Schweizer Nobelpreisträger: «Etwas ziviler Ungehorsam kann nützen»

Uni-Professor Jacques Dubochet unterstützt die Bewegung Extinction Rebellion, wie er im Interview sagt. Er hofft, dass die Richter bei deren Aktionen «Milde walten lassen».

«Diese Jungen sind gar nicht so radikal. Sie verlangen nur, dass man aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen endlich die richtigen Schlüsse zieht»: Jacques Dubochet auf den Strassen von Morges. Foto: Jean-Paul Guinnard («24 Heures»)

«Diese Jungen sind gar nicht so radikal. Sie verlangen nur, dass man aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen endlich die richtigen Schlüsse zieht»: Jacques Dubochet auf den Strassen von Morges. Foto: Jean-Paul Guinnard («24 Heures»)

Markus Brotschi@derbund

Sie und andere Wissenschaftler aus der Romandie stellen sich in einem offenen Brief hinter die radikaleKlimabewegung Extinction Rebellion (XR). Diese fordert die Reduktion des CO2-Ausstosses auf null bis 2025. Um dies umzusetzen, müsste der Bundesrat mit Notrecht agieren.
Diese Jungen sind gar nicht so radikal. Sie verlangen nur, dass man aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen endlich die richtigen Schlüsse zieht. Schauen Sie, was der Bundesrat bisher gemacht hat. Die Massnahmen genügen in keiner Art und Weise, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Wir müssen alles tun, um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wenn wir einen gewissen Punkt überschreiten, droht die Erwärmung völlig ausser Kontrolle zu geraten. So weit dürfen wir es nicht kommen lassen.

Das Misstrauensvotum der Wissenschaftler gegenüber der Politik erscheint kurz nach den eidgenössischen Wahlen, bei denen die Grünen und Grünliberalen massiv zulegten. Haben Sie das Vertrauen in die Demokratie verloren?
Ich hatte den offenen Brief bereits vor den Wahlen unterschrieben. Aber das Wahlresultat macht mir tatsächlich Hoffnung. Ich hoffe, dass sowohl im Bundesrat als auch im Parlament nun eine Art Coming-out stattfindet, also dass sich immer mehr Politiker dazu bekennen, dass wir rasch handeln müssen. Denn auch die Politikerinnen und Politiker haben Kinder, denen sie sich erklären müssen, wenn sie nicht rechtzeitig handeln. Ich bin seit kurzem Grossvater. Im Jahr 2100 wird unser Enkel 81 Jahre alt sein. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden dann die Lebensumstände wegen der Klimaerwärmung sehr schwierig sein. Es wird wahrscheinlich eine chaotische Welt sein, wenn wir die Lage nicht unter Kontrolle bringen, und zwar schnell.

«In der heutigen Situation ist ‹business as usual› nicht angebracht.»

Sie und die Mitunterzeichner unterstützen die Absicht von Extinction Rebellion, Bürgerversammlungen einzuberufen. Diese sollen zusammen mit den Wissenschaftlern Massnahmen ausarbeiten, um den CO2-Verbrauch rasch auf null zu reduzieren. Sollen diese Versammlungen das demokratisch gewählte Parlament ersetzen?
Nein. Aber die Menschheit steht vor der grössten Herausforderung, die es je gab. Vielleicht ist es ein nicht ganz passender Vergleich: Aber als die USA 1941 vor der Frage standen, ob sie in den Krieg eingreifen, erfolgte dieser Schritt auch nicht nach einer langen parlamentarischen Diskussion. Es brauchte entschlossenes Handeln, um 1945 als Sieger dazustehen. Die Demokratie in den USA ist daraus eher noch gestärkt hervorgegangen. Auch in der heutigen Situation ist «business as usual» nicht angebracht.

