SRF setzt auf Roboterkameras

Das Schweizer Fernsehen (SRF) hadert mit einer neuen Technik, mit der es die Aufzeichnung von Sendungen automatisieren will. Die Belegschaft fürchtet einen massiven Personalabbau.

Noch steht ein Mensch hinter der Kamera im SRF-Fernsehstudio. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Noch steht ein Mensch hinter der Kamera im SRF-Fernsehstudio. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Christian Lüscher@luschair

Das Schweizer Fernsehen (SRF) steckt mitten in einem schwierigen Umbau, der nicht geräuschlos über die Bühne gehen wird, weil er die Belegschaft und die technische Infrastruktur betrifft. Es geht um das Projekt mit dem Namen «News 2015». Das hört sich harmlos an, ist allerdings für Leutschenbach-Verhältnisse ein Superprojekt. In diesem Jahr will SRF ein automatisiertes Regiesystem einführen, das in Norwegen entwickelt wurde und bereits in privaten und öffentlichen Fernsehstationen (ARD, ZDF, BBC) verwendet wird. Künftig werden sämtliche Sendungen mithilfe von Robotern, konkret mit ferngesteuerten Kameras, produziert.

SRF und die Tochter TPC sind mitten in der Einführungsphase. Seit Anfang März erstellen sie die beiden Sendungen «Glanz & Gloria» und «Meteo» damit. Bald sollen die Informationssendungen «Schweiz aktuell», «Tagesschau» und «10 vor 10» folgen. Im Terminplan ist der Juni vorgesehen. Wenn es denn nicht weiter zu Verzögerungen kommt.

Denn wie Recherchen von DerBund.ch/Newsnet zeigen, läuft die Einführung nicht so, wie das die Verantwortlichen planten. So kam es bei «Schweiz aktuell» zu einer Panne. Nach der ersten Livesendung am 9. März mussten die TV-Macher zurückkrebsen. Ein Computerproblem machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Seither wird das Magazin aus einem Studio im Sendezentrum, das eigentlich für Notfälle vorgesehen ist, produziert. Auf Anfrage bestätigt TPC die Probleme, betont aber, dass es bei einem derartigen Systemwechsel zu «Kinderkrankheiten» komme könne. «Die Sendesicherheit steht im Moment im Vordergrund», sagt TPC-Sprecher Dani Richiger.

Roboter ersetzen Techniker

In Technikerkreisen erzählt man sich eine andere Version. Gleich mehrere Mitarbeiter kontaktierten in den letzten Tagen DerBund.ch/Newsnet und machten auf Missstände aufmerksam. Der Tenor: Die Einführung des neuen Systems sei eine überstürzte Übung. Das Projekt sei zu ambitioniert, man habe die Technik überschätzt. Sie sei noch nicht ausgereift. Die TV-Profis beanstanden zudem Qualitätseinbussen, die der Reputation schaden könnten. Die Bild- und Tonqualität sei ungenügend, heisst es.

Tatsächlich sind Übergänge, Zooms und Bildeinstellungen nicht immer optimal. Allerdings kritisieren die TPC-Mitarbeiter auf hohem Niveau. Für das ungeschulte Auge sind Fehler schwierig zu erkennen. TPC-Sprecher Richiger sagt: «Effektive Störungen bei Bild und Ton sind uns nicht bekannt. Dass der eine oder andere Übergang noch nicht optimal angesteuert ist, ist uns bewusst. Wir arbeiten laufend an Verbesserungen.»

Sprecher erhalten weniger Lohn

Dass sich ein Teil der Belegschaft an die Medien wendet, hat wohl auch mit einer grossen Verunsicherung zu tun. Denn die Einführung des neuen Systems geht über kurz oder lang mit einem Personalabbau einher. Ist das neue System voll in Betrieb, sind deutlich weniger Techniker notwendig. Das Einsparungspotenzial ist hoch: Dem Medienmagazin «Edito/Klartext» haben Informanten aus dem Ausland erzählt, dass die ARD 50 Prozent Personal eingespart habe. Von Regien in Norwegen weiss man, dass sie heute mit 2 oder 3 statt wie bisher mit 7 Personen arbeiten.

Bei SRF wird die Einsparung höher sein. Sind heute für die «Tagesschau» 11 Personen im Einsatz, sollen es künftig noch 3 sein (2 Techniker und 1 Moderator). Es ist daher nachvollziehbar, dass die Belegschaft gereizt auf die Pläne reagiert. Hinzu kommt, dass TPC bereits jetzt an der Kostenschraube dreht. Bei den freischaffenden Kameraleuten wurden die Pensen Anfang 2015 reduziert. Auch die Sprecher trifft es. Sie wurden in der Lohnklasse tiefer eingestuft und erhalten neu die Löhne von erfahrenen Redaktoren. Zudem wurden erste Kündigungen ausgesprochen.

TPC betont, dass diese nicht im direkten Zusammenhang mit der Einführung der News-Automation stünden. Dem widerspricht die Gewerkschaft SSM. Andreas Künzi, verantwortlich für das Dossier Radio und Fernsehen, sagt: «Es gibt Entlassungen wegen News 2015 – sowohl bei Regisseuren wie auch bei der Bildmischung. Diese Kündigungen wurden ausdrücklich mit dem Automatisierungsprojekt begründet.»

TPC-Sprecher Richiger dementiert. Er könne aber aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Angaben machen. Kündigungen schliesst er in naher Zukunft nicht aus: «Weniger benötigtes Personal soll möglichst durch natürliche Fluktuation kompensiert werden. Den Abbau von vereinzelten Stellen haben wir nie ausgeschlossen.» Offiziell liegt das anvisierte Sparziel bei 30 Prozent. Die Mittel, die dadurch frei werden, sollen in die Programme fliessen.

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