Reportage: Wenn da nur dieses eine Haus nicht wäre

Wie die Rupperswiler mit dem Vierfachmord, der ihr Dorf schlagartig berühmt machte, zu leben gelernt haben.

Das Spitzbirrli-Quartier am Ostrand Rupperswils. Foto: Dominique Meienberg

Das Spitzbirrli-Quartier am Ostrand Rupperswils. Foto: Dominique Meienberg

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«Wir vermissen sie immer noch», sagt René Schwarz. Seit 28 Jahren führt er ein Café im Dorf, roter Spannteppich, belegte Brötchen, Fitnessteller. Viele Rupperswiler gehen hier ein und aus, bleiben sitzen, stundenlang, und reden. Miteinander und immer auch mit ihm, dem Wirt. Manchmal fühlt er sich wie ein Pfarrer. Zugehört hat er seit dem 21. Dezember 2015 oft, geredet auch. Seit damals, als es passierte.

Vor zwei Jahren und zwei Monaten ermordete der damals 32-jährige Thomas N. vier Menschen in ihrem Haus in Rupperswil, eine Mutter und ihre zwei Söhne, 19 und 13 Jahre alt, sowie die 21-jährige Freundin des älteren Sohns. Alle vier Opfer fesselte er vor der Ermordung, am jüngeren Sohn verging er sich sexuell. Die Mordwaffe: ein Küchenmesser. Danach legte er einen Brand, um die Spuren zu verwischen. In elf Tagen steht der mutmassliche Täter vor dem Bezirksgericht Lenzburg, vier Tage soll der Prozess dauern.

Es gilt die Unschuldsvermutung, solange kein Urteil gefällt ist, doch das ist den Rupperswilern egal. Sie wollen den heute 34-Jährigen lebenslänglich bestraft und – vor allem – verwahrt sehen. Ungeheuer brutal waren die Morde, sagen sie, sowieso hat er die Tat längst gestanden. Wenn er nicht verwahrt wird, wer dann? Thomas N. war Rupperswiler, auch die Opfer waren Rupperswiler, vor allem sie, René Schwarz hat die vier gekannt. «Der Alltag kommt zurück, das ist klar. Doch verarbeiten kann man so etwas nicht. Es tut immer noch weh.»


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Auch der pensionierte Sekundarlehrer Urs Vock sagt, man könne so einen Mord nicht verarbeiten. «Man verdrängt ihn, macht den Deckel zu, wie bei einem Buch. Verbrennen geht nicht, man weiss, das Buch steht im Regal, als Teil der Geschichte.» Vock wohnt seit 46 Jahren in Rupperswil. Hier hat er 37 Jahre lang Sekundarschüler unterrichtet und mit seiner Frau zwei Söhne grossgezogen, hier engagiert er sich im Verschönerungs­verein, Sitzbänke, Brunnen, Spielplätze. «Die Anteilnahme und die Betroffenheit im Dorf waren sehr gross, als das Verbrechen passierte. Man kannte die Opfer, man kennt den Täter, ebenso die Hinterbliebenen. Die Tat hat uns Rupperswiler enger zusammengeschweisst.»

Plötzlich verschlossene Türen

Laut dem 70-Jährigen ist es insbesondere dem Gemeinderat zu verdanken, dass die Dorfgemeinschaft nach dem Vierfachmord nicht – wie von Psychologen und Psychiatern befürchtet – ausein­anderfiel. Das Sicherheitsbedürfnis stieg rapide, die Bewohner schlossen ihre Haustüren ab, duschten nicht mehr bei offenem Fenster, Kinder hatten Mühe, einzuschlafen, Frauen gingen nicht mehr allein joggen. Die fünf Gemeinderäte hätten ihn mit ihrer Professionalität sehr beeindruckt, sagt Urs Vock. Sie hätten nicht zu viel, nicht zu wenig gesagt. Vor allem sei Gemeindeammann Ruedi Hediger hingestanden – für die Medien, die die Bürger, für alle, die etwas hätten wissen wollen oder Unterstützung gebraucht hätten. Vock hält sein Auto, mit dem er einen durchs Dorf gefahren hat, vor dem Gemeindehaus an.


