Tierfreundlich, aber tödlich

Kühe können Menschen – und vor allem andere Tiere – schwer verwunden. Das Risiko ist vor allem in Freilaufställen gross. Obwohl diese Form der Tierhaltung artgerecht ist.

Hornkuhinitiative: Darum geht es. (Video: SDA)

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Karl Nuss und seine Mitarbeitenden haben tagtäglich mit Rindern zu tun. Beim Umgang mit behornten Kühen kann es schon mal rau werden. «Aus persönlicher Erfahrung kann ich manche Blutergüsse und ein blaues Auge beisteuern», sagt Nuss, Leiter der Abteilung Wiederkäuerchirurgie der Vetsuisse-Fakultät an der Universität Zürich. «Auch Mitarbeitende des Tierspitals haben entsprechende Erfahrungen gemacht, entweder im Spital oder im Heimbetrieb.»

Eine Kuh ist ein richtiges Kraftbündel, sie kann Mensch und Tier gefährlich werden. Erst recht, wenn sie Hörner hat. Kürzlich hat sich die Gesellschaft der Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) gegen die Hornkuhinitiative ausgesprochen. Die Fachleute begründen ihr Votum auch mit dem Verletzungspotenzial, das von behornten Kühen ausgeht.

Doch der Frage, wie oft dies geschieht, auf den Grund zu gehen, ist gar nicht so einfach. Offizielle Statistiken über die Anzahl Verletzungen, die von Rindern mit Hörnern an Menschen oder an Artgenossen verursacht werden, gibt es nicht. Laut Dominique Thiévent, Sicherheitsingenieurin bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL), gibt es keine Meldepflicht von Unfällen in der Landwirtschaft.

Vor knapp 20 Jahren veröffentlichte die Augenklinik des Kantonsspitals St. Gallen eine Studie, in der alle Augenverletzungen durch Hornstösse zwischen 1950 und 1999 erfasst worden sind. Die Forscher zählten 59 Fälle in 50 Jahren, wobei die meisten Betroffenen das Augenlicht im verletzten und zum Teil auch im zweiten Auge verloren. Im Schnitt sind das 1,2 Fälle pro Jahr, wobei die Häufigkeit über die beurteilte Zeit konstant geblieben sei. Ebenfalls 1999 veröffentlichte das Inselspital Bern eine ähnliche Studie, in der in einem Zeitraum von 45 Monaten 11 Fälle mit ähnlich schwerwiegenden Folgen erfasst worden sind.

Kaum mehr aufgespiesste Patienten

Glaubt man den Auskünften aus verschiedenen ländlichen Kantonsspitälern, hat sich die Situation seither stark verbessert. Christoph Sommer, Chef der Abteilung Unfallchirurgie am Kantonsspital Graubünden, mag sich an keinen einzigen Fall in seiner 30-jährigen Tätigkeit erinnern, bei dem ein Patient von einem Kuhhorn aufgespiesst wurde. Auch Christophe Valmaggia, Chefarzt an der Augenklinik des Kantonsspitals St. Gallen, weiss von keinem Fall in den vergangenen 18 Jahren.

Fellwunde einer durch Hornstoss verstorbenen Kuh. Foto: Karl Nuss

Auch im Spital Thun kann sich niemand an einen solchen Fall erinnern, wie die Medienverantwortliche Marie-Anne Perrot auf Anfrage erläutert. Nicht einmal in Zweisimmen sei ein solcher Fall aktenkundig, obwohl das Spital dort in einer noch ländlicheren Umgebung gelegen ist. Gemäss der Expertin der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft ist der Rückgang aber zu einem wesentlichen Teil der zunehmenden Enthornung und der hornlosen Zucht von Schweizer Rindern zu verdanken. Laut einer Erhebung der Label-Organisation KAG-Freiland von 2014 leben bereits 73 Prozent der Schweizer Milchkühe hornlos.

Häufiger sind jedoch Verletzungen, die sich die Tiere gegenseitig zufügen. «Wir sehen immer wieder schwer verletzte Rinder», bestätigt Karl Nuss von der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich. Er schätzt, dass in Zürich jährlich rund fünf bis zehn durch Hornstösse verletzte Tiere behandelt werden müssen. «Davon sind ein bis zwei Tiere schwer verletzt.»

Durchstossene Bauchwände und Todesfälle

Hautabschürfungen, Blutergüsse, aber auch Bauchwandbrüche sowie Wunden und Verletzungen innerer Organe können die Folge von wuchtigen Hornstössen sein. Der im vergangenen Jahr emeritierte Leiter der Zürcher Nutztierklinik, Ueli Braun, beschrieb 2016 in einer Studie zwei besonders gravierende Fälle, die beide tödlich endeten. Die Kühe stammten aus einer Laufstallhaltung mit behornten Kühen. Die Hornstösse der Rinder durchbrachen die Bauchwand und den Pansen, den Wiederkäuermagen der beiden Opfer. Schnell verschlechterte sich der Zustand der Tiere, sodass die Landwirte sie ins Tierspital einliefern mussten. Der Inhalt des Pansens floss in den Bauch. Die Folge waren tödliche Bauchfellentzündungen.

Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope zeigen Tiere mit Hörnern zwar ein weniger aggressives Verhalten als solche ohne. Der Grund: Mit Hörnern können die Rinder ihren Status besser signalisieren. Doch wenn es zu Konflikten kommt – dies hat eine deutsche Studie mit Jungrindern 2015 gezeigt –, laufen diese bei behornten Tieren verletzungsträchtiger ab als bei unbehornten. Das ist oft der Fall bei Stresssituationen wie dem Verladen, dem Transport oder auch nur dem Einstallen. Oder wenn die Tiere zu wenig Raum haben, sei es, weil der Stall zu eng ist oder weil es Ecken oder Buchten gibt, aus denen ein bedrängtes Tier nicht mehr rauskommt.

«Tierherden mit behornten Kühen haben 20 bis 40 Prozent mehr Platzbedarf.»Karl Nuss
Leiter Abt. Wiederkäuerchirurgie,
Vetsuisse-Fakultät, Uni Zürich

Im Kern geht es um die Frage, ob für das Tierwohl das Tragen der Hörner oder die Bewegungsfreiheit im Laufstall wichtiger ist. Claudia Schneider vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick hat ein ausführliches Merkblatt mit Empfehlungen für die Haltung behornter Kühe erstellt. Demnach kann eine solche Herde sehr wohl im Freilaufstall gehalten werden, doch die Anforderungen sind ungleich höher. «Tierherden mit behornten Kühen haben 20 bis 40 Prozent mehr Platzbedarf», meint auch Nuss.

Entsprechend müssten auch die Laufställe grosszügiger gestaltet sein. Denn die Individualdistanzen dieser Tiere sind deutlich grösser. Laut Nuss reicht aber das Flächenangebot allein nicht aus für eine artgerechte und sichere Haltung. Die Herden müssen gezielt gemanagt werden, sodass die Tiere eine stabile Rangordnung etablieren können. Rangniedrigere müssen stets Ausweichmöglichkeiten finden können. Ebenso wichtig ist der Aufbau einer Beziehung zwischen Mensch und Tier, also eine konstante Pflege und Führung der Herde durch den Landwirt.

Was ist wichtiger: Horn oder Bewegungsfreiheit?

Die andere Möglichkeit für eine sichere Haltung ist der traditionelle Anbindestall, der noch immer rund die Hälfte aller Stallhaltungen in der Schweiz ausmacht. Dort sind die Kämpfe um die Rangordnung viel weniger schlimm, weil jede Kuh einen sicheren Platz hat. Beim Weidegang haben die Tiere sowieso genügend Ausweichmöglichkeiten. Wie die Label-Organisation KAG-Freiland gezeigt hat, haben dementsprechend in Anbindeställen noch mehr Tiere Hörner, nämlich 34 Prozent gegenüber 7 Prozent in Freilaufställen.

Die Gesellschaft der Schweizer Tierärzte befürchtet deshalb, dass bei der Förderung behornter Kühe der Trend zu den Freilaufställen gebremst werden könnte. «Die Tierärzte», schreibt die GST in ihrer Mitteilung, «erachten die Bewegungsfreiheit im Laufstall aber als wichtigen Aspekt für das Wohlergehen der Kühe.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2018, 18:21 Uhr

Von hornlosen Kühen bis zu Rassen mit besonders imposanten Hörnern

Der Schweizer Bauernverband schätzt den Anteil enthornter Milchkühe auf 90 Prozent, doch genauere Erhebungen der Labelorganisation KAG-Freiland im Jahr 2014 zeigen, dass der Anteil etwas tiefer sein dürfte, nämlich rund 73 Prozent. Eine Alternative zur Enthornung sind natürlicherweise hornlose Rassen, bei denen die Tiere von Geburt an ohne Hörner zur Welt kommen. Wie hoch ihr Anteil in der Schweiz ist, weiss man nicht, doch gemäss der Firma Swissgenetics, Marktführerin beim Verkauf von Stiersamen, ist der Trend steigend. Die Zucht hornloser Kühe ist gut möglich, weil das zuständige Gen im Erbgut dominant vererbt wird. Es gibt aber auch Rinderrassen, die speziell auf schöne Hörner gezüchtet werden, zum Beispiel die Texas Longhorns oder die schottischen Hochlandrinder. Die stolzen Hörner sind bei beiden Rassen als wichtige Zuchtziele aufgeführt. Beim Zuchtverband Swiss Texas Longhorn Association zum Beispiel heisst es, dass die Hörner bei Kühen über einen Meter lang und weit aussen verdreht sein sollten, bei Stieren sogar mindestens 1,15 Meter lang sein und eine «geringfügige vordere Aufwärtsschleife» aufweisen sollten. Auch die Hochlandrinder prahlen mit mächtigen Hörnern; gemäss dem Zuchtziel der Highland Cattle Society sollen sie «ausladend, symmetrisch und geschwungen» sein. (mma)

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