Rentner unterschätzen die Steuerlast

Leben mit 3500 Franken pro Monat: Warum Rentnern mit mittlerem Einkommen in vielen Kantonen nicht viel mehr bleibt als EL-Bezügern.

Die sinkenden Renteneinkommen der zweiten Säule sind letztlich auch eine Folge der höheren Lebenserwartung. Bild: Reto Oeschger

Die sinkenden Renteneinkommen der zweiten Säule sind letztlich auch eine Folge der höheren Lebenserwartung. Bild: Reto Oeschger

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Zwischen 2013 und 2017 ist die Durchschnittsrente aus AHV und Pensionskasse laut Swisscanto-Studie von 5357 auf 4741 Franken gesunken. Das liegt an den tieferen Umwandlungssätzen, mit denen die Renten der zweiten Säule berechnet werden. Die Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen, da viele Pensionskassen den Umwandlungssatz weitersenken.

Verschärft wird das Problem der sinkenden Renten in vielen Kantonen durch die hohe Steuerbelastung für Rentner. Dies zeigt sich am Beispiel einer alleinstehenden Person, die als Erwerbseinkommen den Schweizer Medianlohn von 6500 Franken brutto verdient hat. Daraus ergibt sich aktuell ein Renteneinkommen aus erster und zweiter Säule von etwa 4200 Franken.

Damit wird zwar das Rentenleistungsziel von 60 Prozent des letzten Einkommens knapp erreicht. Doch in der Hälfte der Kantone zahlen alleinstehende Rentner mit 4200 Monats- beziehungsweise 50'000 Franken Jahreseinkommen monatlich 500 bis 700 Franken Steuern, wie die Daten der Eidgenössischen Steuerverwaltung zeigen. Am höchsten ist die Belastung in Neuenburg mit 675 Franken. Aber auch in Lausanne, Solothurn, Bern oder St. Gallen müssen rund 600 Franken abgeliefert werden (Bund, Kanton, Gemeinde, Kirche). In Zürich sind es etwas weniger als 400 Franken. Durch Steuern reduziert sich das verfügbare Renteneinkommen so auf 3500 bis 3800 Franken.

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Steuerabzüge fallen weg

Grosse Sprünge sind damit in der Schweiz nicht möglich. Zum Vergleich: Eine Einzelperson, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen ist, erhält je nach Höhe des Mietzinses und der Krankenkassenprämie bis zu 3200 Franken im Monat. Zusätzlich decken die Ergänzungsleistungen (EL) ungedeckte Kosten etwa für den Zahnarzt. Zwar muss auch ein EL-Bezüger Steuern zahlen. Je höher allerdings die EL und je kleiner die Rente, desto niedriger die Steuerbelastung, weil EL steuerfrei sind. Wer nur die AHV-Minimalrente erhält, zahlt praktisch keine Steuern.

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Die grosse Steuerlast für Rentner ohne EL hat zwei Gründe: In Hochsteuerkantonen wie Bern, Neuenburg oder Solothurn sind die Steuertarife für kleine und mittlere Einkommen hoch. Dazu kommt, dass für Rentner in allen Kantonen die Steuerabzüge für die Berufsauslagen und die Säule 3a wegfallen, bei Verheirateten auch der Doppelverdiener­abzug.

Viele sind vermögend

Sven Pfammatter vom VZ Vermögenszentrum berät oft Leute vor der Pensionierung. «Viele haben den Irrglauben, dass sie als Rentner deutlich weniger Steuern zahlen müssen.» Wenn er ihnen vorrechne, wie hoch die Steuern ausfielen, reagierten sie sehr erstaunt. Unter Umständen bleibe die Steuerrechnung nach der Pensionierung fast gleich hoch, bei einem deutlich geringeren Einkommen.

Besser fahren in der Regel jene, die im Eigenheim wohnen, weil sie die entsprechenden Steuerabzüge weiter geltend machen können.

Eine spezifische Steuerentlastung der Rentner ist politisch kaum mehrheitsfähig. Der einzige Ausweg wäre ein milderer Steuertarif für mittlere und tiefe Einkommen, was aber zu Steuerausfällen führen würde. Die Steuerbelastung tiefer und mittlerer Einkommen sei in manchen Kantonen ein Problem, sagt SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen (BE). Sozialere Steuertarife in allen Kantonen würden finanzierbar, wenn Dividenden und private Kapitalgewinne gleich wie in den Nachbarländern besteuert und Steuerbetrug konsequent bekämpft würde.

Eine Folge der höheren Lebenserwartung

Christoph Schaltegger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Luzern, relativiert die höhere Steuerbelastung der Rentner wegen des Wegfalls der Ab­züge. Die Rentner verfügten über die höchsten Vermögen, wenn auch diese ungleich verteilt seien. Zudem hätten Pensionierte als Erwerbstätige davon profitiert, dass die Beiträge an die erste, die zweite und die dritte Säule steuerfrei gewesen seien. Hätten sie diese Beiträge als Einkommen versteuern müssen, wären sie einer höheren Progression unterlegen als die Renten.

Das sinkende Renteneinkommen der zweiten Säule sei letztlich eine Folge der höheren Lebenserwartung, sagt Schaltegger. Diese steige weiter um mehr als zwei Monate pro Jahr. Wenn ein höheres Rentenalter nicht mehrheitsfähig sei, müsse mit Steueranreizen die Erwerbstätigkeit über 65 hinaus gefördert werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2018, 06:15 Uhr

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