«Charlie Hebdo» witzelt über tote Soldaten

Das französische Militär fühlt sich von Karikaturen über den Armeeeinsatz in Mali verhöhnt. Der Chefredaktor verteidigt die Zeichnungen.

Simon Widmer@WidmerSimon

Mit Zeichnungen über tote Soldaten ging die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» weit – zu weit, findet das französische Militär. Die Armee fühlt sich verhöhnt und gestört in ihrer Trauer um die 13 Soldaten, die in der vergangenen Woche bei einem Militäreinsatz in Mali gestorben sind.

Beim Streit geht es um Zeichnungen, die «Charlie Hebdo» wenige Tage nach dem tragischen Unglück in Mali veröffentlicht hat. Sie stellen die Slogans, mit denen das Militär um neue Rekruten wirbt, den Toten des Militäreinsatzes gegenüber.

Eine Zeichnung zeigt einen Soldaten mit einem Totenkopf und dem Slogan: «Ich beschütze mein Land. Ich mache Fortschritte in meinem Leben.» Eine andere zeigt eine Graburne, über welche die französische Flagge gelegt wurde. Im Hintergrund steht der französische Präsident Emmanuel Macron. Dazu die Aussage: «Ich habe mich der Armee angeschlossen, um mich vom Rest abzuheben.»

Für Thierry Burkhard, den Chef der Bodenstreitkräfte, war das zu viel. In einem offenen Brief (siehe unten) schreibt er, dass er zunächst eine grosse Wut empfunden habe – die danach durch einen grossen Schmerz überlagert wurde. «Charlie Hebdo» habe den Trauerfamilien weiteren Schmerz zugefügt. Burkhard lud Chefredaktor Laurent «Riss» Sourisseau ein, der Trauerfeier heute Montag beizuwohnen.

Riss lehnte das Angebot ab – und verteidigte die Karikaturen. «Charlie Hebdo» müsse seinem satirischen, provokativen Geist treu bleiben. Gleichzeitig sei man sich bewusst, dass die Arbeit des Militärs wichtig sei im Kampf gegen den Terrorismus.

Auch Biche, der die Karikaturen zeichnete, äusserte sich. Es wolle sich keineswegs über die gefallenen Soldaten lustig machen. Vielmehr handle es sich um eine Kritik am Bild, das die Armee in ihrer Rekrutierungskampagne verkaufen wolle. Dieses, so Biche, habe nichts mit der Realität zu tun.

Während eines Kampfeinsatzes in Mali sind am vergangenen Montag 13 französische Soldaten ums Leben gekommen. Sie starben bei einem Zusammenstoss zweier französischer Kampfhelikopter. Gemäss dem französischen Militär flogen die Maschinen in vollständiger Dunkelheit und folgten einer Gruppe von Terroristen, die auf Pick-ups und Motorrädern die Flucht ergriffen hatten.

Macron spricht von Frankreichs Preis

Das tragische Unglück hat auch eine politische Dimension. Für Frankreichs Präsident Macron war es Anlass, darauf hinzuweisen, wie ungerecht er die Lastenverteilung bei internationalen Militäreinsätzen empfinde. Wenn gewisse Leute sehen möchten, was die im Rahmen der Nato kontrovers diskutierte Kostenteilung bedeute, sollten sie an die Gedenkfeier nach Paris kommen, sagte er am vergangenen Donnerstag in Paris. An der Gedenkfeier, die heute Montag stattfindet, würde man sehen, welchen Preis Frankreich bezahle.

«Charlie Hebdo» war am 7. Januar 2015 selber Ziel eines Terroranschlags von islamischen Radikalisten. Zwei maskierte Täter drangen in die Redaktionsräume ein und töteten 11 Menschen. Die Extremisten erkoren die Satirezeitschrift als Ziel, nachdem diese zuvor mehrfach islamkritische Karikaturen abdruckte.

Erstmals wieder öffentlich aufgetreten

Erst Anfang November dieses Jahres ist die Redaktion in Strassburg wieder öffentlich aufgetreten. Der Auftritt der Redaktoren und Zeichner fand deshalb unter besonders strengen Sicherheitsvorkehrungen statt: Die Mitarbeitenden von «Charlie Hebdo» bekamen Polizeischutz, die Türen der Oper öffneten wegen der umfangreichen Kontrollen bereits zwei Stunden vor Diskussionsbeginn. Satire sei immer noch ein «Kampf», sagte Chefredaktor Riss. «Humor ist vielen Menschen suspekt.»

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