Trittst im Schneckenloch daher!

Ursula Plassnik, österreichische Botschafterin und Ex-Aussenministerin, spricht undiplomatisch scharfzüngig über die Schweiz.

Undiplomatische Diplomatin: Die österreichische Botschafterin Ursula Plassnik am Neujahrsempfang bei Bundespräsident Alain Berset.

Undiplomatische Diplomatin: Die österreichische Botschafterin Ursula Plassnik am Neujahrsempfang bei Bundespräsident Alain Berset.

(Bild: Keystone Peter Klaunzer)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Fangen wir mit dem harmloseren Teil an. Ob es etwas gebe, das die Schweiz von Österreich lernen könne, fragt die Interviewerin. Berechtigte Frage. Doch Ursula Plassnik antwortet entwaffnend schlagfertig: «Ski fahren?» Okay, dagegen lässt sich wenig sagen. Andere Aussagen hingegen werden noch zu reden geben.

Ursula Plassnik, frühere Aussenministerin Österreichs und seit 2016 Botschafterin in der Schweiz, äussert sich am Freitag in einem längeren Interviewmit der Denkfabrik Avenir Suisse erstaunlich keck über ihr Gastland.

Nach dem Doppelgestürm um Doppeladler und Doppelbürger ist das ein weiterer Doppelschlag für patriotische Gemüter. Da sind vielenorts schon die Freudenfeuer und Raketen zum 1. August infrage gestellt. Und nun kommt auch noch eine Österreicherin und wagt es kurz vor dem Freudenfest, der Schweiz in scharfzüngigen Worten heimzuleuchten.

«Im Tourismus deutlich erfolgreicher»

Wohlverstanden: Plassnik sagt viele freundliche Dinge. Doch dazwischen verpackt lauern – wie die unerwarteten Knaller eines Feuerwerks – ein paar Giftpfeile. Im Interview geht es nicht nur ums Skifahren, sondern auch um ein anderes Thema, das für Schweizer noch schwieriger ist: Europa. Das fängt schon beim Titel an: «Mittendrin statt nur dabei». (Der wohlwollende Titel, dies nur nebenbei, ist keine Aussage der EU-Bürgerin Plassnik, sondern stammt von Avenir Suisse.)

Plassnik selbst gibt der Schweiz dafür Sätze wie diese mit auf den Weg: «Das nationale Schneckenhaus ist kein zukunftsfester Ort mehr.» Und: «Insgesamt meine ich, dass bei uns der menschliche Faktor höher bewertet wird. Daher sind wir wohl auch im Tourismus deutlich erfolgreicher als die Schweiz.»

Oder: «Die Schweiz erweckt gelegentlich den Eindruck, sie habe ihr Interesse an den anderen Europäern eingeschränkt auf primär wirtschaftliche Gesichtspunkte.» Es gehe um den eigenen Vorteil, der Rest interessiere kaum. Als Beispiel nennt sie die «unselige Debatte um den sogenannten Kohäsionsbeitrag», also die helvetische Milliardenzahlung an die EU-Oststaaten. Plassnik findet, in der Schweiz würden Ressentiments gegen die Union bewirtschaftet. «Man setzt auf die Ängste einer alternden und sehr wohlhabenden Gesellschaft und bläst historische Mythen auf.»

«Sonderfall zum Dogma erhoben»

Und dann wird die Dame aus Kärnten richtig bissig: «Die Schweiz hat den Sonderfall zum Dogma erhoben, niemand ist in ihren Augen so friedlich, so demokratisch, so föderal wie die Schweiz.» Dem Land falle es schwer, anzuerkennen, dass auch die Nachbarn brauchbare politische Systeme hätten. Deshalb habe es weniger Motivation, «an den grossen europäischen Zukunftsthemen mitzuwirken». Das kann Plassnik nicht verstehen: «Es geht heute um die Sicherung des Wirtschaftsstandorts Europa, des Lebensmodells eines ganzen Kontinents im globalen Wettbewerb und nicht um einzelstaatliche Selbstbehauptung.»

Starker Tobak. Dass Plassnik findet, die Schweizer seien sturer und hätten weniger Humor als die Österreicher, ist im Vergleich dazu fast schon harmlos. Ein letztes Feuerwerk zündet sie am Ende des Interviews: «Die Schweizer legen grössten Wert auf ihre Einzigartigkeit. (...) Ich gebe zu, der ständige Verweis auf den Sonderfall nervt gelegentlich schon. Einzigartigkeit ist kein Schweizer Monopol. Von den 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen hält sich jeder völlig zu Recht für einzigartig. Für einen Sonderfall eben. Von Afghanistan bis Zimbabwe.»

Plassnik ist Ex-Schweizerin

Das Schlimmste an all dem: Man kann nicht einmal behaupten, die Frau habe keine Ahnung von der Schweiz. Sie fungierte hier früher schon einmal als Botschafterin, und vor allem war sie temporär sogar selbst Schweizerin, weil sie mit einem Mann aus dem sturen, humorlosen Nachbarland verheiratet war. Das hat offenbar nachgewirkt.

Aber vielleicht ist alles auch nur ein Irrtum. Vielleicht ist das Interview der ÖVP-Politikerin Plassnik nur eine verstecke Nachricht an die eigene nationalkonservative Regierung daheim. Bisher wäre jedenfalls nicht aufgefallen, dass die ÖVP-FPÖ-Koalition in Wien stärker am «Lebensmodell des ganzen Kontinents» interessiert ist als an der «einzelstaatlichen Selbstbehauptung». Und speziell humorvoll ist sie auch nicht, da bleiben wir stur.

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