebenso emotionslos und wohlwollend erwidert. Was für ein Kontrast zu jener Hassliebe, die viele Deutschschweizer mit Deutschland verbindet! Oder die Romands mit Frankreich! Oder die Tessiner mit Italien!

Mit Morgarten fing alles an

Zu keinem anderen Land hat die Schweiz engere Beziehungen als zu Österreich. Die erste Auslandsreise des Bundespräsidenten? Führt fast immer nach Wien. Die Wirtschaftsbeziehungen? Enorm! Allein mit Tirol treibt die Schweiz mehr Handel als mit Russland. Gemessen an der Einwohnerzahl ist das Handelsvolumen mit Österreich anderthalbmal so gross als mit Deutschland und dreimal so gross als mit Frankreich. Die kulturellen Beziehungen? In keinem anderen Land unterstützt Pro Helvetia, gemessen an der Grösse, mehr Kulturanlässe.

Zudem haben beide Länder Berge (die Schweiz die höheren), beide sind UNO-Sitzstaat (die Schweiz der bedeutendere), beide sind neutral (die Schweiz etwas dogmatischer), und beide haben ähnlich viele Einwohner (die Schweiz etwas weniger). Drohungen mit der Kavallerie wie aus Deutschland, schwarze Listen wie in Italien, Milliardenklagen gegen die UBS wie in Frankreich: Gibt es in Österreich alles nicht.

Hinter so viel Eintracht, das lehrt einen die politische Erfahrung, müssen sich irgendwelche Spannungen verstecken. Aber welche? Ursula Plassnik, von 2004 bis 2008 österreichische Aussenministerin und jetzt Botschafterin in Bern, empfängt uns zur Klärung dieser Frage. Doch vorher ruft sie den Österreich-Verantwortlichen im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) an, um ihn zu fragen: «Welche Probleme haben wir eigentlich miteinander?» Weder dem EDA-Mann noch ihr sei etwas Gravierendes eingefallen, erzählt Plassnik. Ausser vielleicht ein bisschen Fluglärm auf dem Flugplatz Altenrhein. Oder die AKW, die im nuklearfreien Österreich von jeher auf wenig Freude stossen. Und ja: Österreichische Gewerbebetreibende klagen, sie würden auf dem Schweizer Markt mit den flankierenden Massnahmen diskriminiert. Das wars dann auch schon.

Die Habsburger waren selber Schweizer

Plassnik selber ist die personifizierte bilaterale Nähe. Sie war mit einem Schweizer verheiratet und kam so sogar zur Schweizer Staatsbürgerschaft. Wenn die Beziehungen zwischen den zwei Ländern derart gut sind, warum reden wir dann nicht mehr mit- und übereinander? «Das ist die Frage, auf die ich schon seit Jahren vergeblich eine Antwort suche», sagt Plassnik.

Dabei hat die gemeinsame Geschichte denkbar schlecht begonnen: 1315 und 1386 wars, in Morgarten und Sempach. Zwar ging es dort gegen die Habsburger. Aber für Generationen von Schulkindern haben die Schweizer damals «die bösen Österreicher» aus dem Land geworfen. Doch genau genommen waren die Habsburger selber Schweizer: Die Habsburg liegt im Aargau. Und aus österreichischer Sicht präsentiert sich die Geschichte sowieso ganz anders. Morgarten und Sempach kennt hier niemand. Und selbst nach dem Verlust der eidgenössischen Gebiete blieb Habsburg-Österreich jahrhundertelang eine Grossmacht.

«Die österreichische Wahrnehmung der modernen Schweiz intensivierte sich erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs», sagt Plassnik. Nach zwei verlorenen Weltkriegen war Österreich 1945 auf einmal ebenso klein wie die Schweiz — und die Not der Bevölkerung derart gross, dass die Schweiz als der Ort erschien, in dem Milch und Honig fliessen. Abertausende von Kindern wurden vom Roten Kreuz in die Schweiz gebracht und assen hier erstmals Schokolade und Orangen. Jahrzehntelang hat die Erfahrung dieser «Schweizer Kinder» das Bild vieler Österreicher positiv geprägt. 1946 reiste Bundeskanzler Leopold Figl eigens nach Bern, um sich beim Bundesrat zu bedanken.

