Identität von russischem Auftragskiller ist gelüftet

Der Mord an einem früheren Tschetschenien-Kämpfer in Berlin gibt Rätsel auf. Die neuesten Erkenntnisse bergen politische Brisanz.

Der Abgleich biometrischer Daten liefert eine hohe Ähnlichkeit: Vadim Krasikov, der sich als Vadim Sokolov ausgab. Foto: Screenshot Bellingcat

Der Abgleich biometrischer Daten liefert eine hohe Ähnlichkeit: Vadim Krasikov, der sich als Vadim Sokolov ausgab. Foto: Screenshot Bellingcat

War es ein Mord im kriminellen Milieu? Eine Fehde unter Kaukasiern? Oder ein Attentat im Auftrag des Kreml? Der Russe, der am 23. August in Berlin einen Georgier erschoss, sitzt in Untersuchungshaft und schweigt. Im mysteriösen Mordfall gibt es nun neue Erkenntnisse. Der Todesschütze, der als Vadim Sokolov, 49-jährig, nach Deutschland eingereist war, heisst in Wirklichkeit Vadim Krasikov und ist 54 Jahre alt. Klare Hinweise auf eine gefälschte Identität hatte es von Beginn weg gegeben.

Die Identifizierung des mutmasslichen Täters ist das Ergebnis einer Untersuchung mit einer Gesichtserkennungssoftware, wie mehrere deutsche Medien und das internationale Recherchenetzwerk Bellingcat berichten. Die Ermittler gehen von einem staatlichen Auftragsmord aus, da es keine Hinweise auf einen anderen Hintergrund geben soll. Die Generalbundesanwaltschaft Deutschlands verdächtigt nun staatliche Stellen Russlands als Auftraggeber der Hinrichtung des 40-jährigen Zelimkhan Khangoschwili, der im Tschetschenien-Krieg gegen Russland gekämpft hatte.

Das Mordopfer hatte vor zwei Jahren Asyl in Deutschland beantragt, weil Russland hinter ihm her sei. Die russischen Organe würden einen Mord inszenieren, sagte der ehemalige Rebellenkommandant bei seiner Asylanhörung. Khangoschwili soll auch in den letzten Jahren in verschiedener Weise gegen Interessen Russlands gewirkt haben.

Der Asylantrag wurde abgelehnt, aber er durfte zunächst in Deutschland bleiben. Aber sicher war er nicht. An seinem Todestag war Khangoschwili im Berliner Ortsteil Moabit auf dem Weg zum Freitagsgebet in der Moschee, als sich ein Mann ihm von hinten auf einem Velo näherte und ihm aus kurzer Distanz mit einer Pistole in den Kopf schoss.

Gesuchter Killer für weiteren Mord rekrutiert

Gemäss Medienberichten häuften sich in den letzten Wochen die Indizien für eine Verwicklung staatlicher Stellen Russlands in den Mord von Berlin-Moabit. Interessanterweise hatte Russland im Jahr 2014 einen internationalen Haftbefehl gegen Vadim Krasikov erlassen. Der mutmassliche Mörder von Berlin soll 2013 einen russischen Geschäftsmann getötet haben. Den Ermittlern ist aufgefallen, dass Russland die internationale Fahndung nach Krasikov 2015 plötzlich einstellte. Nach Ansicht der Ermittler dürften russische Dienste Krasikov gefunden und für ein Attentat rekrutiert haben. Daraufhin hätten sie die Falschidentität Vadim Sokolov erschaffen. Nach dem Rückzug des Haftbefehls gegen Krasikov soll erstmals ein nationales russisches Ausweisdokument auf den Namen Vadim Sokolov ausgestellt worden sein.

Weitere Recherchen zeigten, dass die Personalie Sokolov im Register für nationale russische Ausweispapiere mit einem Sperrvermerk versehen war und dass seine Sozialversicherungsnummer erst kurze Zeit vor dem Mord in Berlin vergeben worden war. Ebenso war sein Reisepass auf Sokolov erst kurz zuvor ausgestellt worden. Die russische Seite hat eine Beteiligung an dem Verbrechen stets abgestritten.

Möglicher Geheimdiensthintergrund – Bundesanwaltschaft übernimmt

Der Mordfall könnte jetzt eine neue, brisante Dimension bekommen. Gemäss Informationen des Recherchenetzwerks von «Süddeutscher Zeitung», NDR und WDR dürfte die Bundesanwaltschaft das Verfahren noch in dieser Woche übernehmen – und zwar wegen eines möglichen Geheimdiensthintergrunds. Sollte die Bundesanwaltschaft nach Ende der Ermittlungen tatsächlich den russischen Staat für den Mord in Berlin-Moabit verantwortlich machen, könnte dies für erhebliche diplomatische Zerwürfnisse sorgen. Immerhin wäre der Vorwurf dann: Staatsterrorismus.

vin/sz

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