Schweizer Willkommenskultur

Nach all der Hysterie und all dem Aufruhr: Etwas Optimismus in der Flüchtlingsdebatte.

Populisten haben aus der Willkommenskultur einen Kampfbegriff gemacht: Bundesasylzentrum in Vallorbe. Bild: Keystone

Populisten haben aus der Willkommenskultur einen Kampfbegriff gemacht: Bundesasylzentrum in Vallorbe. Bild: Keystone

Philipp Loser@philipploser

Die Flüchtlingskrise in Europa – sie ist eine Regierungskrise. In Deutschland blockiert ein Bayer wegen seiner Angst vor Flüchtlingen während Wochen die Regierung. In Italien ist ein Mann an der Macht, für den «rechts» ein viel zu freundlicher Begriff ist. In Österreich: dito. 

Sie alle, die AfD und CSU-Mann Horst Seehofer in Deutschland, Matteo Salvini und die Lega in Italien, Heinz-Christian Strache und die FPÖ in Österreich, bewirtschaften die Flüchtlings­thematik in einem Masse, das in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Problematik steht. 

Diese Populisten sind es, die aus der Willkommenskultur von 2015 einen Kampfbegriff gemacht haben. Einen Totschläger, geschrieben nur mit Anführungszeichen. «Willkommenskultur» steht für alles, was der Westen angeblich falsch macht. Anpassung, Unterordnung, Naivität. 

Willkommenskultur ohne Anführungszeichen

Dabei gibt es gar nicht mehr so viele Menschen, die hier überhaupt willkommen geheissen werden. Im ersten Halbjahr 2018 baten noch 7820 Personen in der Schweiz um Asyl. So wenig wie letztmals im Jahr 2010. Als Reaktion darauf bauen die Kantone ihre Asylunterkünfte zurück. 

Die Erfahrung der letzten drei Jahre zeigt: Das Ereignis von 2015, als der Krieg Hunderttausende vertrieb, wurde erstaunlich gut bewältigt. Jedenfalls in der Schweiz. Natürlich wird auch hier zuerst gejammert, wenn sich Flüchtlinge ankündigen. Doch sind die Menschen dann da, werden die Probleme gelöst. Eine Willkommenskultur ohne Anführungszeichen. Niemand blieb ohne Essen, niemand musste länger im Freien schlafen, alle hatten Zugang zu medizinischer Versorgung, inzwischen sind viele Junge ins Bildungssystem integriert und schreiben ihre eigene, neue Geschichte. Wie das gelang? Unaufgeregt und pragmatisch, sehr schweizerisch. Angesichts des Wahnsinns rund um uns herum ist das doch eine freudige Erkenntnis.

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