Video: «Den Vater kannte man im Dorf»

Gemeindeammann Rudolf Hediger über die Trauerarbeit in Rupperswil. (Archiv) Video: Tamedia


Drinnen lächelt der Gemeinde­ammann, als er das Lob hört. Es ist abends um fünf, Ruedi Hediger hat einen Bürotag hinter und ein Einbürgerungs­gespräch vor sich. Geduldig beantwortet er alle Fragen, wie immer seit dem 21. Dezember 2015. «Wir wollten zeigen, dass wir da sind», sagt er, der einst Oberst im Generalstab der Armee war. «Schock. Betroffenheit. Unsicherheit. Wer ist der Täter, was ist das Motiv? Es gab viele Fragen. Umso wichtiger war es, zueinander zu schauen.» Dabei geholfen hat ihm die militärische Ausbildung. In einer Krisensituation sei Analyse gefragt, viel Sachlichkeit, möglichst wenig Emotionen.

Hediger glaubt nicht, dass das Verbrechen die Dorfgemeinschaft traumatisiert hat. Auch das hatten Experten im Nachgang der Tat befürchtet. «Aber tief betroffen gemacht, das schon. Auch mich selber.» Nach ein paar Monaten, erzählt er, habe auch bei ihm die Kraft nachgelassen. Geholfen haben ihm in dieser Zeit neben seiner Frau die anderen Gemeinderäte, der Gemeindeschreiber und auch die konstruktive Zusammenarbeit mit der Feuerwehr und der Polizei. «Niemand hatte das Gefühl, sich profilieren zu müssen. Wir zogen alle am selben Strick», sagt Hediger. Zu spüren, dass er seine Arbeit so schlecht gar nicht mache, habe ebenfalls geholfen. «Jemand muss es ja tun. Die Leute schätzen das auch.»

Das Dorf hat sich das Verbrechen nicht ausgesucht. Wer würde das schon?

Hediger und das Dorf Rupperswil haben sich die Ereignisse vom Dezember 2015 nicht ausgesucht. Wer würde das schon? Er betont denn auch – wie alle anderen, mit denen man spricht – dass das Dorf so viel mehr sei als das Verbrechen. Nur immer auf dieses angesprochen und reduziert zu werden, nerve und belastee, und wenn nicht, dann ist es zumindest «nicht angenehm», wie der Gemeindeammann es ausdrückt.

Auch der reformierte Pfarrer Timothy Cooke hatte am Telefon gesagt: «In Rupperswil passiert auch Gutes, Lebensbejahendes. Das darf man nicht vergessen.» Es gebe die Aare, die Auenlandschaft, viele Vereine. Und wichtig: «Es zügeln immer noch Leute hierher.» Ende 2015 zählte Rupperswil 5144 Einwohner. Heute sind es 333 mehr.

Pensionär Urs Vock hatte betont, wie sehr er sich im Dorf daheim fühle. Er glaube, dass das Verbrechen «in fünf bis zehn Jahren Geschichte» sein werde. Um dann anzufügen: «Zumindest hoffe ich es.» Auch bei Gemeindeammann Hediger ist diese leichte Verunsicherung zu spüren, ein Zögern im Gespräch. «Wenn da nicht dieses Haus wäre», sagt er schliesslich. «Seine Zukunft ist problematisch.»

Erinnerungen an zu viel Leid

Hediger spricht vom Haus im Spitzbirrliquartier am östlichen Dorfrand, in dem die vier Opfer starben. Es steht seit der Tat leer. Die blauen Rollläden sind heruntergelassen, an der Tür sind Spuren des längst entfernten amtlichen Siegels sichtbar. Besitzer oder Mieter dürften das Haus wieder betreten – doch offenbar will niemand. Da wolle doch keiner wohnen, heisst es. Und sicher bringe das Haus kein Geld. Nur schon daran vorbeizulaufen, sei belastend. Zu viele Erinnerungen an zu viel Leid.


Video: «Wir haben schnell bemerkt, dass etwas nicht stimmt.

Feuerwehrkommandant Dominik Kunz rekonstruiert den 21. Dezember in Rupperswil. (Archiv) Video: Tamedia


Also abreissen, wie es einzelne Dorfbewohner vorschlagen? Geht auch nicht: Es handelt sich um ein Doppel­einfamilienhaus. In der benachbarten Hälfte zogen die Bewohner nach dem Vierfachmord aus, der Hausteil war Mitte 2016 zum Verkauf oder zur Miete ausgeschrieben. Sechseinhalb Zimmer mit Garten, Baujahr 1999. Mittlerweile sind neue Bewohner eingezogen. Sie waren für DerBund.ch/Newsnet nicht zu erreichen.

