Studieren ist eine Frage des Geldes

Bei intensiven Studiengängen wie Medizin gebe es auch eine finanzielle Selektion, sagen Fachleute. Wer weniger Geld habe, müsse eher länger studieren.

Studenten im Lichthof der Universität Zürich.

Studenten im Lichthof der Universität Zürich.

(Bild: Keystone)

Anja Burri@AnjaBurri

In der Schweiz sollen alle studieren können – vom Ärztesohn bis zur Arbeitertochter. Das fordern die Urheber der Stipendieninitiative aus Gewerkschafts- und Studierendenkreisen. Heute entschieden oft der Wohnort und die wirtschaftliche Situation der Eltern über die Bildungschancen. Die Kritiker präsentieren mit der Stipendieninitiative, über die am 14. Juni abgestimmt wird, eine Lösung: Die Kantone und der Bund sollen mehr Stipendien vergeben – nach einheitlichen Regeln. Die Initianten beziffern die Lebenskosten für Studierende auf 2000 Franken pro Monat. Sie schätzen, dass 15 bis 20 Prozent der Studierenden ein Stipendium benötigten.

Wie sieht die Realität an den Schweizer Hochschulen aus? Verhindern Geldprobleme Studienabschlüsse? Isabelle Rohner ist ein Fall, der den Initianten recht gibt. Am Anfang des Studiums erhielt die 28-Jährige von ihrem Heimatkanton Appenzell Ausserrhoden rund 5000 Franken Stipendien pro Jahr. Mit Jobs im Verkauf oder in der Gastronomie und der IV-Kinderrente, die sie durch ihren invaliden Vater erhielt, reichte dies für ein Studentenleben im fernen Basel. Dann zog Rohners Mutter, die vom Vater geschieden ist, nach St. Gallen. Fortan war dieser Kanton für die Stipendien von Rohner zuständig. St. Gallen ist strenger bei der Vergabe und beschied der ­Soziologiestudentin, sie habe kein Anrecht auf Unterstützung. Weil nach dem 25. Lebensjahr auch die Kinderrente wegfiel, fehlte Rohner das Geld. Schliesslich brach sie ihr Masterstudium ab und suchte einen Job. Gut drei Jahre später nimmt sie nun einen neuen Anlauf für ein Masterstudium. Wie sie dieses finanziert, ist noch unklar.

2400 Beratungen pro Jahr

Solche Fälle kennt Brigitte Ortega, Leiterin der Beratungsstelle Studienfinan­zierung der Uni Zürich, gut. Jedes Jahr suchen rund 2400 Studierende bei ihrer Stelle Unterstützung. Oft gehe es um Eltern, die ihre Kinder nicht unterstützen könnten oder wollten, sagt sie. Weiter seien die kantonalen Stipendien oft knapp bemessen und reichten nicht, um die Lebens- und Studienkosten zu decken. Belastend könnten auch die langen Wartefristen sein: Die Studierenden müssten oft Monate auf den Stipendienentscheid warten. Auch an der Universität Basel sind finanzielle Probleme ein Thema. Pro Semester beantragten gut 500 Personen die Rückerstattung der Studiengebühren, sagt Gaudenz Henzi, Leiter der Sozialberatung der Uni Basel.

Im Normalfall funktioniere die Aufteilung zwischen Job, Studium und Elternbeitrag zwar gut, sagt Henzi. Kämen mehrere Faktoren zusammen – etwa eigene Kinder, Eltern, die nicht zahlen, eine intensive Studiumsphase oder ein Stipendium, das auslaufe – werde es regelmässig schwierig. Gemäss seiner Erfahrung ist es grundsätzlich möglich, 20 Prozent neben dem Studium zu arbeiten. Werde das Pensum höher, wirke sich das auf die Studiendauer aus. «Bei gewissen Studiengängen wie etwa Medizin gibt es deshalb sicher auch eine finanzielle Selektion», sagt er.

Auch Ortega sagt: Viele Studiengänge, zum Beispiel Fächer der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie, Jus und Medizin seien sehr arbeitsintensiv. Wer das Studium in der regulären Zeit durchziehen wolle, könne in gewissen Phasen kaum nebenbei arbeiten. Insgesamt beantragt jeder dritte Studierende der Unis, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen Stipendien. Dies ergab eine Erhebung des Bundesamts für Statistik für das Jahr 2013. 14 Prozent erhielten tatsächlich Stipendien oder Darlehen. Auffällig ist die Herkunft der Gesuchsteller: Von den Studierenden mit Eltern ohne nachobligatorische Ausbildung beantragten 53 Prozent ein Stipendium. Bei den Kindern von Hochschulabsolventen waren es 22 Prozent.

Zu wenig flexible Teilzeitjobs

Neben den Eltern ist Erwerbsarbeit die wichtigste Einnahmequelle der Studierenden: 75 Prozent arbeiten – im Durchschnitt rund 9 Stunden pro Woche. Während der ersten Semester entsprach dies auch dem Pensum des Geografiestudenten Christian Sieber. Während der Semester arbeitete der gelernte Plattenleger einen Tag pro Woche auf seinem ursprünglichen Beruf, in den Semesterferien betrug sein Arbeitspensum bis zu 100 Prozent. Zusammen mit dem Stipendium des Kantons Thurgau von 16'000 Franken pro Jahr konnte er so seinen Lebensunterhalt finanzieren. Um «gut» zu leben, müsse er neben dem Stipendium noch rund 10'000 Franken im Jahr verdienen. «Doch im Masterstudiengang liegt regelmässiges Arbeiten nicht mehr drin», sagt er. Das liege an den Stundenplänen, aber auch an den intensiven Lernphasen. Aus Kostengründen lebt der 29-Jährige in Frauenfeld und pendelt an die Universität Zürich. «Das Hauptproblem sind die fixen Vorlesungstermine und ein Mangel an flexiblen Teilzeitjobs», sagt er.

