Sollen Frauen bis 65 arbeiten müssen?

Solange Frauen weniger verdienen als Männer, sollen sie sich früher pensionieren lassen können. Das fordern vor allem Linke aus der Romandie. Was denken Sie dazu?

Arbeiten über 64 Jahre hinaus: Frauen im Dienstbotenheim in Oeschberg.

Arbeiten über 64 Jahre hinaus: Frauen im Dienstbotenheim in Oeschberg.

(Bild: Keystone)

Janine Hosp

Morgen Mittwoch werden in vielen Städten Transparente aufgerollt, und auf manchen werden Forderungen stehen wie «Keine Rentenreform auf dem Buckel der Frauen» oder «Rentenalter 65 für Frauen – ohne uns». Oder so ähnlich. Am internationalen Tag der Frauen wird eine Diskussion auf die Strasse getragen, die zumindest im Bundeshaus längst erledigt schien: Das Rentenalter der Frauen soll nicht wie in den Verhandlungen zur Altersvorsorge 2020 vorgesehen von 64 auf 65 Jahre erhöht werden. Insbesondere Gewerkschaftssektionen aus der Romandie drohen, dass sie gegen jede Erhöhung ein Referendum ergreifen.

Gemäss Gesetz ist die Ausgangslage klar: Frau und Mann sollen gleichgestellt sein. Das heisst, dass Frauen nicht benachteiligt werden dürfen – Männer aber auch nicht. So ist es für die FDP-Frauen selbstverständlich, dass das Rentenalter der Frauen jenem der Männer angepasst wird, wie ihre Generalsekretärin Claudine Esseiva sagt. Gleiche Rechte bedingten auch gleiche Pflichten.

Ein Affront für die Frauen

Genau hier setzen die Gegner des höheren Rentenalters an. Sie wollen nicht mit den Pflichten beginnen, solange ihre Rechte nicht erfüllt sind, wie Regula Bühlmann, Zentralsekretärin beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, deren Haltung erklärt. Auch wenn sie sich selber für die Variante des Ständerats einsetzt, der die AHV-Renten um 70 Franken erhöhen will, hat sie Verständnis für diese Haltung. Seit über 20 Jahren ist das Gleichstellungsgesetz in Kraft, und noch immer verdienen Frauen im Durchschnitt weniger als Männer.

Wie das Bundesamt für Statistik heute mitteilte, bestehen nach wie vor grosse Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern. Aber: Sie gehen im privaten Sektor langsam zurück. Beliefen sie sich 2010 noch auf 23,6 Prozent, waren es 2014 noch 19,5 Prozent. «Für viele Frauen ist ein höheres Rentenalter ein Affront», sagt Bühlmann. Insbesondere für jene, die Kinder oder kranke Angehörige betreuten und deshalb lange nicht arbeiteten. Sie müssten länger auf die AHV warten.

Nicht aus Bösartigkeit benachteiligt

Die FDP-Frauen hingegen erachten es nicht als sinnvoll, das Rentenalter und die Lohngleichheit miteinander zu verknüpfen. «Auch wir kämpfen für Lohngleichheit», sagt Claudine Esseiva. Es wäre jedoch falsch, mit solchen Forderungen die Altersreform zu versenken, aber gleichzeitig denselben Lohn für Mann und Frau zu fordern. Gewerkschafterinnen hingegen erachten die frühere Pensionierung für Frauen als eine kleine Kompensation für die Lohndiskriminierung.

Beide, Claudine Esseiva und Regula Bühlmann, setzen auf die Revision des Gleichstellungsgesetzes: Der Bundesrat sieht im Gesetzesentwurf unter anderem vor, dass Unternehmen mit mindestens 50 Angestellte alle vier Jahre eine Lohngleichheitsanalyse durchführen und ihre Mitarbeiter über die Resultate informieren müssen. Immerhin die Hälfte aller Firmen, die bereits eine solche Analyse durchgeführt haben, hat die Löhne angepasst.

«Unternehmen benachteiligten die Frauen nicht aus Bösartigkeit, sondern weil sie sich der Lohnunterschiede schlicht nicht bewusst waren», sagt Esseiva. Weitere Massnahmen sind ihrer Meinung nach nicht notwendig. Gewerkschafterin Regula Bühlmann hingegen hätte die Unternehmen gerne stärker in die Pflicht genommen. Das Gesetz muss noch vom Parlament beraten werden. In der Vernehmlassung allerdings haben SVP, FDP und CVP, die in beiden Räten eine Mehrheit haben, dagegen Stellung bezogen.

Frauen profitieren von höheren AHV-Renten

Es gibt aber auch Gewerkschafterinnen und linke Politikerinnen, die bereit sind, «die Kröte zu schlucken», wie sie es nennen. Sie unterstützen den Vorschlag des Ständerats, der die tieferen Pensionskassenrenten unter anderem mit einer höheren AHV-Rente kompensieren will; der Nationalrat will sie in der Pensionskasse selber ausgleichen. Gerade Frauen profitieren nach Ansicht der Befürworterinnen von einer höheren AHV-Rente, denn viele haben eine kleinere Pensionskassenrente als Männer oder gar keine.

Welche Argumente überzeugen Sie mehr? Sollen die Frauen länger arbeiten und darauf hoffen, dass sie bei den Löhnen irgendwann einmal nicht mehr diskriminiert werden? Oder sollen sie erst ihre Rechte einfordern, bevor sie in ein höheres Rentenalter einwilligen? Was halten die Männer von einem höheren Frauenrentenalter? Und die Frauen?

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