Sterbehilfe – ein «gefährliches Angebot»?

Der begleitete Suizid wird nach wie vor von einer sehr kleinen Minderheit gewählt. Er ist keine Alternative zur Palliativpflege.

Das Schlafmittel Pentobarbital wird oft in der Sterbehilfe angewandt.

Das Schlafmittel Pentobarbital wird oft in der Sterbehilfe angewandt.

(Bild: Keystone Alessandro Della Bella)

«Nennen Sie mir einen überzeugenden Grund, warum ich am Leben bleiben soll.» Diese Frage stellte eine 91-jährigen Dame, Ex-Professorin, hochgeschätzte Urgrossmutter in einer Grossfamilie, selbstständig lebend, zwar nur «kreislaufkrank», demnächst aber unausweichlich pflegebedürftig, immer noch körperlich relativ rüstig und geistig voll präsent. Die Frage an den Freitod­begleiter führt in die Problematik hinein, die Daniel Foppa in seinem Politblog zum begleiteten Suizid aufzeigt. Seine Sorgen um die gesellschaftliche Relevanz des «Booms» von Exit & Co. sind bedenkenswert. Er spricht Punkte an, die auch bei den Freitodvereinen immer wieder im Fokus stehen wie etwa die Gruppe der nicht todkranken Sterbewilligen, zu der die alte Dame gehört.

Selbstbestimmt leben und sterben

Diese Gruppe umfasst seit 1982 (Gründung von Exit) immer etwa 20% der Sterbewilligen. Es sind Menschen, die den Freitod wählen, weil sie nicht in endlosem Siechtum, auch wenn es palliativ noch so gut begleitet wäre, dem Tod entgegendämmern wollen. Sie ziehen nach einer langen Überlegungszeit und vielen Gesprächen mit dem Arzt, der Familie und dem Freitodbegleiter eigenverantwortlich Bilanz.

Es sind in der Regel Persönlichkeiten, die ihr Leben schon immer sehr selbstbestimmt geführt haben. Sie erliegen nicht einem «sublimen Druck», der von den Pflegekosten oder von der Leistungsgesellschaft ausgehen könnte. Sie nehmen wohlüberlegt und nicht aus einem momentanen Affekt heraus eine Option wahr, die sie immer schon in Betracht gezogen haben. Wie die alte Dame, die der Freitodbegleiter selbstverständlich erst einmal nachdrücklich auf lebenswerte und sinnstiftende Dimensionen des Daseins hingewiesen hat.

Das Gleiche gilt für die wenigen Menschen mit psychischen Störungen, die um eine Freitodbegleitung nachsuchen. Wie etwa die 52-Jährige, die ihr Leben lang unter den unerträglichen posttraumatischen Folgen schwerster Missbrauchserfahrungen in der Kindheit gelitten hat und nun nicht lebens-, sondern in Wahrheit l e i d e n s müde ist. So jemandem wird der Freitodweg nur nach einem oft jahrelangen, intensiven Konsultationsprozess mit zwei Psychiatern ermöglicht. Und zwar nach genau den Kriterien, die das Bundesgericht gerade für solche Menschen in einem wegweisenden Urteil vor einigen Jahren aufgestellt hat: sorgfältige Abklärung von Wohlerwogenheit, Dauerhaftigkeit und Eigenständigkeit des Sterbewunsches der eindeutig urteilsfähigen Person.

Keine Massenbewegung

Weder für diese beiden Frauen noch für alle anderen Sterbewilligen ist der Freitodweg eine «Selbstverständlichkeit», sondern immer ist es ein schwerer, kein mit Leichtigkeit begangener Weg. Es wird auch, selbst wenn eines Tages 200 000 Menschen Mitglieder der Vereine sein sollten, kein gewissermassen verführerisches «Angebot», sondern immer ein «ausserordentlicher» Weg für eine Minderheit sein. Ganze zwei Prozent aller jährlich Verstorbenen sind ihn in den letzten Jahren gegangen. Das ist in 34 Jahren eine Steigerung um einen Prozentpunkt, wahrhaftig keine Massenbewegung. Selbst von den jährlich verstorbenen Exit-Mitgliedern war es in der Regel immer nur ein Drittel, das diesen Weg gewählt hat. Zwei Drittel ziehen vertrauensvoll den palliativ begleiteten Weg vor. Der übrigens in allen Vorgesprächen als Alternative besprochen wird.

Die Forderung von Foppa nach einem nachhaltigen Ausbau der Palliativmedizin als Angebot an alle Kranken und Alten trifft ins Schwarze. Exit selber versteht den Freitod keinesfalls als ideologischen Antagonismus zur Palliativpflege, sondern unterstützt durch seine Stiftung Palliacura seit Jahren diese Bestrebungen. Und ebenso selbstverständlich spricht es sich für zivilgesellschaftliche Angebote zur Aufwertung des Alterns aus. Damit der Gedanke, das Dasein eines alten Menschen könnte per se «lebensunwert» sein, dorthin verschoben wird, wo er hingehört, ins Abseits nämlich.

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