Auch Sara Keller kann nicht auf Geld ihrer Eltern zurückgreifen. «Ohne Stipendien wäre mein Medizinstudium unmöglich», sagt die Tochter einer Floristin. Trotzdem fühle sie sich manchmal benachteiligt: «Während meine Kollegen Ferien machen, arbeite ich im Altersheim», sagt die 23-Jährige, die mit ihrer Mutter in einem Vorort Zürichs lebt.

Aus der Sicht von Charles Stirnimann, Präsident der Interkantonalen Stipendienkonferenz (IKSK), zeigen diese Beispiele, dass das Stipendienwesen der Kantone seinen Zweck erfülle. Die IKSK lehnt die Stipendieninitiative ab. Sie erachtet das Stipendienkonkordat, dem bisher 16 Kantone beigetreten sind, als die Lösung. Das Konkordat gibt ebenfalls Regeln vor, macht aber zur Höhe der Stipendien weniger verbindliche Vorschriften. Eines gehe in der Debatte gerne vergessen, sagt Stirnimann: «Das Existenzminimum ist nicht das Ziel des Schweizer Stipendienwesens.» Stipendien seien als Zustupf gedacht.

Private sollen in Studenten investieren

Um bei den Stipendien zu sparen, lagert Luzern einen Teil der Stipendienvergabe an Private aus. Das habe zu langen Wartezeiten geführt, sagen Kritiker.

Im Herbst 2013 verabschiedete der Luzerner Kantonsrat das neue Stipendiengesetz und sorgte für nationales Aufsehen. Das laut dem Bildungsdirektor Reto Wyss (CVP) «fortschrittlichste Stipendiengesetz der Schweiz» sah vor, dass erstmals ein Kanton teilweise die Vergabe von Studentendarlehen an Private auslagerte.

Um angesichts klammer Kantonsfinanzen den jährlichen Gesamtbetrag von 10,5 Millionen Franken nicht erhöhen zu müssen, wurde die Zahl der Stipendienbezüger reduziert. Statt 2285 Studierende sollten künftig nur noch 1550 Studierende von staatlichen Unterstützungsbeiträgen profitieren. Jene, die gemäss den neuen Regeln noch Stipendien erhalten, sollten dafür stärker unterstützt werden: Die durchschnittliche Stipendienhöhe erhöhte sich von bisher 5300 Franken auf 6700 Franken pro Jahr. Wer die angepassten gesetzlichen Vergabekriterien nicht mehr erfüllte, sollte fortan bei Stiftungen und Privatpersonen um finanzielle Hilfe bitten.

«Neoliberales Experiment»

Als Partner war der Verein Studienaktie.org vorgesehen. Dieser bietet Studenten erfolgsabhängig verzinste Darlehen von Privatpersonen an. Der Verein machte bereits 2006 in Deutschland Schlagzeilen: «Die Menschen-Aktie» («Süddeutsche Zeitung») oder «Studenten-Aktie: Kauf mich, ich mach dich reich!» («Der Spiegel»). Auf der Website von Studienaktie.org hiess es beispielsweise: «Sie partizipieren am künftigen Gehalt der Aspiranten, welche Sie fördern.» Als Zielrendite werden 5 Prozent pro Jahr kalkuliert. Macht beispielsweise ein Wirtschaftsstudent Karriere in einer lukrativen Branche, liegen für den privaten Investor maximal 9,25 Prozent drin.

Luzerner Gewerkschaften, linke Parteien und Studentenorganisationen vermuteten hinter dem neuen Gesetz ein «neoliberales Experiment» und ergriffen deshalb das Referendum dagegen. Kurz vor der Abstimmung im Mai vergangenen Jahres wurde publik, dass die Partnerin von Studienaktie.org und für die Stipendienvergabe vorgesehene Firma Edupreneurs AG in Konkurs ging. Trotzdem stimmte das Luzerner Stimmvolk der Gesetzesvorlage sehr deutlich zu. Welche Bilanz lässt sich nun seit Mitte September, dem Beginn des Herbstsemesters, ziehen? Keine offizielle. Eine damals von linken Kantonsräten eingereichte Anfrage über die Auswirkungen des neuen Gesetzes hat der Regierungsrat bis heute nicht beantwortet. Die «Neue Luzerner Zeitung» fragte Anfang Mai nach und bekam von der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung die Antwort, dass «in der Grössenordnung Sommer» kommuniziert werde.

«Gewünschte Wirkung erzielt»

Bekanntlich wird aber am 14. Juni, eine Woche vor Sommerbeginn, über die Stipendieninitiative abgestimmt. Hasan ­Candan, SP-Kantonsrat und Erstunterzeichner der Anfrage, sagt dem TA: «Ich kenne Personen, die Anrecht auf Stipendien haben und das Gesuch fristgerecht eingereicht haben.» Trotzdem hätten sie über sechs Monate auf eine Antwort warten müssen. Andere würden wiederum hingehalten, weil man für die abgewiesenen Gesuche keine Lösung finden könne, so Candan.

«Grundsätzlich hat das Gesetz die gewünschte Wirkung erzielt», hält hingegen Christof Spöring, Leiter der Dienststelle, auf Anfrage fest. Man müsse nun das umfangreiche Zahlenmaterial analysieren, um die Wirkung fundiert beurteilen zu können.

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