Symbolstreit der Politiker

In der emotional geführten Debatte ums Frühfranzösisch sind schulische Gesichtspunkte zweitrangig.

Was bringt die zweite Fremdsprache in der Primarschule?

Was bringt die zweite Fremdsprache in der Primarschule? Bild: Keystone

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Der Bundesrat richtete letzte Woche ein Ultimatum an die Kantone. Sie müssen Frühfranzösisch auf der Primarschulstufe einführen, sonst würde sie der Bund per Gesetz dazu zwingen. Im Vernehmlassungsverfahren präsentiert Bundesrat Alain Berset gleich drei Varianten, um die säumigen Kantone zur Einführung einer zweiten Landessprache in der Unterstufe zu zwingen. Ein Referendum gegen das Gesetz wäre unausweichlich, und es würde ein ganzes Volk zu Experten in Sprachenpädagogik machen.

Mit diesem Vorgehen hat der Bundesrat die Frage des Frühfranzösisch auf eine Ebene gehoben, bei der auch wir Bürgerinnen und Bürger zur Meinungsbildung herausgefordert sind. Was sollen wir pädagogischen Laien von diesem Sprachenstreit halten? Ich gebe redlicherweise zu, dass ich mir, wie wahrscheinlich die meisten Bürger, kein Fachurteil über die richtige Sprachdidaktik und die heftigst umstrittenen Französischlehrmittel bilden kann. Ich versuche hier drei wichtige Punkte herauszuarbeiten, was uns Staatsbürger interessieren muss.

Da ist erstens der Stand der Schulkoordination. Im Mai 2006 wurden die neuen Bildungs­artikel in der Bundesverfassung mit 85,6 % Ja-Stimmen-Anteil in seltener Einmütigkeit angenommen. Das wichtigste Versprechen vor der Abstimmung war die Koordination des Fremdsprachenunterrichts unter den Kantonen. Mit dem Bildungsartikel «wird die Mobilität der Bevölkerung weiter erleichtert», versprach der Bundesrat im Bundesbüchlein, das stets an alle Haushalte geht.

Schulkoordination ist gescheitert

Doch dieses Versprechen wurde nie eingelöst. Schon vor der Abstimmung zettelte der damalige Zürcher Bildungsdirektor Ernst Buschor, der die Schule von Reform zu Reform jagte, den Sprachenstreit an: Ohne Rücksicht auf die anderen führte er mit Blick auf den globalisierten Finanzplatz im Kanton Zürich Frühenglisch ein. Die Ost- und Zentralschweizer Kantone folgten gezwungenermassen. Der Bund hatte darauf, trotz des neuen Bildungsartikels, nicht die Kraft und den Willen, eine Koordination des Fremdsprachenunterrichts zu erzwingen. Diese Unterlassung entgegen allen politischen Versprechen – der Schreibende war in der nationalrätlichen Bildungskommission (WBK) – ist der Ursprung des heutigen Debakels.

Um den Wünschen der Romandie und Bundesberns entgegenzukommen, pferchte man darauf gleich zwei Fremdsprachen in die Unterstufe der Primarschule, nämlich Frühenglisch und Frühfranzösisch – mit weiterhin kantonal unterschiedlichen Prioritäten und Lernbeginnstufen. Pädagogische Überlegungen, Kapazität der Lehrpersonen und Schulen, Bewältigungsfähigkeit durch Schüler wurden ignoriert. Der sogenannte Fremdsprachenkompromiss der Kantone von 2004 ist bis heute eine rhetorische Vertuschung der Tatsache, dass die Schulkoordination beim Fremdsprachenunterricht gescheitert ist. Das will auch der Bundesrat jetzt nicht ändern. Er will bloss Frühfranzösisch in die Unterstufe zwingen.

Gutachterstreit um Sprachdidaktik

Da kommt nun die zweite, für uns Bürger wichtige Frage: Sind Frühfranzösisch und Frühenglisch in den ersten Schuljahren mit je bloss zwei mal 45 Minuten Unterricht in der Unterstufe überhaupt nachhaltig und wirksam – oder ist das nur Symbolik? Da scheiden sich die Geister. Die Experten liefern sich Gutachterkriege. Die Linguistin Simone Pfenninger von der Uni Zürich, die als eine der wenigen die Effizienz des Englischunterrichts ab 8 und ab 13 Jahren empirisch verglichen hat, kam zum Schluss, dass die Spätlernenden die Frühlerner nach kurzer Zeit einholten. Spätstarter lernen schneller als Frühbeginner. Nicht der Lernbeginn, sondern die Lernintensität, also die Anzahl Wochenstunden und die engagierte Sprachdidaktik der Lehrperson, seien für den Unterrichtserfolg massgeblich.

