Schulausschluss wegen Liebe

1969 beschäftigt ein Liebespaar Rektorat und Lehrerschaft des St. Galler Gymnasiums am Burggraben. Sie kommen zum Schluss: Es droht ein Flächenbrand der freien Liebe.

«Man sieht in diesem Alter viel mehr oberflächliche Bindungen als derartige Versuche, zu einer festen und zugleich freien Zweisamkeit zu gelangen . . .» (Aus dem Gutachten, 1970) Symbolfoto: Armstrong Roberts (Interfoto)

«Man sieht in diesem Alter viel mehr oberflächliche Bindungen als derartige Versuche, zu einer festen und zugleich freien Zweisamkeit zu gelangen . . .» (Aus dem Gutachten, 1970) Symbolfoto: Armstrong Roberts (Interfoto)

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Sie war damals 19 Jahre alt. Ein Monat fehlte bis zur Volljährigkeit, ein gutes halbes Jahr bis zur Matura. Jetzt ist sie 66, Heilpraktikerin in einer mittelgrossen Schweizer Stadt. «Die Ereignisse damals gingen mir sehr nahe», sagt Julia*, barfuss an ihrem Küchentisch sitzend, vor uns ein Kräutertee und eine hausgemachte Fruchtwähe. «Ich war wie gefroren. Von einem Moment auf den anderen war nichts mehr wie zuvor.» Sie ging erst für drei Monate nach Neuenburg für ein Praktikum in einer psychiatrischen Klinik, danach lebte sie in der Familie ihres Onkels in Basel und machte die Matura dort. «Das war eine harte Zeit, aber sie hat mir geholfen, herauszufinden, was ich im Leben will.»

Jetzt sind die Archivquellen offen, und die Zeitzeugen erinnern sich. Julia war die Hauptbeteiligte in einem Konflikt, der die Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen 1969/70 erschütterte. Die Maturandin hatte sich in den neuen Klassenkameraden Martin* verliebt und seinetwegen ihren Freund Adrian* aus derselben Klasse 6ga verlassen. Die Griechischklasse war der Stolz der über hundertjährigen Kantonsschule, ein Dreiecksverhältnis in dieser Elite nicht vorgesehen.

In der Folge beugten sich erst Rektor und Abteilungsvorstand, dann die Klassenlehrer, danach die Rektoratskommission, dann der Lehrerkonvent und schliesslich die ganze Stadt und die halbe Schweiz über diese Beziehung zwischen 18- und 19-Jährigen. Zur Unterstützung der Betroffenen bildete sich an der Schule die «Aktion Rotes Herz», ihr Sprecher war der heutige Zürcher Kinder- und Jugendpsychologe Matthias Federer. Zahlreiche Studenten an der Hochschule St. Gallen solidarisierten sich, unter ihnen der Verfasser dieses Textes.

«Mit Sex fängt man Mäuse»

Es ist das Jahr nach dem Mai 1968. Konrad Hummler, der spätere Wegelin-Privatbanker, ist Schüler in der Klasse 4ga. Er hat eben seine Schwester an der bewegten Pariser Sorbonne besucht und sieht den Protest auf die Ostschweiz zukommen. Im November wird ein Zivilverteidigungsbüchlein an alle Haushalte verteilt – es rät zur Wachsamkeit gegen den inneren Feind. Er kann demnach jederzeit in allen Gestalten auftauchen und jedes Thema zur politischen Agitation benutzen. «Mit Sex fängt man Mäuse» heisst es damals.

St. Gallen erlebt die ersten «Teach-ins» in seiner Geschichte, wie die Schüler und Studenten ihre Informationsabende nennen. Dafür mieten sie Säle in den gutbürgerlichen Restaurants, und die sind proppenvoll. Der deutsche Sexualforscher Martin Dannecker, damals auf der Durchreise, solidarisiert sich namens des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und ruft die St. Galler Schüler in der Manier von Che Guevara zu 15, 20 Sexskandalen auf, «so beweist ihr aktive Solidarität». Die St. Galler Polizei will erst einschreiten, sieht aber schliesslich davon ab, weil die Anstiftung erst strafbar wird, wenn ein Schüler den Rat umsetzt.

