Unnötige Operationen kosten Millionen

Privatpatienten werden viel häufiger operiert als Allgemeinversicherte, besagt eine Studie des Bundesamtes für Gesundheit. Dabei sind einige Eingriffe gar nicht notwendig.

Karikatur: Felix Schaad

Karikatur: Felix Schaad

Markus Brotschi@derbund

Patienten, die privat oder halbprivat versichert sind, werden in der Schweiz 2,2-mal häufiger am Knie operiert als Patienten mit einer Grundversicherung. An der Wirbelsäule nehmen die Ärzte bei den Zusatzversicherten 1,5-mal mehr operative Eingriffe vor, und Hüftgelenke werden 1,3-mal häufiger ersetzt. Dies zeigt eine Auswertung der Spitalstatistik durch das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Eine medizinische Begründung für diese Mehrbehandlung von Zusatzversicherten sei nicht erkennbar, sagt BAG-Vizedirektor Oliver Peters. «Bei Halbprivat- und Privatversicherten ist die Wahrscheinlichkeit, operiert zu werden, insgesamt um 17 Prozent höher als bei Patienten, die nur eine Grundversicherung haben», sagt Peters. Würden bei den 15 wichtigsten Diagnosen die Zusatzversicherten nur so oft operiert wie die Grundversicherten, könnte auf jede 13. Operation verzichtet werden.

Für das BAG liefert die Auswertung Indizien dafür, in welchen Bereichen in der Schweiz unnötige medizinische Eingriffe vorgenommen werden. Es handelt sich oft um Wahleingriffe, die meistens nicht zwingend sind und auch zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt oder sogar ganz weggelassen werden könnten. Besonders interessant sind für die Spitäler laut der BAG-Analyse orthopädische Eingriffe. Von den 15 aufgeführten Operationen werden deren 11 bei Krankheiten und Störungen am Muskel-Skelett-System und Bindegewebe durchgeführt.

Auch Grundversicherung zahlt

Für das BAG bestätigt die Untersuchung aber auch, dass «zusatzversicherte Patienten eher dem Risiko ausgesetzt sind, unnötig operiert zu werden», wie es im Fazit heisst. Für Peters ist es naheliegend, dass ökonomische Faktoren zur Mehrbehandlung von Zusatzversicherten führen. Bei diesen könnten Spitäler und Ärzte Spezialleistungen verrechnen, etwa für die freie Arztwahl im Spital sowie für ein Doppel- oder Einzelzimmer. Leitende Ärzte, Chef­- und Oberärzte erhalten separate Honorare. Die Spitäler verdienen aber auch, wenn Belegärzte – Ärzte mit eigener Praxis – ihre Privatpatienten stationär operieren.

Die Zusatzkosten für den Zimmerkomfort und die Behandlung durch Chefärzte zahlen die Patienten über die Prämien ihrer Zusatzversicherung zwar selbst. Allerdings zahlt jedes Mal die obligatorische Grundversicherung mit, wenn Privat- und Halbprivatpatienten unnötig operiert werden. Diese erhalten für ihre Behandlungen den gleichen Betrag aus der obligatorischen Krankenversicherung wie Patienten, die nur die Grundversicherung haben. Abgerechnet werden stationäre Spitalbehandlungen mit Fallpauschalen (DRG), von denen die Grundversicherung je nach Kanton zwischen 44 und 47 Prozent und der Wohnkanton den Rest übernimmt. Peters schätzt die Kosten der Mehrbehandlung von Zusatzversicherten für die Grundversicherung auf über 100 Millionen Franken pro Jahr. Ein ähnlicher Betrag entfällt zudem auf die Kantone.

Die Möglichkeiten, unnötige Operationen zu verhindern, sind jedoch begrenzt. Auf den Entscheid, zu operieren, habe die Krankenversicherung kaum Einfluss, sagt Peters. Entscheidend sei die Indikationsstellung des Arztes. Die ökonomischen Anreize würden über die Tarife gesetzt. Um unnötige Eingriffe zu verhindern, brauche es vor allem die Aufklärung der Patienten. «Jeder unnötige operative Eingriff birgt Risiken, jede Operation hat Nebenwirkungen.»

Chirurgen kritisieren die Studie

Die Ärzte weisen jedoch die Kritik des BAG zurück. Urban Laffer, der Präsident der chirurgisch und invasiv tätigen Fachgesellschaften (FMCH), wirft dem BAG «methodische und statistische Mängel» bei der Untersuchung vor. Viele der in der Studie untersuchten Eingriffe könnten auch ambulant durchgeführt werden. Die ambulanten Eingriffe würden aber statistisch nicht erfasst und vom BAG deshalb nicht berücksichtigt. Laffer vermutet, dass Zusatzversicherte sich häufiger für eine stationäre Spitalbehandlung entscheiden. Allein aus der Zahl der stationär durchgeführten Operationen könne deshalb nicht geschlossen werden, dass Zusatzversicherte häufiger operiert würden als Allgemeinversicherte. Den Vorwurf «unnötiger» Operationen weist Laffer vehement zurück.

Der Schluss, dass Privat- und Halbprivatversicherte häufiger operiert würden, sei nachvollziehbar, sagt hingegen Guido Klaus, Leiter Ökonomie und Politik des Krankenversicherers Helsana. Allerdings blende die BAG-Analyse einige Fragen aus, etwa ob der Gesundheitszustand der Privat- und Halbprivatversicherten sich von jenem der Allgemeinversicherten unterscheide. «Zudem kann es sein, dass der Arzt Privat- oder Halbprivatversicherten eher einmal empfiehlt, sich im Spital stationär statt ambulant operieren zu lassen, während manche Eingriffe bei Allgemeinversicherten möglicherweise ambulant ausgeführt werden.» Unnötige Eingriffe müssten aber in jedem Fall verhindert werden, sagt Klaus. «Wir empfehlen den Versicherten, sich über die Notwendigkeit einer Operation zu informieren und eine Zweitmeinung einzuholen.»

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