Haus steht zum Verkauf

Auch der Hausteil der getöteten Mutter steht mittlerweile zum Verkauf. Wie Daniel Bosshard vom Konkursamt Aargau in Oberentfelden sagt, haben die Hinterbliebenen die Erbschaft ausgeschlagen, worauf durch das zuständige Gericht der Konkurs über die Erblasserin eröffnet wurde. Das Inventar, das Lastenverzeichnis und der Kollokationsplan der Frau seien seit dem 20. Juli 2017 rechtskräftig. Letzterer listet sämtliche Forderungen auf, die von den Gläubigern angemeldet und von der Konkursverwaltung zugelassen werden. Zum Haus kann Bosshard aus Gründen des Amtsgeheimnisses nichts Genaueres sagen. Nur so viel: «Wir versuchen, die Liegenschaft bestmöglich zu verkaufen.» Findet sich kein Käufer, wird das Konkursamt das Haus öffentlich versteigern. Im Moment ist das laut Bosshard aber kein Thema.


Video: «Es war ein grosser Schock, dass der Täter aus Rupperswil kommt»

Regierungsrat Urs Hofmann zum Fall Rupperswil. (Archiv) Video: Tamedia


Für viele im Dorf ist sowieso klar: Es dürfte sehr schwierig werden, das Haus zu verkaufen. Weil es – zumindest für die nächsten paar Jahre – immer mit seiner traurigen Geschichte in Verbindung gebracht werden wird. Wenn jemand einziehe, der von den Morden nichts wisse, ziehe wohl bald wieder aus, wenn er davon erfahre. Und wer einziehe, weil er sich an der Vorgeschichte nicht störe, müsse sich im Dorf Fragen gefallen lassen. Wieso willst du da wohnen? Wie hältst du das aus? Wir könnten das nie!

«Ich weiss nicht einmal, wie es drinnen aussieht. Ob es jemals gestrichen wurde nach dem Brand.»Ruedi Hediger, Gemeindeammann

Dass insbesondere die Nachbarn um Normalität ringen, zeigt die Aussage einer Anwohnerin. Man solle doch bitte die vielen Kerzen, die Trauernde für die Opfer in der Nähe aufgestellt hätten, wieder entfernen, sagte sie Monate nach der Tat. Es sei so schon schwierig genug. Mittlerweile sind die Kerzen verschwunden, ausser den Siegelspuren an der Tür erinnert nichts mehr an das Verbrechen. «Ich weiss nicht einmal, wie es drinnen aussieht. Ob es jemals gestrichen wurde nach dem Brand», sagt Gemeindeammann Hediger. «Vermutlich wurde einfach der Schlüssel gedreht.» Er könne sich gut vorstellen, dass es gerade für die Nachbarn sehr schwierig sei, dieses Haus stets vor Augen zu haben.

Schwierig bleibt die Situation auch für die Familien und Freunde der Verstorbenen. Marc Nussbaumer, Pfarrer der evangelisch-methodistischen Kirche im Dorf, kann dies insbesondere für das Umfeld der ermordeten Freundin des älteren Sohnes beurteilen. Sie war als Jungscharleiterin in Nussbaumers Kirche aktiv. «Das Verbrechen ist aus dem öffentlichen Gespräch verschwunden», sagt er. «Die Menschen, die die Tote nicht kannten, wollen, dass das Leben weitergeht.» Wer der jungen Frau hingegen nahegestanden habe, vermisse sie nach wie vor sehr. Für all diese Leute hätten sich die Prioritäten und die Werte im Leben verschoben. «Sie haben sich seit der Tat verändert, das spüre ich ganz deutlich. Was sie im Leben machen wollen, machen sie jetzt, statt es auf später zu verschieben.»

In die Normalität steigern

Auch Ruedi Hediger bemerkt, dass sich der Grossteil der Dorfbewohner zurück «in die Normalität steigert». Das sei wohl normal. Die Zeit vergehe, eigene Probleme würden wieder wichtiger. Bei ihm selber stellt er aber durchaus eine Veränderung fest. Er sei gelassener geworden. Nehme vieles weniger wichtig, anderes umso mehr. «Das Verbrechen hat Rupperswil sicher verändert», sagt er zum Schluss. «Zumindest zwischenzeitlich. Ich glaube, dass man das schon verarbeiten kann.» Er hält inne, fügt dann an: «Obwohl, was heisst das überhaupt: verarbeiten?» Vielleicht eher: mit ihm leben lernen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2018, 19:58 Uhr

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