Schluss mit lustig!

Schweizer Politiker blamieren sich beim Versuch, lustig zu sein. Warum nur? Sechs Vorteile der guten, alten Debatte.

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Fabian Renz@renzfabian01

Sie wollen eine Volksabstimmung gewinnen, zum Beispiel zur Altersvorsorge 2020? Sie sind bereit, Ihre kostbare Freizeit für die Kampagne zu opfern – und Sie tüfteln nun an originellen Auftritten herum? Hier können Sie nachlesen, wie Sie es besser nicht machen.

Sowieso, übertreiben Sie es nicht mit der Originalität. Und glauben Sie vor allem nicht an das Ideal des störungsfreien Resonanzraums. Sorgen Sie im Gegenteil dafür, dass Sie gestört werden: Laden Sie Ihre Gegner ein. Wie überlegen die gute, alte Debatte dem propagandistischen Unisono ist, mögen diese sechs Vorteile verdeutlichen.

Die Medien kommen.

Sie kennen vielleicht das betrübliche Spektakel einer klassischen Abstimmungsmedienkonferenz: Acht oder neun Damen und Herren sitzen im Konferenzsaal vor einer Handvoll müder Agenturjournalisten. Anderthalb Stunden lang sagen dann alle das Gleiche, am Ende entstehen eine deutsche und eine französische Agenturmeldung, zwei oder drei Medien basteln daraus eine Kurznachricht.

Machen Sie die Gegenprobe und lancieren Sie eine Podiumskontroverse. In die Hauptausgabe der «Tagesschau» oder auf die Frontseite des «Tages-Anzeigers» schaffen Sie es auch damit nicht. Aber das Interesse wird grösser sein – und Sie können es steigern, je interessanter Sie Ihre Gästeauswahl gestalten.

Es kommen Zuhörer.

Sie sind mit einer Debatte sogar etwas weniger auf uns Medien angewiesen, da Sie «normales» Publikum anziehen werden. Sie können es natürlich auch ohne Kontrahenten versuchen, etwa verkleidet monologisierend auf einem öffentlichen Platz. Aber wie die Gegner der Altersreform am Montagabend bestätigt bekamen: Auch Monologe in Verkleidung sind Monologe.

Die Zuhörer hören zu.

Das menschliche Hirn hat im Wesentlichen zwei konkurrierende Bedürfnisse: Stimulation und Erholung. Muss es während längerer Zeit blosse Werbespots verarbeiten, gewinnt das Bedürfnis Nummer zwei rasch die Oberhand.

Leiern Sie und Ihre Mitstreiter also lediglich Ihre Statements herunter, werden Ihre (wenigen) Zuhörer schnell wegdämmern. Der Wettstreit der Argumente dagegen stimuliert, hält wach – übrigens auch Sie selber.

Sie überzeugen.

Mit den Solodarbietungen eines einzelnen Lagers lassen sich bestenfalls ein paar eh schon Überzeugte für die Abstimmung mobilisieren. Aber der kritische, aufgeklärte Bürger ist durch seine Intelligenz eigentlich zu Misstrauen gegenüber solchen Darbietungen verpflichtet. Bedienen Sie seine Intelligenz, indem Sie Ihre Argumente auf die des Gegners prallen lassen. Sie bekommen so die Chance, Ihrem Kontrahenten Anhänger abzuwerben.

Sie lernen Leute kennen.

Zugegeben, auch bei einer Standaktion kommt man mit anderen in Kontakt. Aber dort sind Sie es, die aufsässig sein und nerven müssen. Wenn Sie eine Debatte veranstalten und das Publikum miteinbeziehen, kommen die Leute auf Sie zu. Und erinnern sich vielleicht bei den nächsten Wahlen sogar noch an Sie.

Sie trainieren.

Ganz ehrlich: Sie sind sich für Auftritte in der geschützten Werkstatt doch zu schade. Nie würden wir Ihnen unterstellen, Sie wären konfliktscheu oder gar ein «Hö­seler». Doch mit umso mehr Begeisterung sollten Sie den Challenge mit dem Gegner suchen. Was stärkt das Selbstbewusstsein mehr, als nach einem schlagfertigen Konter die Lacher des Publikums auf seiner Seite zu haben? Und je mehr Sie trainieren, desto mehr Treffer werden Sie landen.

Fazit: Ein gelungener Debattenauftritt generiert das bestmögliche Verhältnis von zeitlich-materiellem Aufwand und elektoralem Ertrag. Für weitere Tipps zu einer erfolgreichen Kampagne wenden Sie sich vertrauensvoll an unsere Inserateabteilung.

DerBund.ch/Newsnet

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