Die Studienleiterin erhielt sofort öffentliche Schelte vom Basler Erziehungsdirektor, dem früheren Gewerbedirektor Christoph Eymann. Die Studienergebnisse passten ihm nicht ins politische Schema. Allerdings gibt es aus Dänemark auch gegenteilige Untersuchungsergebnisse. Aber insgesamt gibt es wenige Erfahrungsstudien, die vergleichbar sind.

Lernen Spätstarter schneller?

Der Kanton Thurgau, der nun den Französischunterricht in die Oberstufe verlegen und dafür intensivieren will, erhält politische Schelte aus der Romandie und von Bundesbern. Anstelle der zwei kurzen Französischstunden pro Woche in der Unterstufe will er in Zukunft vier bis fünf Wochenstunden in der Oberstufe einführen, und zwar verbunden mit Projektunterricht, gehalten von sprachdidaktisch ausgebildeten Französisch-Fachlehrern und wenn möglich kombiniert mit einem einwöchigen Austauschaufenthalt in der Westschweiz. Also ein Art Intensivlernen in der Oberstufe.

Wir Laien können die Effizienz dieser Art von Intensivlernen nicht abschliessend beurteilen. Aber wäre dies nicht ein Experiment in der Praxis wert? Lasst doch die Thurgauer einige Jahre dieses Modell praktizieren, betreibt dabei begleitende Bildungsforschung mit einer Erfolgsanalyse und vergleicht die Resultate der verschiedenen Fremdsprachenmodelle am Ende der Schulpflicht!

Da ist noch eine dritte Dimension des Sprachenstreits in Erinnerung zu rufen: Das Übergewicht des Sprachenunterrichts und der Fremdsprachennoten spaltet sozial die Gesellschaft. Je sprachenlastiger die Schule und der Zugang zum Gymnasium gestaltet sind, desto stärker sind Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteiligt und Kinder der Bildungselite, die auch mit Privatstunden nicht spart, privilegiert. Rund ein Drittel aller Schulkinder in der deutschen Schweiz haben Eltern mit Migrationshintergrund, viele sind sogar auf Kriegsfuss mit der deutschen Sprache. Nun sollen bereits in der Unterstufe noch zwei Fremdsprachen hinzukommen – und dies erst noch verdünnt mit bloss zwei Wochenlektionen. Die sozialen Konsequenzen wurden nie in Erwägung gezogen.

«Staatspolitische Gründe»

Für mich und die meisten Schweizer ist klar: Am Ende der Schulpflicht müssen die Deutschschweizer Jugendlichen, je nach Schultyp abgestuft, auch Französisch und Englisch können. Französisch muss gesetzlich Pflicht bleiben! Aber alle müssen sich bewusst sein, dass heute die Lingua franca, die Alltagsweltsprache, Englisch ist. Die frankofone Bildungselite hat Mühe, den rasanten Bedeutungsverlust des Französischen in der heutigen Welt zu verkraften. Er hängt mit dem politischen und wirtschaftlichen Abstieg Frankreichs zusammen. Auf diese globalen Trends haben wir keinen Einfluss.

Im Sprachenstreit um Frühfranzösisch geht es um einen Symbolstreit der Politiker. Was jetzt im Vordergrund steht, so die Begründung in Bundesbern, sind «staatspolitische Gründe», es wird der «Zusammenhalt des Landes» herbeibemüht. Pädagogische, soziale, schulbezogene Gesichtspunkte sind dabei den Politikern völlig zweitrangig. Angeblich steht die «nationale Kohäsion» auf dem Spiel. Das ist Symbolpolitik auf Kosten der Kinder! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2016, 19:52 Uhr

Rudolf Strahm

Der ehemalige Preisüberwacher und SP-Nationalrat wechselt sich mit Politgeograf Michael Hermann und mit Autorin und ­Schauspielerin Laura de Weck ab.

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