Radikalität im Hinterzimmer

Wie schlimm ist die Indoktrinierung wirklich?

Indoktrinierung muss nicht übers Freitagsgebet geschehen. Ein Gläubiger beim Gebet in einer Winterthurer Moschee.

Indoktrinierung muss nicht übers Freitagsgebet geschehen. Ein Gläubiger beim Gebet in einer Winterthurer Moschee. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für die meisten bleibt das Innenleben hiesiger Moscheen unzugänglich. Zu fremd sind Örtlichkeiten, Riten und Predigten. Zumal diese fast immer in der Landessprache der jeweiligen Ethnie gehalten wird. Extremistische Töne dringen darum nicht bis an die Öffentlichkeit. Nun hat der Terrorismusexperte Shams Ul-Haq für die «SonntagsZeitung» während vier Monaten in Schweizer Moscheen undercover recherchiert.

Ein repräsentatives Bild kann die Reportage nicht vermitteln, schon weil die Besuche auf vier Moscheen beschränkt waren. Womit der Autor überzeugt, ist die Methode seines Vorgehens. Ul-Haq hat sich zunächst als Geschäftsmann aus Pakistan ausgegeben, der in den Moscheen beten wolle. Dabei hat er so einiges erfahren, was den Behörden vorenthalten bleibt. Diese müssen sich in der Regel mit der Beteuerung eines Moscheevorstandes begnügen, er vertrete einen Islam der Mitte. Nur ist das eine stereotype Redensart, die auch von jenen Imamen und Funktionären verwendet wird, die einem reaktionären Islam verpflichtet sind.

Radikalisierung findet im Internet statt

Ul-Haq hat sich vor allem in der Winterthurer An’Nur-Moschee umgehört, die seit langem irritiert. Ihm zufolge sind es mehr als nur fünf bis sieben Männer und Frauen aus dem Umfeld der Moschee, die sich dem IS angeschlossen haben. Er hat dort dem Prediger Shaikh Wail zugehört, der im Freitagsgebet unwidersprochen sagen konnte, islamische Gesetze stünden über jedem Land. Bezeichnend, dass die Moschee Shaikh Wail entliess, sobald sie von Ul-Haqs Recherchen erfuhr.

In der Regel aber hüten sich hiesige Imame, in der Freitagspredigt extremistisches Gedankengut zu äussern oder den Koran einseitig als Befürworter von Gewalt auszulegen. Islam­experten meinen ohnehin, Jugendliche würden viel häufiger übers Internet und IS-Propagandavideos radikalisiert als von Imamen in Moscheen. Das eine schliesst das andere nicht aus, wie Ul-Haq zeigt: Indoktrinierung muss nicht übers Freitagsgebet geschehen, sie findet auch in Hinterzimmern oder Cafeterias statt. In Gesprächen also, zu denen kein Aussenstehender Zutritt hat.

Die Schweiz ist für Salafisten attraktiv

Es muss auch nicht immer direkt um den Jihad gehen. Suspekt sind ebenso Moscheen wie viele albanische, die einen politischen Islam propa­gieren. Mit ihrer grossen Diaspora von 200'000 albanischen Muslimen ist die Schweiz für Salafisten attraktiv. Gemäss TA-Recherchen haben in den letzten acht Jahren rund 30 einschlägig bekannte salafistische Prediger aus Mazedonien und Kosovo in Moscheen der Schweizer Union Albanischer Imame gepredigt. Deren Vorstand verspricht, künftig die Referenten besser zu kontrollieren.

Als nach dem vereitelten Staatsstreich in der Türkei der Diyanet-Imam von Ostermundigen die Putschisten am Galgen sehen wollte, hiess es von offizieller Seite, das sei eine Ausnahme. Die Öffentlichkeit weiss aber nicht, ob ein von der Religionsbehörde Diyanet besoldeter Imam in den Hinterzimmern der 36 Schweizer Moscheen Propaganda für einen türkisch-nationalistischen Islam betreibt.

Religiöse Stiftungen müssen transparent sein

Das schweizerische Unbehagen jeder religiösen Überwachung gegenüber liess unbemerkt Moschen entstehen, die vom Ausland abhängig sind. Erst in letzter Zeit sind die Behörden hellhörig geworden. So hat im Juli der Sicherheitsverbund Schweiz eine Übersicht über bestehende Präventionsmassnahmen gegen jihadistische Radikalisierung vorgelegt. Er fordert etwa, dass die Kantone alle Imame kennen müssen und dass ferner eine Überwachung der Finanzflüsse von religiösen Stiftungen durch den Bund zu prüfen sei. In diese Richtung zielt die Interpellation von Nationalrätin Doris Fiala «Finanzierung von religiösen Gemein­schaften. Mangelnde Transparenz und fehlende Aufsicht». Sie verlangt vom Bundesrat eine Risikoanalyse religiöser Stiftungen, vor allem mit Blick auf Finanzkriminalität oder Terror­finanzierung. Und sie hat recht.

Zu begrüssen sind auch Massnahmen einzelner Kantone, etwa die Fachstelle Brückenbauer der Zürcher Kantonspolizei, die als interkulturelles Netzwerk Kontakt zu den Moscheen pflegt. Ob das genügt, um Transparenz herzustellen? Wenigstens fühlen sie sich rechenschaftspflichtig. Im besten Fall.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2016, 22:05 Uhr

Artikel zum Thema

Mein Jihad

#12 Der Terrorismusexperte Shams Ul-Haq recherchierte während vier Monaten in Schweizer Moscheen. Er zeigt auf, wie die Radikalisierung von Gläubigen funktioniert. Mehr...

«Die An’Nur-Moschee müsste längst geschlossen sein»

Der Journalist Shams Ul-Haq war undercover in Schweizer Moscheen. Und weist auf grosse Missstände hin. Warum er sich dem Risiko ausgesetzt hat. Das Interview. Mehr...

«Jede Moschee ist autonom»

Der Imam Nehat Ismaili will extremistische Prediger nicht mehr in die hiesigen albanischen Moscheen einladen. Trotzdem pflegt er enge Beziehungen zu Saudiarabien. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Kulturbeutel 51/18
Zum Runden Leder Jahr der Superlative

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Umstrittene Staatsoberhäupter: Bewohner von Pyongyang verneigen sich zu Ehren des siebten Todestags des nordkoreanischen Dikdators Kim Il Sung vor seiner Statue und deren seines Nachfolgers Kim Jong Il. (17. Dezember 2018)
(Bild: KIM Won Jin) Mehr...