Zum Hauptinhalt springen

Romandie plant Initiative nach Thurgauer Sprach-Entscheid

Die Westschweiz ist empört über den Beschluss des Thurgauer Parlaments, Frühfranzösisch in der Primarschule abzuschaffen – und reagiert.

Im Zentrum der Debatte: Eine Schülerin der Mittelstufe beim Französischlernen. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)
Im Zentrum der Debatte: Eine Schülerin der Mittelstufe beim Französischlernen. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Es kommt nicht häufig vor, dass der beschauliche Thurgau im Fokus der nationalen Öffentlichkeit steht. Doch im Sprachenstreit ist der Ostschweizer Kanton zum eigentlichen Zentrum der Debatte geworden. Seit das kantonale Parlament vor drei Jahren einer Motion zugestimmt hatte, die den Französischunterricht in der Primarschule streichen wollte, ist ein schweizweiter Konflikt entbrannt: Ab welcher Klasse sollen die Deutschschweizer Schüler Französisch lernen? Und sollen dafür nur didaktische oder auch staatspolitische Überlegungen massgebend sein? Sogar der Bundesrat sah sich letzten Sommer veranlasst, einzugreifen – und einen gesetzlichen Frühfranzösisch-Zwang in Aussicht zu stellen, falls sich die Kantone nicht zum Sprachenkompromiss von 2004 bekennen würden. Dieser sieht vor, dass die erste Fremdsprache ab dem 3. und die zweite ab dem 5. Schuljahr beginnen muss.

Vor diesem Hintergrund waren gestern erneut alle Blicke auf den Thurgau gerichtet. Dort befasste sich der Grosse Rat zum zweiten Mal mit der entscheidenden Frage. Doch die Drohkulisse aus Bundesbern zeigte in Frauenfeld keine Wirkung: In einer emotionalen Debatte setzten sich die Gegner des Frühfranzösisch mit 68 zu 53 Stimmen durch. Das Fach soll nach 24 Jahren per Gesetzesänderung auf die Oberstufe verschoben werden.

Das Volk hat das letzte Wort

In einer schwierigen Situation war SVP-Erziehungsdirektorin Monika Knill. Sie befürwortet das Frühfranzösisch, Vertreter ihrer Partei hingegen lösten mit der Motion vor drei Jahren die Debatte erst aus. Vergeblich wies Knill darauf hin, dass die kritisierten didaktischen Probleme damit lediglich auf die Oberstufe verschoben würden. Um den Französischunterricht auf der Primarstufe zu verbessern, hatte der Regierungsrat mehrere Massnahmen vorgeschlagen. So sollten etwa lernschwache Schüler einfacher dispensiert werden können.

Theoretisch könnte der von SVP, CVP und Grünen getragene Entscheid in der zweiten Lesung Mitte Mai noch umgestossen werden. Angesichts der Vorgeschichte des Geschäfts ist das aber unwahrscheinlich. Die Befürworter haben bereits mit dem Behördenreferendum gedroht. Dafür sind im Parlament nur 30 von 130 Stimmen nötig. Deshalb dürfte das Volk das letzte Wort haben.

Aufwind für die Gegner in Zürich

Ob der Bund nun tatsächlich einschreiten wird, bleibt unklar. Innenminister Alain Berset hatte zwar im letzten Dezember «Rückschritte in einzelnen Kantonen» als Grund für eine Bundesintervention bezeichnet, wollte sich gestern aber noch nicht dazu äussern. Klar ist jedoch, dass die neuste Entwicklung im Sprachenstreit auch den Gegnern im Kanton Zürich Aufwind geben wird. Dort wird bereits in drei Wochen über die Fremdspracheninitiative abgestimmt, die entweder Französisch oder Englisch auf die Oberstufe verschieben will.

Entsprechend alarmiert reagierte gestern die Romandie. «Das ist ein sehr schlechtes Zeichen für den nationalen Zusammenhalt», sagt der Neuenburger SP-Ständerat Didier Berberat. Er habe gehofft, dass der Thurgau von sich aus anders entscheiden werde – so wie kein Westschweizer Kanton dem Englischen Vorrang vor dem Deutschen gebe. Nun sei der Bundesrat gefordert: «Er darf nicht tatenlos zusehen.» Das sieht der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard genauso. «Wenn das Thurgauer Parlament in zweiter Lesung nicht zur Vernunft kommt, muss der Bundesrat aktiv werden.»

Sollte sich die Landesregierung gegen eine Intervention entscheiden, gibt es gemäss Westschweizer Parlamentariern in der Romandie bereits Pläne für eine Volksinitiative. Darüber werde parteiübergreifend seit geraumer Zeit diskutiert, sagt Reynard. «Das wäre die einzig richtige Antwort, wenn der Sprachenstreit weiter eskalieren würde», sagt auch SP-Nationalrat Carlo Sommaruga.

Das Sprachniveau sei entscheidend

Das hält SVP-Nationalrätin Verena Herzog für unnötig. Entscheidend sei das sprachliche Niveau, das die Jugendlichen am Ende der obligatorischen Schulzeit beherrschten. «Ob mit Französisch ein oder zwei Jahre früher oder später begonnen wird, kann doch nicht entscheidend sein für den nationalen Zusammenhalt», sagt die ehemalige Thurgauer Grossrätin, die damals die entscheidende Motion miteingereicht hatte.

Silvia Steiner, Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz, bedauert den gestrigen Entscheid. Sie ist aber zuversichtlich, dass das Thurgauer Stimmvolk wie bereits 2006 für zwei Fremdsprachen in der Primarschule votieren würde. Sollte dies nicht der Fall sein, erwartet auch sie eine Intervention des Bundes. Die Zürcher Regierungsrätin (CVP) geht nicht davon aus, dass das Thurgauer Votum Auswirkungen auf die Abstimmung im Kanton Zürich haben wird. «Der Regierungsrat hat klar zum Ausdruck gebracht, dass er in jedem Fall am Frühfranzösisch festhalten will.» Werde die Initiative angenommen, werde das Englisch auf die Sekundarstufe verlegt. «Das aber hätte einschneidende Folgen; wir müssten festlegen, was in der Sekundarstufe zugunsten des Englisch gestrichen werden soll.» Steiner glaubt, dass die Zürcher Bevölkerung diese Problematik erkennt und die Initiative ablehnen wird.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch