Stoppt den Unsinn mit dem Franchisen-Wechseln

Bevor der Bundesrat die Franchisen-Rabatte der Krankenkassen senkt, sollte er das jährliche Wechseln verhindern.

Steht eine teure Operation bevor, reduziert der schlaue Patient seine Franchise: Operationssaal im Unispital Lausanne. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Steht eine teure Operation bevor, reduziert der schlaue Patient seine Franchise: Operationssaal im Unispital Lausanne. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Der Unmut über die bundesrätliche Franchisen-Reform ist riesig. Und er ist verständlich. Geht es nämlich nach der Landesregierung, müssen künftig 1,14 Millionen Schweizerinnen und Schweizer deutlich mehr Krankenkassenprämien zahlen. Betroffen sind all jene, die sich für die höchste Franchise von 2500 Franken entschieden haben. Ihnen will der Bundesrat den Rabatt stutzen, weshalb sie allein deswegen mit einem Anstieg ihrer Jahresprämie um bis zu 440 Franken rechnen müssen.

Logisch, dass sie sich darob empören. In einer nicht repräsentativen Umfrage von Tagesanzeiger.ch sprechen sich über 90 Prozent der gut 6000 Teilnehmenden dagegen aus. Sie finden es falsch, dass ausgerechnet jene bestraft werden, die am meisten Eigenverantwortung übernehmen. In der Tat überlegen sich Selbst­zahler besser, ob ein Arztbesuch nötig ist. Und sie kommen eher auf die Idee, das teure Originalmedikament durch ein günstigeres Generikum zu ersetzen. Dies spart Kosten und müsste ganz im Interesse des Bundesrats sein.

Gesunde kämen zu gut weg

Mit Eigenverantwortung allein funktioniert eine soziale Krankenversicherung aber nicht. Da hat der Bundesrat durchaus recht. Dürften die Kassen ihre Prämien völlig frei festlegen, müssten chronisch Kranke exorbitante Prämien zahlen. In der Grundversicherung müssen die Kranken­kassen daher allen Erwachsenen dieselbe Prämie verrechnen – ob gesund oder krank, ob jung oder alt. Nun lässt sich dies aber mittels hoher Franchise teilweise unterlaufen. Kein chronisch Kranker wird nämlich auf die Idee kommen, eine Franchise von 2500 Franken zu wählen. Es sind vor allem die Gesunden, die sich dafür entscheiden. Jene, die davon ausgehen, dass ihre Kosten im nächsten Jahr nicht mehr als 1700 Franken ausmachen. Dann lohnt sich die höchste Franchise dank des Rabatts, sonst nicht.

Diese Gesunden kämen heute zu gut weg, findet nun Bundesrat Alain Berset. Berechnungen seines Bundesamts für Gesundheit zeigten nämlich, dass unter den heutigen Bedingungen selbst die meisten Versicherten mit 300er-Grundfranchise profitieren würden, wenn sie zur 2500er-Franchise wechselten. Dies, obwohl unter ihnen die Kranken überdurchschnittlich vertreten sind. Daraus lässt sich schliessen, dass die Gesunden mit Höchstfranchise noch stärker profitieren. Zu stark, findet Berset und will die Rabatte senken.

Er glaubt offenbar nicht an einen Wandel durch den verfeinerten Risikoausgleich, der 2017 in Kraft tritt. Dann werden Versicherer mit vielen Gesunden den Kassen mit vielen Kranken mehr Geld überweisen müssen. Das mildert den Anreiz, überhöhte Franchisen-Rabatte zu gewähren. Doch Berset setzt lieber auf staatliche Vorgaben – und nimmt den Unmut in Kauf.

Eigenverantwortung von Fall zu Fall

Den augenfälligsten Missstand beseitigt der Bundesrat jedoch nicht: Nach wie vor soll man ­jedes Jahr von neuem entscheiden dürfen, mit welcher Franchise man versichert sein möchte. Dies ermöglicht besonders Schlauen eine Franchise von Fall zu Fall. Wenn sie gerade ein grösseres Leiden haben, entscheiden sie sich für die Grundfranchise, andernfalls für die Höchstfranchise. Vor allem richten sie es so ein, dass längerfristig anstehende Operationen und grössere ­Untersuchungen in einem Jahr anfallen, in dem sie nur die ersten 300 Franken selbst bezahlen müssen. Mal setzen sie also auf Eigenverantwortung, mal nicht – wie es gerade passt.

Diesen Unsinn hätte die Politik schon lange stoppen sollen. Indem sie dafür sorgt, dass Wahlfranchisen nur über mehrere Jahre abgeschlossen werden können. So käme die Eigenverantwortung auch dann zum Tragen, wenn sie wirklich einschenkt. Nämlich dann, wenn tatsächlich Gesundheitskosten entstehen, die sich dank Genügsamkeit eindämmen lassen. Eine solche Anpassung zieht der Bundesrat aber nicht einmal in Erwägung, obwohl dies allen einleuchten würde. Ganz im Gegensatz zur Reduktion der Rabatte, die jetzt für grossen Unmut sorgt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.08.2015, 07:34 Uhr

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