Störgeräusche bei der FDP-Kandidatenkür

Die freisinnige Bundesratsshow läuft wie geschmiert: drei Kandidaten, alle präsentabel, alle glücklich. Doch hinter den Kulissen rumort es.

Isabelle Moret, Vizefraktionschef Beat Walti, Ignazio Cassis und Pierre Maudet (von l.) bei der Bekanntgabe des Dreiertickets im Hotel Beau-           Rivage in Neuenburg. Foto: Franziska Rothenbühler

Isabelle Moret, Vizefraktionschef Beat Walti, Ignazio Cassis und Pierre Maudet (von l.) bei der Bekanntgabe des Dreiertickets im Hotel Beau- Rivage in Neuenburg. Foto: Franziska Rothenbühler

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Vor den Fernsehkameras präsentierte sich der Freisinn gestern Abend betont harmonisch. Vier Stunden lang hatte die FDP-Fraktion zuvor im Neuenburger Nobelhotel Beau-Rivage diskutiert, wen sie für die Nachfolge von Bundesrat Didier Burkhalter nominieren soll – bevor sie sich entschied, nicht zu entscheiden. Die Fraktion schlägt der Bundesversammlung alle drei Kandidaten zur Auswahl vor: die Waadtländerin Isabelle Moret, den Tessiner Ignazio Cassis und den Genfer Pierre Maudet. Es hätten eben «alle drei Kandidaten überzeugt», sagte der Vizefraktionschef Beat Walti vor den Medien. Parteichefin Petra Gössi zeigte sich «enorm stolz, dass die FDP drei solche Kandidaten ins Rennen schicken kann». Über den Eklat, der sich eine Stunde vorher ereignet hatte, verloren die Parteioberen kein Wort.

Es passierte hinter verschlossenen Türen. Die Fraktion hatte die drei Kandidaten angehört und diskutierte nun über das richtige Ticket, als die Genfer und Waadtländer aneinandergerieten. Auslöser war der Genfer Nationalrat Benoît Genecand. Er stellte Isabelle Morets Qualifikation für den Bundesrat schlichtweg in Abrede.

Nicht FDP-like

Mehrere Anwesende sagen, dass sich Genecand dabei ausgesprochen grob ausgedrückt habe. «So rabiat gehen wir nicht miteinander um in der FDP», sagt ein Fraktionsmitglied. Darauf sei Genecand zurechtgewiesen worden vom Waadtländer Kantonalpräsidenten Frédéric Borloz sowie vom Zürcher Ständerat Ruedi Noser. Genecand selber wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern.

Vermutet wird, dass der Genfer, der erst seit 2015 im Parlament sitzt, die Konkurrentin seines Kantonsgenossen Maudet gezielt schwächen wollte. Ein anderes Fraktionsmitglied sagt hingegen, Genecand habe als einziger den Mut gehabt, das auszusprechen, was manche in der Fraktion denken würden. «Durch diesen groben Auftritt hat er aber wohl das Gegenteil erreicht. Die Fraktion stellte sich hinter Moret», sagt ein anderes Fraktionsmitglied.

Der Entscheid fiel allerdings knapp: In geheimer Abstimmung entschied sich die Fraktion mit 22 gegen 19 Stimmen gegen ein Zweier- und für ein Dreierticket – also für ein «Tricket», wie Cassis es nannte. Noch vor zwei Wochen tönte es in der FDP ganz anders. Präsidentin Gössi höchstpersönlich sagte, sie rechne mit einem Zweierticket. Und auch der Tenor in der Fraktion ging in diese Richtung. Als gesetzt galt dabei der Tessiner Cassis; den zweiten Platz auf dem Ticket hätten Moret und Maudet in diesem Szenario unter sich ausgemacht, mit Vorteil für die Frau.

Man fürchtete sich davor, dass andere Parteien einen Sprengkandidaten aufstellen könnten, falls die Partei nur zwei Männer präsentiert hätte.

Inzwischen hat der Wind in der FDP gedreht, offenbar auch im Präsidium. Man habe gespürt, dass die Parteiführung ein Dreierticket favorisiere, heisst es in der Fraktion, auch wenn die Parteileitung in der Fraktion keinen offiziellen Antrag stellte. Laut einem Fraktionsmitglied fürchtete man sich davor, dass andere Parteien einen Sprengkandidaten aufstellen könnten, falls die Partei nur zwei Männer präsentiert hätte.

«Wäre Moret nicht auf dem Ticket gewesen, wäre die Gefahr einer Sprengkandidatin gross gewesen», sagt auch die Präsidentin der FDP-Frauen, Doris Fiala. Im Namen der FDP-Frauen plädierte sie in der Fraktion offiziell für ein Dreier­ticket. Man sei im Vorstand der Frauenorganisation zum Schluss gekommen, dass damit Morets Chancen am besten gewahrt würden. Doch nach Morets gestrigem Auftritt in der Fraktion ist Fiala der Meinung, dass Morets Name wohl auch auf einem Zweierticket gestanden hätte. «Nach einem etwas schwierigen Start ihrer Kampagne ist Isabelle Moret in der Fraktion über sich selber hinausgewachsen», sagt Fiala.

Andere FDP-Parlamentarier argumentierten hingegen, 28 Jahre nach dem Rücktritt der bisher einzigen FDP-Bundesrätin habe die Partei es sich schlicht nicht erlauben können, die einzige Frau im Kandidatenfeld vorzeitig auszusortieren. Als Ausweg aus diesem Dilemma sei nur das Dreierticket geblieben.

Andere Parlamentarier nennen einen anderen Grund für den Nichtentscheid. Die Partei könne nun einen Tessiner, eine Frau und einen Jungen präsentieren, der «die Zukunft der Partei» vertrete, sagt der Walliser Nationalrat Philippe Nantermod. Für ihn hätte keinen Sinn gemacht, eine dieser drei Gruppen unnötig vor den Kopf zu stossen. «Bei einem Zweierticket bestimmen wir nicht zwei Sieger, sondern einen Verlierer», sagt ein anderer Nationalrat. «Dann würde man bis zur Wahl des neues Bundesrats nicht von den beiden Siegern sprechen, sondern einzig von jenem Kandidaten, der es nicht geschafft hat.»

Maudets Aufholjagd

Und so konnten sich am Ende alle drei Kandidaten vor den Medien präsentieren, alle sichtbar erleichtert, alle glücklich – doch am meisten strahlte Maudet. Dass sein Name auf dem offiziellen FDP-Ticket steht, ist die Überraschung dieses Politsommers. Als der 39-Jährige Regierungsrat seine Kandidatur vor drei Wochen bekannt gab, galt er als krasser Aussenseiter, brach dann aber zu einer Wahltournee quer durchs Land auf. Hinter seiner Aufholjagd steckt denn auch viel Arbeit: Er hat in kürzester Zeit praktisch sämtliche Ständeräte abgeklappert und sich auch bereits mit vielen Nationalräten getroffen, um sich bekannt zu machen - sogar in der fernen Ostschweiz.

Entsprechend erfreut zeigte sich Maudet über den Entscheid der Fraktion. Und machte an der Pressekonferenz nach dem Fraktionsentscheid sogleich klar, dass er weiterhin im Wahlkampfmodus operiere: Während sich Moret knapp bei der Fraktion bedankte und Cassis meinte, er freue sich auf weitere drei Wochen mit den anderen Kandidaten, sprach Maudet davon, dass mit einem Dreierticket «alle Möglichkeiten offenbleiben». Oder wie die Genfer sagen: Les jeux ne sont pas encore faits.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2017, 23:24 Uhr

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