So kam es zu Ruoffs Rücktritt als Post-Chefin

Wie der Verwaltungsrat Susanne Ruoff letzte Woche zum Rücktritt zwang – während sie noch ein Interview gab.

«Die Vertrauensbasis fehlt»: Urs Schwaller erklärt den Hintergrund von Susanne Ruoffs Rücktritt. (11. Juni 2018) Video: Tamedia

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Urs Schwaller platzierte die Botschaft in seinem vorbereiteten Statement. Und als die Journalisten später ihre Fragen stellten, da wiederholte er sie nicht nur, er verdeutlichte und untermauerte sie sogar mit zusätzlichen Details.

Jeder, der die Medienkonferenz zum Postauto-Skandal verfolgte, sollte begreifen, dass der Rücktritt von Post-Chefin Susanne Ruoff nicht freiwillig erfolgt war. Vielmehr hatten die Untersuchungsberichte das Vertrauen des Verwaltungsrats in die Konzernchefin derart erschüttert, dass «eine weitere Zusammenarbeit mit Ruoff nicht mehr infrage kam», wie Post-Präsident Schwaller gestern sagte. Kurz: Der Post-Verwaltungsrat hat Ruoff nach fast sechs Jahren im Amt geschasst.

Nur zwölf Stunden früher hatte sich die Situation für die Öffentlichkeit noch ganz anders dargestellt. Mit der Medienmitteilung zu ihrem Rücktritt hatte die Post-Chefin am Sonntagabend den Eindruck erweckt, sie räume das Feld aus freien Stücken, als gehe sie mit gutem Beispiel voran, als wolle sie mit ihrem Rücktritt einen Beitrag leisten hin zu einer neuen Fehlerkultur bei der Post.

Es gab «gewisse Hinweise»

Sie habe zwar nichts von den fiktiven Buchungen gewusst, teilte Ruoff am Sonntagabend mit. Aber nach Einsicht in die Untersuchungsberichte habe sie feststellen müssen, dass es für die widerrechtliche Buchungspraxis bei Postauto in der Zeit zwischen 2007 und 2015 gewisse Hinweise gegeben hätte. Es sei zwar eine grosse Herausforderung, als Chefin des drittgrössten Konzerns der Schweiz in sämtlichen Bereichen im richtigen Moment eingreifen zu können. Aber als Konzernleiterin und nach Gesprächen mit dem Verwaltungsrat übernehme sie selbstverständlich die Gesamtverantwortung.

Wie im Verlauf vom Montag bekannt wurde, blieb ihr gar keine Wahl. Bereits kurz nachdem Ende Mai die definitiven Untersuchungsberichte zur Postauto-Affäre vorlagen, soll der Druck auf Ruoff zugenommen haben. Am Dienstag der vergangenen Woche traf sich der neunköpfige Post-Verwaltungsrat zu einer ausserordentlichen Sitzung, um die Befunde des Berichtes zu diskutieren und Massnahmen zu beschliessen. Die Personalie Ruoff war dabei eines der wichtigsten Themen. Das Gremium kam zum Ergebnis, dass die Untersuchung zu viel Belastendes zutage gefördert hatte. Etwa, dass Ruoff eine ganze Reihe von Hinweisen auf die widerrechtlichen Machenschaften bei Postauto gehabt hatte und dennoch nicht eingeschritten war. Schliesslich entschied der Verwaltungsrat in der Causa Ruoff, dass «für eine weitere Zusammenarbeit das Vertrauen fehlt», wie Schwaller gestern erklärte.

Am Mittwochabend kam es dann zu einem Treffen zwischen Schwaller und Susanne Ruoff. In einem persönlichen Gespräch schilderte Schwaller der Konzernchefin, zu welchem Ergebnis der Verwaltungsrat gelangt war. Einem Insider zufolge reagierte Ruoff enttäuscht. Nicht zuletzt, weil sie für sich in Anspruch nimmt, rasch und entschlossen gehandelt zu haben, als ihr die Unregelmässigkeiten 2017 direkt zugetragen wurden. Doch der Entscheid des Verwaltungsrats war gefallen. Urs Schwaller überliess es Susanne Ruoff, selbst den Rücktritt einzureichen.

Ein Pokerface am TV

Den Folgetag verbrachte die Post-Chefin am Swiss Economic Forum in Thun. Mehreren Beobachtern zufolge liess sich Ruoff nicht das Geringste anmerken. Sie stellte sich sogar einem TV-Interview mit SRF-Wirtschaftsjournalist Reto Lipp. Mehrere Minuten befragte er Ruoff zu den aktuellen Krisenherden bei der Post und insbesondere zur Postauto-Affäre. Wann mit den Untersuchungsberichten gerechnet werden könne? Ob die Gerüchte stimmten, dass der Bericht viele Schwärzungen enthalte? Ob Ruoff nicht sowieso Leadership zeigen müsse, also Verantwortung übernehmen und zurücktreten?

Susanne Ruoff, die faktisch bereits entmachtete Chefin des Post-Konzerns, lächelte unschuldig und hüllte ihr Schweigen in professionelle Worthülsen. Die Untersuchung liege in der Verantwortung des Verwaltungsratspräsidenten, sagte sie. Der Bericht werde aber zu gegebener Zeit veröffentlicht. Dann werde sie ihn anschauen und entscheiden.

Das letzte Interview als Post-Chefin: Susanne Ruoff in der Sendung «ECO» am Donnerstag. (7. Juni 2018) Video: SRF

Am Freitagmittag informierte Ruoff den Post-Verwaltungsrat schliesslich über ihren Rücktritt. Von einem öffentlichen Auftritt am gestrigen Montag riet Schwaller Ruoff jedoch ab. «Das wollte ich nicht», so der Post-Präsident. «Mit Rücksicht auf ihre Würde.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2018, 21:29 Uhr

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