Rien ne va plus? Anything goes!

Die Schweiz will weder Onlinespiele noch Spielcasinos wirksam regulieren. Beides hat System.

Am Glücksspiel verdient auch der Staat. Vernachlässigt er deshalb Massnahmen gegen die Spielsucht? Foto: Julian Nedev (Alamy)

Am Glücksspiel verdient auch der Staat. Vernachlässigt er deshalb Massnahmen gegen die Spielsucht? Foto: Julian Nedev (Alamy)

Jean-Martin Büttner@Jemab

Die Schweizer Spielbankenkommission kündigt an, sich gegen illegal operierende ausländische Anbieter zu wehren. So schreibt es das neue Geldspielgesetz vor. Konsequenterweise, könnte man meinen, hat die Kommission vor einer Woche den Zugang zu 100 ausländischen Onlinecasinos gesperrt. Damit haben die Behörden zunächst einmal gezeigt, wie wenig sie vom Funktionieren des Internets verstehen. Denn die Sperren sind dermassen leicht zu umgehen, dass man noch am selben Tag die dazu nötigen simplen Anleitungen ins Netz geliefert bekam.

Wie unglaubwürdig die Befürworter des neuen Gesetzes bleiben, zeigte schon der Abstimmungskampf: Sie wurden von den Schweizer Spielcasinos unterstützt. Die Branche will ihre Geschäfte vor der ausländischen Konkurrenz schützen. Dazu passt, dass das Gesetz Onlinespiele Schweizer Anbieter zulässt.

Aber die lückenhafte Kontrolle hat auch System. Die Schweiz hat sich noch nie auf glaubhafte Weise gegen die Verheerungen eingesetzt, welche die Casinos und ihre Internetanbieter bei den Usern auslösen. Bis zu zwei Prozent der Schweizer Bevölkerung gelten als spielsüchtig. Ein Drittel von ihnen verliert ihr Geld online. Die Rückfallgefahr ist dort besonders hoch, weil man auch auf dem Handy spielen kann.

Immer wieder hört man von Spielsüchtigen, die erst ihr eigenes Geld, dann das ihrer Angehörigen und zuletzt ihrer Firma verspielt haben. Und von den Casinos trotzdem nicht oder spät gesperrt werden. Warum auch? Die grössten Verlierer garantieren die grössten Gewinne.

Dass davon auch der Bund profitiert, weil er Millionen von Franken in Kultur, Sport und AHV investieren kann, ist das Streichelargument, mit dem die mangelnden Einschränkungen der Spielbranche gerechtfertigt werden, im Einklang mit dem Argument der Freiheit für die Wirtschaft und den damit verbundenen Steuereinnahmen. Damit können sich die Kantone um eine transparente Finanzierung öffentlicher Aufgaben drücken.

Politische Helfer der Casinolobby reden jeweils von «Eigenverantwortung» und sehen «die Freiheit der Bürger» in Gefahr

Aber die Haltung der Schweiz geht über solche Gewinne hinaus. Sonst würde der Bund mehr gegen die internationale Konkurrenz unternehmen, wie das zum Beispiel Schweden tut. Um zu verstehen, warum unser Land sich so wenig für Spielsüchtige und ihre Angehörigen einsetzt, die ja mindestens so sehr leiden wie der Süchtige selber, muss man die Mentalität verstehen, aus der heraus argumentiert wird. Politische Helfer der Casinolobby reden jeweils von «Eigenverantwortung» und sehen «die Freiheit der Bürger» in Gefahr, als gehe es darum, das Geldspielen ganz zu verbieten. Also ist hier vor allem Ideologie im Spiel.

Wie unglaubwürdig auch das neue Geldspielgesetz operiert, zeigt der Einsatz der Prävention. Für diese bleiben fast ausschliesslich die Anbieter der Geldspiele verantwortlich. Dabei müssen sie nicht mehr mit den Suchtfachstellen kooperieren. Das ist, als würde man Geschwindigkeits­limiten einem Raser überlassen.

Zum ersten Mal hat das Handbuch der psychiatrischen Diagnosen (DSM-V) das krankhafte Glücksspiel in die Kategorie der Süchte eingereiht, da es ähnliche Vorgänge im Gehirn auslöst. In der Schweiz sind etwa 1500 Menschen vom Heroin abhängig. Bei den Geldspielen sind es 120000.

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