Sozialstatus der Eltern prägt das ganze Leben

Eine Befragung von über 50-Jährigen zeigt, dass Armut und Krankheit oft vererbt werden.

Die Stimulation der Kinder im Elternhaus soll für den Bildungserfolg ausschlaggebend sein. Bild: Plainpicture/Jim Erickson

Die Stimulation der Kinder im Elternhaus soll für den Bildungserfolg ausschlaggebend sein. Bild: Plainpicture/Jim Erickson

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auch in einem reichen Land wie der Schweiz bestimmt die soziale Herkunft das Leben oft bis ins fortgeschrittene ­Alter. Dies zeigt eine Auswertung der Schweizer Daten aus einer gross angelegten internationalen Befragung von über 50-Jährigen. Bei dieser sogenannten Share-Befragung wurden 120'000 Menschen aus 27 europäischen Ländern und Israel zu ihrer Lebenssituation interviewt, darunter auch Schweizerinnen und Schweizer. Die Kriterien für das Wohlbefinden der über 50-Jährigen waren der subjektiv eingeschätzte Gesundheitszustand, die psychische Verfassung (Depressionen) und die aktuelle finanzielle Situation.

Die Auswertung der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit zeigt etwa, dass in armen Verhältnissen aufgewachsene Menschen in der Schweiz ein doppelt so hohes Risiko haben, im fortgeschrittenen Alter finanzielle Schwierigkeiten zu haben – im Vergleich zu Mittelstandsangehörigen und Kindern aus wohlhabendem Haus. Die Armut im Elternhaus wirkt sich auch auf die psychische Verfassung aus. 13 Prozent der Befragten, die aus bescheidenen Verhältnissen kommen, litten in fortgeschrittenem Alter unter Depressionen, deutlich mehr als in den anderen Gruppen.

Ausgeprägte Unterschiede zeigen sich auch beim allgemeinen Gesundheitszustand: Mehr als ein Fünftel der in prekären finanziellen Verhältnissen Aufgewachsenen beklagt einen schlechten Gesundheitszustand. Wer aus wohlhabendem Elternhaus stammt, hat da ein dreimal geringeres Risiko. Für die Gesundheit der über 50-Jährigen entscheidend ist zudem die Dauer der Lebensphasen mit finanziellen Schwierigkeiten. Von jenen, die mehr als 14 Jahre in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen lebten, leidet später ein Drittel an gesundheitlichen Problemen.

Begrenzte soziale Mobilität

Entscheidend für das Leben sind neben den ökonomischen Möglichkeiten der Eltern auch deren Bildung und kulturelle Ressourcen. Letztere wurden in der Studie daran gemessen, ob im Elternhaus Bücher vorhanden waren und ob gelesen wurde. Laut dem Soziologen Oliver Hümbelin zeigen die Daten auch für die Schweiz eine begrenzte soziale Mobilität und eine mangelnde Chancengleichheit. «Das Versprechen, dass jeder seine Situation mit ausreichender Anstrengung verbessern kann, bildet jedoch den Kern einer demokratischen Marktwirtschaft.»

Bei der Ursachenforschung bestehen allerdings Lücken. So bleibt im Falle der Schweiz die Frage offen, warum die Armut im Elternhaus dazu führt, dass mehr als ein Fünftel der Betroffenen später einen schlechten Gesundheitszustand hat. Hümbelin sieht einen möglichen Grund in der hohen Kostenbeteiligung der Schweizer Grundversicherung. Dies könne dazu führen, dass Menschen in bescheidenen finanziellen Verhältnissen auf medizinische Behandlungen verzichteten. Die Ungleichheit beim Gesundheitszustand ist in der Schweiz gleich gross wie im Durchschnitt der EU-Länder. Der allgemeine Gesundheitszustand der Bevölkerung ist in der Schweiz jedoch überdurchschnittlich gut.

Gene spielen geringe Rolle

Dass Menschen aus ärmeren Verhältnissen häufiger depressiv sind, erklärt Hümbelin unter anderem damit, dass sie als Kind den Umgang mit schwierigen Situationen weniger erlernten. Auch körperliche chronische Krankheiten seien oft das Ergebnis eines Lebensstils, der schon im Elternhaus geprägt werde, sagt der Soziologe.

Die Ressourcen des Elternhauses seien entscheidend dafür, wie gut sich Menschen entwickeln könnten. Neuere Studien zeigten deutlich, dass nur 2 Prozent des unterschiedlichen Bildungserfolges direkt auf genetische Veranlagungen zurückzuführen seien. Vielmehr sei die Stimulation der Kinder im Elternhaus ausschlaggebend. Gerade in Haushalten mit wenig finanziellen Mitteln komme die frühe Stimulation zu kurz. Einen Einfluss auf den Bildungserfolg habe ausserdem, wie weit es den Eltern gelinge, die Kinder von emotionalem Stress fernhalten zu können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2018, 20:21 Uhr

Artikel zum Thema

Gutausgebildete verdrängen in Zürich die Büezer

Infografik Die Zürcher werden immer reicher und gebildeter: Einwohner mit hohem sozialem Status bilden selbst in ehemaligen Arbeiterquartieren die Mehrheit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Wettbewerb

Gratis nach Singapur fliegen

Seit Anfang August fliegt Singapore Airlines auch ab Zürich mit einem neu ausgestatteten Airbus A380. Gewinnen Sie zwei Flugtickets.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...