«Schwierig ist es, wenn beim Täter die Einsicht fehlt»

Der Basler Bischof Felix Gmür äussert sich zum Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema sexueller Missbrauch.

«Diese Personen gehen nicht ins Gefängnis, sie erhalten höchstens einen Strafbefehl»: Felix Gmür über Täter, deren Fälle als eher leicht eingeschätzt werden. Bild: Keystone

«Diese Personen gehen nicht ins Gefängnis, sie erhalten höchstens einen Strafbefehl»: Felix Gmür über Täter, deren Fälle als eher leicht eingeschätzt werden. Bild: Keystone

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Die katholische Kirche der Schweiz hat dank Meldungen von Opfern in den letzten Jahren gegen 200 Priester und Personen im kirchlichen Umfeld identifiziert, die sexueller Übergriffe beschuldigt werden. Ein Teil der Täter ist bereits tot. Ihre Taten liegen Jahrzehnte zurück.

Doch der Kirche werden laufend neue Beschuldigte bekannt, denn Opfer berichten von neuen Vorfällen. Von den gegen 250 gemeldeten Missbrauchsfällen für den Zeitraum von 1950 bis heute ereigneten sich mindestens 25 in den letzten sieben Jahren.

Laut Angaben der Bischofskonferenz berichten die Opfer von unerwünschten Avancen und Belästigungen, aber auch von massiven sexuellen Übergriffen. Es stellt sich die Frage, was die katholische Kirche mit den Beschuldigten macht und wie sie mit verurteilten Tätern in ihren Reihen umgeht.

Früher wurden übergriffige Priester versetzt – und starben später, ohne je für ihre Taten gebüsst zu haben. Das sei heute nicht mehr so, sagt Felix Gmür. Der Bischof von Basel ist in seinem Bistum verantwortlich für den Umgang mit Beschuldigten und Tätern. Eine schwierige Aufgabe, wie er sagt.

Besonders problematisch seien jene Täter, deren Übergriffe von Strafverfolgern als eher leicht eingeschätzt würden. «Diese Personen gehen nicht ins Gefängnis, sie erhalten höchstens einen Strafbefehl, über den wir von der Justiz manchmal nicht einmal informiert werden. Vielleicht wird das Strafverfahren sogar eingestellt. Oder der Beschuldigte wird freigesprochen», sagt Gmür.

Strafrechtlich nicht zu fassen

Wenn er die Untersuchungsakten nicht erhalte, habe er nur die Aussagen des Täters, vielleicht des Opfers. Und wenn der Beschuldigte nicht verurteilt worden sei, müsse er aufgrund von Befürchtungen und Mutmassung agieren, sagt der Bischof. Das treffe auch zu, wenn der Übergriff nie zum Justizfall werde, weil es um Belästigungen gehe, die strafrechtlich nicht zu fassen seien. «Ich bin besorgt, weil in Fällen, die nicht angezeigt werden, vieles in der Schwebe ist», sagt er.

Das betrifft die Mehrheit der Übergriffe. Weil viele Opfer keine Anzeige wünschen, werden Missbrauchsfälle oft nicht der Justiz zugeführt, sondern kirchenintern untersucht, wie die «SonntagsZeitung» berichtete. Ausser in ganz gravierenden Fällen. Systematische Anzeigen sieht die Kirche nur vor, wenn es um Übergriffe auf Minderjährige geht. Bei erwachsenen Opfern aber nicht.

Die Bischöfe können gegen Beschuldigte Sanktionen ergreifen. Zahlen der Bischofskonferenz zeigen, dass sie in den letzten sechs Jahren zwei Beschuldigte verwarnt haben, zwei erhielten ein Rayonverbot, drei wurden aus dem Kirchenamt entlassen, einer suspendiert, und einem weiteren wurde eine Aufgabe zugewiesen, bei der er keinen Kontakt zu potenziellen Opfern hat. Sechs Beschuldigte machten eine Therapie.

Egal, ob verurteilt oder nicht

Bei der Frage, welche Massnahme man treffe, fällt den Bischöfen mit Unterstützung von kirchlichen Fachgremien die schwierige Aufgabe zu, die Rückfallgefahr eines Täters einzuschätzen. Therapieberichte könnten dabei helfen. Doch Bischof Gmür winkt ab: «Solche Berichte sind zwar in schönem Deutsch verfasst, aber sie tönen für mich als Nichtfachmann manchmal etwas schwammig. Es wird bei der Beurteilung einer Rückfallgefahr viel im Konjunktiv geredet – könnte, sollte, müsste und vielleicht –, weil man es eben hier nicht mit harten Fakten zu tun hat. Wie schätze ich die Gefahr also ein?»

Schwierig sei dies vor allem, wenn die Einsicht fehle. «Es gibt immer wieder Beschuldigte, die mir erzählen, der Übergriff sei ein einmaliger Ausrutscher gewesen. Sie sagen: ‹Ich hätte nie gedacht, dass ich das tun könnte›, oder: ‹Es war nichts Grosses, ich würde nie mehr so etwas tun›. Das ist nicht die wahrhaftige Einsicht, die es braucht, damit wir sicher sein können, dass es nicht mehr vorkommt», sagt Gmür.

Doch das Problem lasse sich nicht einfach dadurch lösen, indem man sich von den Beschuldigten und Tätern abwende. Als Bischof sei er verpflichtet, sich auch um solche Leute zu kümmern und ihnen zum Teil eine Stelle anzubieten – auch wenn eine grosse Mehrheit der Gläubigen sich nicht auf solche Menschen einlassen wolle und die Öffentlichkeit sie als Täter sehe, egal, ob verurteilt oder nicht. «Das ist ein Dilemma. Ich frage mich immer wieder: Was mache ich mit solchen Seelsorgern? Wie bei ‹zivilen› Tätern auch müssen sie irgendwann von der Gesellschaft auf sinnvolle Weise wieder integriert werden», sagt Bischof Gmür.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2018, 00:03 Uhr

Felix Gmür, Bischof von Basel.

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