Was fordern Sie konkret?
Der Bundesrat hat kürzlich beschlossen, bis 2050 die Klimaneutralität zu erreichen. Bravo! Dies ist – in einer etwas strikteren Form – auch das Ziel der Gletscherinitiative. Aber gemäss Klimaabkommen von Paris muss dieses Ziel bis 2050 weltweit erreicht werden. Und viele Schwellenländer, beispielsweise Indien, werden in den nächsten Jahren den CO2-Konsum steigern, weil sie den gleichen Lebensstandard für ihre Bevölkerung wollen, wie wir ihn haben. Deshalb müssen hochentwickelte Länder wie die Schweiz ein Vorbild sein und ihren Ausstoss viel rascher auf null reduzieren. Die Klimabewegung fordert dies bis 2030, Extinction Rebellion bis 2025. Diese Forderung ist vernünftig.

«Ich bin durch und durch Demokrat.»

Eine Sprecherin von XR Deutschland hat kürzlich in der NZZ demokratische Wahlen als dem Wesen nach aristokratisch bezeichnet und für Bürgerversammlungen plädiert, in welche die Mitglieder per Los gewählt werden. Das tönt aber doch so, als sollte die Demokratie ausgeschaltet werden.
Niemals würde ich die Demokratie als aristokratisch bezeichnen, per Definition ist das Gegenteil der Fall. Ich bin durch und durch Demokrat, und das Parlament soll auch nicht durch die Bürgerversammlungen ersetzt werden. Wir haben in der Schweiz eines jener demokratischen Systeme, die weltweit am besten funktionieren. Wir haben direktdemokratische Instrumente, die wunderbare Gestaltungsmöglichkeiten bieten. So können wir über die Gletscherinitiative abstimmen. Aber das geht alles sehr langsam. Den demokratischen Pluralismus zu ergänzen, um auf die Klimakrise und die Bedrohung der Biodiversität effizient zu reagieren, scheint mir eine gute Idee. Alle in der Schweiz lieben die Gletscher und wollen sie erhalten. Die Leute sind nicht dumm. Wenn sie begreifen, wie bedrohlich Umweltzerstörung ist, werden sie handeln.


«Etwas ziviler Ungehorsam ist nicht so schlimm und kann nützlich sein»: Nobelpreisträger Jacques Dubochet. Foto: Denis Balibouse (Reuters)

Aber wenn wir schon solch einzigartige Möglichkeiten der direkten Demokratie haben, wozu wollen Sie dann mit Extinction RebellionBürgerversammlungen durchführen?
Ich sehe die Bürgerversammlungen als eine zusätzliche Parlamentskammer und nicht als Ersatz für die demokratischen Institutionen. Auch der Rechtsstaat darf keinesfalls gefährdet werden.

Gleichzeitig unterstützen Sie Aktionen des zivilen Ungehorsams von XR wie Strassenblockaden oder Sitzblockaden vor Banken. Soll Ihrer Meinung nach der Rechtsstaat von Strafen absehen, weil die Rebellen sich moralisch legitimiert sehen?
Etwas ziviler Ungehorsam ist nicht so schlimm und kann nützlich sein, um die Politik und die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, dass das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht. Ich würde mir wünschen, dass die Richter Milde walten lassen, solange solche Blockaden die Ausnahme bleiben. Aber entscheidend ist die Gewaltfreiheit, an die sich die Jungen strikt halten. Dafür kann ich sie nur loben. Denn das ist nicht einfach, angesichts der Gewalt in unserer Gesellschaft. Man muss die Jungen unterstützen und ihnen helfen, gewaltfrei zu bleiben.

«Die Radikalität kann von der einen wie von der anderen Seite ausgehen.»

Aber die Demokratie wird nie so rasch handeln, wie die Klimarebellen sich das vorstellen. Eine Radikalisierung dieser Bewegung ist deshalb vorprogrammiert. Wo liegt für Sie die Grenze?
Ich weiss es nicht, das wird die Geschichte weisen. Ich stelle aber demgegenüber fest, dass die jungen Verteidiger des Klimas im Grunde recht haben und alle im Land zu dieser Überzeugung gelangen müssen. Im Zusammenspiel der Klimabewegung und der Gesellschaft wird sich entscheiden, wie sich die Situation weiterentwickelt. Die Radikalität kann von der einen wie von der anderen Seite ausgehen.

Würden Sie sich auch selber an Aktionender Klimarebellen beteiligen?
Nein, nicht solange der Weg für eine Lösung offen bleibt.

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