Dannecker ist später als Professor für Sexualwissenschaft und Therapeut in Frankfurt und Berlin tätig. An den Ausschluss der beiden Maturanden in St. Gallen und den Protest erinnert er sich lebhaft: «Das konservative Bürgertum fürchtete damals ähnlich wie ein Teil des Islam bis heute, dass eine befreite Sexualität zur unbegrenzten Triebhaftigkeit führen werde. Die Menschen sind aber durchaus fähig, ihre Sexualität in die ihnen gemässen Bahnen zu lenken. Ich stehe bis heute unverdrossen aufseiten einer von restriktiven Eingriffen freien Sexualität», sagt der 73-Jährige.

Für Julia ist es eine freie Liebesbeziehung im Geiste der damaligen Zeit. «Martin spielte wunderbar Gitarre», erinnert sie sich, «Lieder von Donovan, Bob Dylan und anderen.» Am schönsten spielte er «Le déserteur», das Antikriegslied von Boris Vian. Es ist die Zeit von Flower-Power, zuoberst in der Hitparade steht «Come Together» von den Beatles: «One thing, I can tell you, is: You got to be free.» «Martin und ich waren fasziniert vom freien Leben, ich selber war beeindruckt nach Besuchen mit meiner Familie im Atelier eines befreundeten Künstlers – so wollte ich leben.»

Anfänglich versteht niemand, warum sie ihre alte Beziehung für Martin aufgibt, aber der neue Freund entspricht dem freien Lebensentwurf weit mehr als der alte. Er ist mit der Zigarette im Mundwinkel «leger» drauf, heute würde man «cool» sagen. Sie haben zusammen eine schöne Liebesgeschichte, die sie auch nach aussen zeigen. Einmal tauschen sie die Hemden, Martin kommt in ihrem Hemd zur Schule, sie in seinem.

Adrian leidet unter der neuen Beziehung, die seine Freundin eingegangen ist, mit einem Klassenkameraden und Burschen aus derselben Mittelschulverbindung dazu. Julia ist seine Couleurdame, als Zeichen der Verbindlichkeit hat er sich den Verbindungsschnörkel auf den Hut sticken lassen – ein Statuswechsel, so offiziell wie dereinst auf Facebook. Fux major in dieser Mittelschulverbindung ist der spätere Nationalrat und Datenschützer Hanspeter Thür: «Ich war in dieser Rolle eine Art Vater. Aber ich konnte mich nicht einschalten, denn ich hatte nach der Matura St. Gallen verlassen.»

Dafür schalten sich andere ein. Adrian empfängt anonyme Telefonanrufe, in denen sich der Anrufer als Lehrer der Schule ausgibt und ihm mitteilt, dass er die Sache vor den Lehrerkonvent bringe. In der Folge stellt der Abteilungsvorstand für alte Sprachen Martin zur Rede. Der berichtet ihm freimütig, dass er mehrere Male bei Julia übernachtet habe. «Er sah nichts dabei und war immer offen und direkt», sagt Julia. Aber der Abteilungsvorstand wertet dies als Beichte und den Fall für umso gravierender, als sich danach herausstellt, dass Julias Mutter die beiden einmal «in flagranti» erwischt hat. Julia, die einen langen Anfahrtsweg zur Schule hatte, hat kurz vor ihrer Volljährigkeit in St. Gallen ein Zimmer gemietet und soll der Mutter dabei versprochen haben, Martin nicht aufs Zimmer zu nehmen. «Das stimmt nicht», sagt sie heute, «ich habe ihr bloss nicht davon erzählt.»

Ausbrennen, bevor es richtig brennt

In der zweiten Dezemberwoche tagen die neun Lehrer der Klasse mit dem Rektor, um einen Strafantrag zu stellen: «Wenn wir jetzt nichts tun, können wir nie mehr etwas tun», sagt der Französischlehrer, denn nun wird die Sache publik. «Die Sache mit Adrian sei am Abklingen», weiss ein anderer Lehrer. «Die Eltern haben die Schuld, und wir sollen die Sache ausfressen», beklagt ein nächster. «Martin verkehrt im Corso, er scheint Geld zu haben», weiss ein Vierter. Der Rektor, Historiker und nebenbei hoher Armeeoffizier, empfiehlt «Ausbrennen», bevor das Feuer richtig brennt. «Sonst ist die Schulgemeinschaft gefährdet. Dies ist keine neue Moral, sondern die Piraterie des Stärkeren.»

Der Rektor steht im Kontakt mit dem Spezialdienst der St. Galler Kantonspolizei. Dieser Dienst beobachtet seit der 1.-Mai-Demonstration und einer Kundgebung gegen den Vietnamkrieg kurz vor Weihnachten 1969 jeden Schritt zur Bildung einer Protestbewegung unter Schülern und Studenten in St. Gallen. Der junge Kantonsschullehrer Rolf Dubs, freisinnig wie der Rektor, sichert der politischen Polizei zu, sie zu informieren, «sollte sich irgendetwas tun». Dubs, später Rektor der Hochschule und innovativer Wirtschaftspädagoge, sagt heute dazu, er habe sich Sorgen gemacht, denn es habe ähnliche Fälle an ausländischen Schulen gegeben, die zu grosser Unruhe geführt hätten.

Die Lehrer der Klasse 6ga beantragen schliesslich mit 7:2 Gegenstimmen, den Eltern von Julia und Martin dringlich nahezulegen, ihre Kinder von der Schule zu nehmen. Dieses sogenannte Consilium abeundi, der Rat wegzugehen, wird in der folgenden Woche von der Rektoratskommission beschlossen. «Der Rektor sprach gerade mal eine Viertelstunde mit mir», erinnert sich Julia, «sein Ton war verächtlich.» Die beiden Elternpaare entscheiden sich vor Weihnachten, ihre Kinder von der Schule zu nehmen. Der Vater von Martin widerruft später sein Einverständnis, weil er vom Entscheid überrumpelt worden sei. Sein Sohn hat aber zuvor die Schule schon verlassen. Gegen Adrian beschliessen die Lehrer die weniger strenge Massnahme des Ultimatums, es führt erst bei einem weiteren Verstoss gegen die Schulordnung zur Weg­weisung.

«Die Schulleitung drückte mit dem Consilium abeundi den beiden Mitschülern den Schierlingsbecher in die Hand», erinnert sich Klassenkamerad Matthias Federer. «Trinken mussten sie wie Sokrates selber.» In den Weihnachtsferien beschliesst eine Gruppe von acht Schülern und einer Schülerin, sich gegen den faktischen Ausschluss zu wehren, unter ihnen drei Mitschüler aus derselben Klasse. Am ersten Schultag im neuen Jahr verteilt die Gruppe Aktion Rotes Herz ein Flugblatt an die Kantonsschüler, in dem sie sich über die «puritanische Vorgehensweise» und «die autoritäre Anmassung der Schulleitung» empört: «Wir haben nämlich die Überzeugung, dass es eine persönliche Intimsphäre jedes einzelnen Schülers gibt, in welche sich die Schulleitung nicht einzumischen hat.» Sie fordert eine offene Diskussion mit der Schulleitung und ermuntert die Schüler, als sichtbares Zeichen der Unterstützung einen Protestknopf zu tragen und auf jedes Klausurenblatt und die Wandtafel ein Herz zu malen. Umrankt wird das Flugblatt von Efeu mit herzförmigen Blättern.

Noch am selben Tag werden die neun Unterzeichner aus ihren Klassen geholt und müssen einen Fragebogen beantworten. Er ist eilig auf Schnapsmatrize erstellt worden und soll mittels sieben Fragen ermitteln, wer Rädelsführer dieser Aktion war, etwa: «Durch wen wurden Sie über den Straffall orientiert?» «Haben Sie bei der Abfassung der Aktion Rotes Herz mitgearbeitet?»

Als das Medienecho schon gross ist, wird ein Lehrerkonvent einberufen. Die Konferenz tagt insgesamt 7½ Stunden und bestätigt mit klarer Mehrheit die Schulausschlüsse. Nicht mehr das Liebesverhältnis ist jetzt Ausschlussgrund, sondern die «besondere Art der Beziehung und die gravierenden Nebenumstände» («Lügenhaftigkeit», «Verwahrlosung», «Frechheit»). Gegen Julia wird zusätzlich angeführt, dass sie Martin einmal sogar aufgefordert habe, in ihr Zimmer zu kommen. Sie habe ihm Geld gegeben und diese Auslage gegenüber der Mutter mit höheren Anschaffungskosten für Bücher begründet. «Die Schule hat den Erziehungsauftrag, Schüler vor der Gefahr einer Verführung möglichst zu schützen», bringt der Abteilungsvorstand Biologie die Stimmung auf den Punkt. Gerade mal zehn Lehrer sind gegenteiliger Meinung, einer plädiert für ein gelassen-sachliches Vorgehen, bleibt aber allein. Den Ton geben Hardliner an, unter ihnen ein Deutschlehrer, der davor warnt, auf die Herausforderung «den Vornehmen zu spielen»; er plädiert dafür, «mit präzisen Schlägen zu parieren».

Nestrovit zum Frühstück

Der Lehrerkonvent billigt auch die zweithärteste Strafe des Ultimatums, gegen acht Mitschüler. Gegen Matthias Federer, den man als Rädelsführer der Aktion Rotes Herz sieht, soll das Consilium abeundi ausgesprochen werden. Die Eltern der betroffenen Schüler werden zur Information in die Schule bestellt. Federer sagt, seine Eltern seien erst erschrocken, hätten ihn aber dann im Kampf um die Familienehre unterstützt: «Meine Mutter gab mir in jener Zeit zu jedem Frühstück zusätzlich ein Nestrovit, um mich zu stärken.» Gegen die Sanktionen erheben die Eltern Rekurs bei der Erziehungs­direktion. Diese setzt einen dreiköpfigen Untersuchungsausschuss ein.

«Rädelsführer» Federer wird in jener Zeit mehrfach vor den Rektor zitiert. «Der Rektor empfand es als Anmassung, dass ich als 18-jähriger Schüler mit ihm auf Augenhöhe sprechen wollte», sagt Federer, «es muss für ihn deshalb eine Kränkung gewesen sein, als sich der Erziehungsrat nicht bedingungslos hinter ihn stellte, sondern ihn für die Untersuchung vorlud wie uns.» Schliesslich hebt der Erziehungsrat die scharfen Strafen gegen alle neun Unterzeichner auf und wandelt sie in Verweise um – die schwächste aller vorgesehenen Strafen, die noch vor der Strafaufgabe steht. Die Aufsichtsbehörde hält auch das Consilium abeundi gegen Julia für nicht gerechtfertigt.

Federer erinnert sich, dass der Rektor beim letzten Gespräch unter vier Augen dem Zusammenbruch nahe war: «Er brach in Tränen aus. Ich musste ihm versprechen, darüber niemandem zu erzählen, und habe dieses Versprechen bis über seinen Tod hinaus gehalten, genau genommen bis zum letzten Dezember, als ich für das ‹Neujahrsblatt des Historischen Vereins› zur Aktion befragt wurde.» In der Zwischenzeit hat er die Quellen im Staatsarchiv studiert, wo dieser Vorfall in der Einvernahme durch den Erziehungsrat Erwähnung findet. Federer ist bis heute beeindruckt, wie ihn die drei Herren der Untersuchungskommission ernst genommen hätten, und hält dies für «typisch schweizerisch», weil so Konflikte weniger hart enden als anderswo. Der Rektor seinerseits zeigt in der Jubiläumsschrift der St. Galler Kantonsschule am Burggraben 1981 ebenfalls Verständnis für den Entscheid des Erziehungsrates, der ein Urteil «aus ruhiger und neutraler Distanz gefällt» habe.

In der späteren Jubiläumsschrift 2006 ist von der Selbstkritik allerdings nichts mehr zu spüren. Geschichtslehrer Daniel Baumann stellt den Protest gegen den Ausschluss von Julia und Martin dar als Resultat von lügnerischer Agitation und Aufbauschung durch eine sensationshungrige Presse gegen eine verantwortungsbewusste Schulleitung. Dabei wiederholt er Anschuldigungen gegen Unterzeichner der Aktion Rotes Herz, die aufgrund der Quellenlage bereits im Januar 1970 widerlegt waren. Er habe geschrieben, «was man in einer Festschrift erwartet hätte», rechtfertigt er sich gegenüber Federer, als Historiker sei er auf diesen Beitrag nicht stolz. Stolz kann Baumann auch darüber nicht sein, dass er einzelne Passagen über die damaligen Ereignisse ohne Quellenangabe und Kennzeichnung als Zitat aus einem Beitrag des «Beobachters» übernommen hat – ein «unschönes Versäumnis», wie er heute einräumt.

