Schweizer Geheimdienst warnt Geschäftsleute eindringlich

Der Nachrichtendienst des Bundes rät davon ab, im Ausland «unsichere» drahtlose Netzwerke zu nutzen. Diese neuen Warnungen sind Folge der Snowden-Enthüllungen.

Wer sich in Flughäfen oder Bahnhöfen ins Internet einloggt, ist für Datenklau besonders gefährdet.

Wer sich in Flughäfen oder Bahnhöfen ins Internet einloggt, ist für Datenklau besonders gefährdet.

(Bild: Aping Vision (Getty Images))

Thomas Knellwolf@KneWolf

Pünktlich und symbolträchtig zum 1. August hat der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) ein Warnpapier publiziert. Bislang ist es von der Öffentlichkeit unbemerkt geblieben. Die 30 Seiten, stillschweigend im Internet aufgeschaltet, lassen sich zusammenfassen mit «Hütet euch vor Spionage und Datendiebstahl!».

Der NDB warnt Unternehmen und Hochschulen vor «Kriminellen, Konkurrenten, Staaten, Terroristen oder unabhängigen Gruppen», die versuchten, «in Informatiksysteme einzudringen und sich Zugang zu sensiblen Informationen zu verschaffen». Hinter den «gezielten Angriffen mit hoch entwickelter Schadsoftware» steckten «immer häufiger» organisierte und technisch bewanderte Gruppen mit grossen Mitteln.

Solche Erkenntnisse zusammengetragen hat eine Taskforce des Bundes. Nach den ersten Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden war sie vom NDB und anderen Sicherheitsorganen des Bundes gebildet worden. Dank dem Ex-Mitarbeiter der US-Geheimdienste CIA und NSA weiss heute die ganze Welt, wie permanent und penetrant die Vereinigten Staaten und ihre engsten Ver­bündeten die internationalen Kommunikationsströme überwachen. Der NDB hat die Spionagemethoden der «Five Eyes»-Allianz analysiert und kommt nun zu einem eindeutigen Schluss: «Die Gefährdungslage hat sich verschlimmert; die Schutzmassnahmen sind entsprechend anzupassen.»

«Böswillige Kreise» am Zoll

Seit mehr als einem Jahrzehnt versucht der schweizerische Geheimdienst, Spionagegefährdete zu sensibilisieren. «Prophylax» heisst sein Programm, in dem hiesige Abwehrspezialisten Unternehmen und Hochschulen gezielt ansprechen. Sie empfehlen, Computerdaten technisch mit Firewalls, Anti-Viren-Software und immer aktualisierten Betriebssystemen zu schützen. Weiter sollen interne und externe Firmennetzwerke getrennt werden. Laptops und Internet- sowie Mobilkommunikation gehören gemäss dem NDB verschlüsselt – insbesondere bei Auslandsreisen, wo «böswillige Kreise» es auf «heikles Material» abgesehen hätten. Neu warnt der NDB Geschäftsreisende vor Situationen beim Grenzübertritt: Zöllnern sollten nie Handy und Laptops länger überlassen werden. Verschwindet ein Beamter mit den Geräten, sind Daten im Nu abgesaugt.

Die Schweiz als Ziel taucht in den Snowden-Unterlagen immer wieder auf: In einer Präsentation zeigt der britische Geheimdienst GCHQ auf, wie er es auf Reservierungssysteme von Luxushotels abgesehen hat – so in Zürich. Das Programm «Royal Concierge» dient als Ausgangspunkt, um Gäste gezielt zu überwachen. Die GCHQ-Hacker versuchten gemäss den geleakten Papieren auch, mit falschen Internetprofilen schweizerische Telecomfirmen zu knacken.

«Der Fall Snowden», so sagt NDB-Sprecherin Carolina Bohren, «hat die aktuelle und umfassende Bedrohung durch Spionage klarer aufgezeigt.» Er sei Anlass gewesen, die «Prophylax»-Broschüre zu überarbeiten und zu ergänzen. Zu den nun verschärften Warnungen gehört der Hinweis, dass besonders gut ausspioniert werden kann, wer sich in Internetcafés, Flughäfen, Hotels oder Bahnhöfen ins Internet einloggt.

Drahtlose Netze bezeichnet der NDB als «generell unsicher». Er warnt aber auch vor traditioneller Spionage durch Agenten. Getarnt als Diplomaten, Journalisten oder Geschäftsleute suchten sie nach wie vor «Zugang zu Entscheidungsträgern aus den Bereichen Wirtschaft und Politik». Sie nähmen Zielpersonen ins Visier und versuchten, Abhängigkeiten aufzubauen – durch Geschenke und Einladungen.

«Das Vertrauensverhältnis», so schreibt der NDB, «wird so weit vertieft, bis Geheiminformationen verraten werden.» Der Ausgeforschte «verstrickt sich immer tiefer und kann nicht mehr zurück». Auch Erpressungen gehören zur Methodik der Geheimdienste. Vorwürfe können inszeniert sein – wie bei der Geschichte, die Whistleblower Snowden aus seiner Zeit beim Geheimdienst CIA in Genf erzählt: Damals hätten US-Agenten einen Banker betrunken gemacht, um in nach einer Verkehrskontrolle als Informanten zu rekrutieren.

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