Streit um Abu Ramadans Zitate

Der Islamische Zentralrat und ein Professor behaupten, Abu Ramadans Predigten seien falsch übersetzt worden. Experten schaffen Klarheit.

«Der Übersetzer ist ein Lügner»: Abu Ramadan und der Islamische Zentralrat behaupten, die Übersetzung des Bittgebets sei falsch. Bild: 13 Photo/Ruben Wyttenbach

«Der Übersetzer ist ein Lügner»: Abu Ramadan und der Islamische Zentralrat behaupten, die Übersetzung des Bittgebets sei falsch. Bild: 13 Photo/Ruben Wyttenbach

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Bat der Bieler Vorbeter Abu Ramadan Allah, Juden, Christen und andere Gemeinschaften zu zerstören? Oder flehte er seinen Gott an, sich um die Genannten zu kümmern? Um die Übersetzung seiner Predigt ist ein Streit entbrannt.

Nach monatelangen gemeinsamen Recherchen waren die TV-Sendung «Rundschau» und DerBund.ch/Newsnet zum Schluss gekommen, dass der Libyer Abu Ramadan Hass schürt. Ein Predigtzitat stach besonders ins Auge. DerBund.ch/Newsnet übersetzte es mit: «Oh, Allah, ich bitte dich, die Feinde unserer Religion zu vernichten, vernichte die Juden, die Christen und die Hindus und die Russen und die Schiiten. Gott, ich bitte dich, sie alle zu vernichten.» Der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) warf SRF und DerBund.ch/Newsnet vor, falsch übersetzt zu haben. In seiner Version hiess es nur noch, Allah solle sich der Hindus, der Russen und der «ablehnenden Schi’a» «annehmen». Abu Ramadan selber behauptet, der Übersetzer habe gelogen.

Originalton gekürzt

Ihm und seinen Unterstützern vom IZRS lag allerdings nur die im TV-Beitrag eingespielte kurze Sequenz vor. Die von SRF und DerBund.ch/Newsnet eingesetzten Übersetzer hatten sich dagegen die ganze Predigt angehört und ihre Übersetzung mit Blick auf den Gesamtkontext gewählt.

Bei der Produktion des TV-Beitrages sind zwei Wörter des arabischen Originaltons weggefallen – zu Beginn des Zitats über die Juden, Christen und andere. Dort fielen «Allah» und das umstrittene Verb weg. Das geht aus einem Gutachten hervor, das SRF in Auftrag gab. Der arabische Experte hält fest: «Die fehlenden zwei Wörter sind insofern wichtig, weil in der IZRS-Übersetzung den Juden und Christen nicht explizit der Tod gewünscht wird.» Tatsächlich, so der Gutachter, habe Abu Ramadan für alle genannten Religionsgemeinschaften und Völker dasselbe gefordert: «Aus dem Kontext der Predigt geht hervor, dass der Imam sich wünscht, dass Allah die genannten Völker zu sich nimmt. Faktisch wünscht ihnen der Imam also den Tod. Anders ist das im Kontext nicht zu verstehen.»

Berner Professor kontert

Schützenhilfe bekam der IZRS hingegen vom Ordinarius für Arabistik- und Islamwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Andreas ­Kaplony. In einer von ihm als «Kurzgutachten» bezeichneten Einschätzung, die er aus eigenem Antrieb erstellt habe, bezeichnet der Professor die Übersetzung als «massiv falsch». Ohne die gesamte Aufnahme und den Kontext zu kennen, übersetzt er das fragliche Verb mit «sich kümmern um». Die Aufforderung zu ­Gewalt sei «eine reine Erfindung des Übersetzers».

Reinhard Schulze, ordentlicher Professor und Direktor des Instituts für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern, sieht die Sache anders als sein Kollege. Auf Anfrage hält er fest, dass das umstrittene Verb seltener in einem neutralen Sinn, also «nimm jemanden», oder gar im positiven Sinn «nimm jemanden an» verwendet werde. Dagegen gebrauche man es zum Beispiel, um Hunde aufzufordern, jemanden zu fassen.

Aus dem Kontext heraus übersetzt Schulze Abu Ramadans Worte so: «Oh Gott, nimm/fass/packe die Hindus» und die anderen Gruppen, «schütze uns vor ihrem Übel/Bösen und behüte uns vor ihrem Unglück und bestimme als Massnahme ihre Vernichtung.» Dies entspreche inhaltlich dem Wortlaut von SRF und DerBund.ch/Newsnet. Schulze hat sich die Predigtmitschnitte komplett angehört. Der Kern des umstrittenen Bittgebets stammt laut ihm vom Vordenker der Muslimbrüder, Yusuf al-Qaradawi. Qaradawi hatte Allah auch schon aufgefordert, die Juden zu vernichten und keinen einzigen aus dieser «jüdisch-zionistischen Bande» zu verschonen.

«Dieser Imam ist sehr schlau»: «Tages-Anzeiger»-Journalist Kurt Pelda im Interview. Video: Lea Koch und Simon Knopf

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2017, 20:56 Uhr

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