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Sie wirken wie ein Defibrillator

Ein offener Brief zu einigen Höhepunkten der kurzen Ära von Staatsrat Oskar Freysinger, der im Wallis nun sein Amt abgeben muss.

Man wird sicher wieder von ihm lesen und hören: Oskar Freysinger. (Archivbild)
Man wird sicher wieder von ihm lesen und hören: Oskar Freysinger. (Archivbild)
Keystone

Lieber Oskar Freysinger,

Sie müssen Vorfreude verspürt haben. Am Montag wären Sie Staatsratspräsident geworden. Als erster SVP-Vertreter in der Geschichte des Wallis. Stattdessen endet Ihre Regentschaft am Freitag. Früher als erwartet, um ehrlich zu sein. Noch vor vier Jahren zogen Sie durch die grosse Pforte – als Bestgewählter und darum stolz wie ein Pfau – in den Walliser Staatsrat. Trotzdem bekam man rasch das Gefühl, Sie hätten Ihre wahre Berufung noch nicht gefunden. Sie verblieben im Nationalrat, führten Ihr Departement im Nebenamt und brachten sich als Bundesratskandidat ins Spiel. Ins höchste Regierungsamt im Staat schafften Sie es nicht. Schlimmer noch: Sie müssen jetzt durch die Hintertür aus Ihrem Departement schleichen, vom Volk abgewählt, von Ihren politischen Gegnern verhöhnt und der eigenen Partei kritisiert.

Natürlich haben Sie Fehler gemacht und sich auf falsche Freunde eingelassen. Aber vieles von dem jetzt Gesagten haben Sie nicht verdient. Auch nicht die zynische Bemerkung eines Westschweizer Radiomoderators, der im Anschluss ans Verlesen der Depesche über ihre Abwahl im Morgenjournal anmerkte, es gebe ja auch noch erfreuliche Neuigkeiten.

Ihr einstiger Nationalratskollege Stéphane Rossini betitelte sie in der «Tagesschau» gar als «Clown». Und Alt-Bundesrat Pascal Couchepin ätzte, Sie hätten «Talent als Sänger, als Poet oder als Hofnarr», aber der Staatsratsanzug sei zu gross für Sie. Wenn ich ganz ehrlich bin: So ganz unrecht hat Couchepin nicht.

Sie haben uns Journalisten während Ihren vier Regierungsjahren kaum durch politische Leistungen beeindruckt, dafür grossartig unterhalten. Erinnern Sie sich an jenen feierlichen Moment, als Sie die blutjungen, frisch diplomierten Krankenschwestern in ihrer Rede mit dem Grippepulver Neocitran und als Höhepunkt mit dem Durchfallmedikament Imodium verglichen? Ich weiss nicht, wie die adretten Frauen den Vergleich empfanden. Als charmantes Kompliment jedenfalls nicht.

Dennoch: In drögen Momenten wirken Sie wie ein Defibrillator. Auch die Rede, die Sie im Dezember bei der Vereidigung von 630 Neu-Schweizern hielten, bestach durch grandiose Komik. Sie blickten in lauter fremdländische Gesichter, die nur eines wollten: endlich den Schweizer Pass. Und dann sagten Sie zu all diesen Leuten: «Erinnern Sie sich noch, als Sie mit leichtem Gepäck, aber schwerem Herzen in die Schweiz kamen. Einige haben, um sich vor dem Unbekannten zu schützen, eine Flasche Slivovitz runtergestürzt, andere einen Portwein oder Chianti, ein Stück Mozzarella, eine Flasche Lourdeswasser oder eine Weisswurst.»

Greifbare Empathiefähigkeit

In solchen Momenten war ihre Empathiefähigkeit greifbar. Schliesslich war ihr Vater einst aus Tirol ins Wallis eingewandert und trug mit Sicherheit den einen oder anderen Knödel in seinem Bündel.

Erst recht in Fahrt kamen Sie, wenn Sie über Amerika referierten. An einer Konferenz des rechtsradikalen «Compact»-Magazins in Berlin präsentierten Sie eine geradezu revolutionäre These, eingebettet in die abendländische Mythologie, in der Sie ein Experte zu sein scheinen. Sie erinnerten daran, dass Amerika Europa einst von den Nationalsozialisten befreite, «im Prinzip wie ein Rachegott, der keinen anderen Gott neben sich duldete. Aus diesem Grund wird die neue Welt so wie jene, die sie bekämpft hat, eine Meisterin der Brutalität, eine Besoffene, welche die Hure Babylon mit sich in die Apokalypse nimmt.» Auf diesen historischen Vergleich und die Metaphorik muss man erst noch kommen. Ganz zu schweigen von der geschliffenen Rhetorik.

Ihr Amt lassen Sie nun hinter sich, Oskar Freysinger. Eine kurze, intensive Ära geht zu Ende. Ein bitterer Augenblick, aber auch ein reinigender. Sie haben ja selbst gesagt, dass Sie seit Jahren durch die Hölle gehen. So was wünscht man niemanden. Ich bin mir sicher, einmal vom Amt befreit und die Würde wiedergefunden, werden wir wieder von Ihnen lesen und hören. Jemand wie Sie hat immer etwas zu sagen.

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