Minderwertigkeitskomplex

Die eigentliche Tradition der gegenseitigen Erstbesuche begann erst in den 1970er-Jahren – eine Regel, von der beide Seiten ab und zu abweichen. Ihm seien solche Traditionen jedoch wichtig, sagt Berset am Dienstagabend auf dem Rückflug aus Wien.

Er verhehlt aber auch nicht, dass die Bern-Wien-Connection dem Bundesrat 2018 besonders wertvoll scheint. Denn in der zweiten Jahreshälfte wird Österreich die Ratspräsidentschaft der EU übernehmen. Angesichts der jüngsten Eskalation mit Brüssel versucht der Bundesrat nun, auch über Wien seinen Einfluss wahrzunehmen. Tatsächlich gibt Bersets Amtskollege Van der Bellen nach einem Vieraugengespräch das Versprechen ab, Österreich werde in der EU seinen Einfluss zugunsten «unserer Schweizer Freunde» geltend machen.

Van der Bellens Aussage ist auch Ausdruck eines neuen österreichischen Selbstbewusstseins. Es war für das Land nicht einfach, aus den Trümmern eines Weltreichs und eines Weltkriegs eine neue Identität als moderner Kleinstaat aufzubauen. Hinzu kam, dass die Schweiz während der ganzen Aufbaujahre reicher und erfolgreicher blieb. «Wer hat solche Schulkameraden gern?», fragt Plassnik rhetorisch.

Zürich ist doppelt so gross, aber halb so lustig

Vielleicht erklärt die 61-Jährige damit auch, weshalb die österreichische Zuneigung zur Schweiz nie zur heissen Liebe wurde. Getröstet haben sich die Österreicher lange Zeit damit, dass sie sich für lebensfreudiger halten: Kennen Sie den Unterschied zwischen Zürich und dem Wiener Zentralfriedhof? – Zürich ist doppelt so gross, aber halb so lustig. «Wir Österreicher», sagt Plassnik, «können DJ Ötzi und Wiener Philharmoniker».

Doch dann kam das Schlüsseljahr 1995: Österreich trat der EU bei, die Schweiz blieb draussen. Die Folge war ein kleines Wirtschaftswunder. Österreichs Exporte und das Bruttoinlandprodukt wuchsen, während die Schweiz stag­nierte. Mitte der Nullerjahre hielten manche Ökonomen es für möglich, dass Österreich die Schweiz wirtschaftlich überholen könnte. Inzwischen ist der Abstand zwar wieder etwas grösser geworden. Doch Österreichs Minderwertigkeitskomplex scheint verflogen.

«Aus dem Dreck geholfen»

Aus dieser Aufbruchsphase stammt auch das 2001 eröffnete Leopold-Museum in Wien, das derzeit Ferdinand Hodler zu seinem 100. Todestag eine grosse Ausstellung widmet. Hodler – auch das ist eine dieser speziellen bilateralen Geschichten – galt zwar lange Zeit als Schweizer Nationalmaler, seinen Durchbruch schaffte er aber in Österreich. «Die Wiener haben mir aus dem Dreck herausgeholfen», schrieb Hodler.

Berset lässt sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Auf einem Rundgang durch die Ausstellung steht er dann plötzlich vor Hodlers Wilhelm Tell, der normalerweise im Kunstmuseum Solothurn hängt. Damit das monumentale Bild überhaupt nach Wien transportiert werden konnte, musste es erst restauriert werden — woran die Österreicher einen substanziellen Betrag leisteten. Der Schweizer Nationalheld, dessen einzige Tat ein hinterhältiger Mord an einem österreichischen Amtsträger war, wird von den Österreichern gesund gepflegt und wird nun in der österreichischen Hauptstadt von Tausenden von Österreichern bewundert: Ist mehr Freundschaft überhaupt noch möglich?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 08:17 Uhr

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