Hummler notiert Autonummern

Konrad Hummler, später unter Strafandrohung in den USA wegen Beihilfe zur Steuerflucht zum Verkauf seiner Privatbank gezwungen, verfasst mit fünf Mitschülern einen Bericht über die Aktion Rotes Herz an den Erziehungsrat. Sie nennen alle Beteiligten, teilweise mit Autonummern. Für Federer, der das Dokument 2016 im St . Galler Kantonsarchiv findet, eine «Denunziation». Hummler wird danach erster Präsident eines neuen Schülerrats: «Ich nahm in hummlerscher Manier diesen Konflikt zum Anlass für Mitbestimmung.» Zum Thema Sexualität fordert er zusammen mit zwei Mitschülern mehr Aufklärung durch Ärzte und Theologen in den Schulklassen und an Elternabenden. Rolf Dubs, der damals für die Sanktionen gegen die beteiligten Schüler der Aktion Rotes Herz stimmte, sieht das Verhalten der Schulleitung heute kritisch. «Der ansonsten gute Rektor hat in diesem Fall überreagiert. Es war ein Fehler, dass er sagte, es sei viel Schlimmes passiert, aber er könne nicht darüber reden.» Man hätte die beiden aufgrund solcher Verdächtigungen nicht ausschliessen dürfen. Das spricht aus seiner Sicht nicht für ein Vertrauensverhältnis an der Schule.

Julia und Martin lassen sich nach dem Schulausschluss auf Initiative der Eltern von Julia psychiatrisch begutachten. Julia hat das Gutachten kürzlich einsehen können. David Kirchgraber, Direktor der Klinik Herisau, kommt darin zum Schluss, dass sie beide keinesfalls «haltschwach» oder gar «verdorben» seien. «Man sieht in diesem Alter nach meiner Erfahrung viel mehr oberflächliche Bindungen als derartige Versuche, zu einer festen und zugleich freien Zweisamkeit zu gelangen», schreibt Kirchgraber im Gutachten. «Ich wünschte, ich könnte so offen auf Menschen zugehen», sagt Julia und wollte ihm dafür danken. Aber der ehemalige Klinikleiter von Herisau ist kurz davor verstorben.

Zwei Jahre bleiben Julia und Martin ein Paar. Julia besucht nach der Matura die Heilpraktikerschule in München und lässt sich zur Naturärztin mit Schwerpunkt Akupunktur ausbilden. Sie bevorzugt die japanische Methode mit den feineren Nadeln. Bis 1986 bleibt es schwierig, diese Therapie in der Schweiz zu praktizieren, danach wird die Gesetzgebung liberaler. Während zehn Jahren ist sie im medizinisch unterversorgten mexikanischen Grenzort Nogales als Heiltherapeutin tätig. Martin und sie bleiben zeitlebens von fremden Kulturen fasziniert. Er studiert Ethnologie in Freiburg und betreut später afghanische Flüchtlinge in der pakistanischen Grenzstadt Peshawar. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz teilt Julia ihm Ende der Neunzigerjahre die neue Adresse mit. Das Schreiben kommt zurück mit dem Kleber «Décédé». Martin war nach seiner Rückkehr in die Schweiz bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Adrian stirbt nach kurzer, schwerer Krankheit 2014. Er war in Zürich als Laufbahnberater tätig, sie hat ihn nach ihrem Schulausschluss nicht mehr wiedergesehen.

Zu Martin hat Julia den Kontakt nie verloren. Er habe sein Leben gelebt, wie es für ihn stimmte. Ein letztes Mal sah sie ihn in einer Diskussionsrunde am Fernsehen zum Thema Flüchtlinge. Es fiel ihr auf, dass er zwei verschiedene Socken trug: «Das war ihm schon früher egal.» Julia liebt es, im Morgengrauen barfuss im Tau zu laufen. Diese Liedstrophe von damals hat es ihr bis heute angetan: «Unterm Pflaster liegt der Strand. / Zieh die Schuhe aus, die schon so lang dich drücken, / lieber barfuss lauf, aber nicht auf ihren Krücken.»

* Namen von der Redaktion geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2016, 23:24 Uhr

Protest gegen den Ausschluss: In der Mitte Martin*, rechts Federer. Foto: «Schweizer Illustrierte», Nr.?3, 12.?1.?1970, S.9

Neue Quellen

Neujahrsblatt und Veranstaltung

Die neue Ausgabe des «Neujahrsblattes des Historischen Vereins St. Gallen» widmet sich in einem Schwerpunkt dem Schülerausschluss und der Aktion Rotes Herz an der Kantonsschule St. Gallen 1969/70. Historiker Johannes Huber, Lehrer an der Kantonsschule Sargans, und Journalist Ralph Hug werten in ihren Beiträgen neue Quellen zum damaligen Fall aus (www.hvsg.ch).
Julia* und die Beteiligten der Aktion Rotes Herz berichten am 12. September an einer Veranstaltung in
St. Gallen über die damaligen Ereignisse und was aus ihrem Leben geworden ist («Hauptpost», Leonhardstr. 40, 19.30 Uhr).

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