Quereinsteiger braucht das Land

Kandidaturen von Nichtpolitikern erzürnen die braven Demokraten an der Basis, aber nützen der Demokratie.

Prominente Namen: Leutenegger, Guldimann und Köppel bringen mehr Stimmen als noch so spektakuläre Parteiwerbung. Foto: Peter Klauzner (Keystone)

Prominente Namen: Leutenegger, Guldimann und Köppel bringen mehr Stimmen als noch so spektakuläre Parteiwerbung. Foto: Peter Klauzner (Keystone)

Daniel Schneebeli@tagesanzeiger

«Weltwoche»-Chef Roger Köppel will für die SVP Zürich in den Nationalrat und dort die neue starke SVP-Stimme werden. Kein Zweifel, da haben der nationale Parteipräsident Toni Brunner und Chef-SVPler Christoph Blocher einen dicken Fisch an Land gezogen, und kein Zweifel, Köppel wird die Wahl schaffen. Die Frage ist nur, was das für das Seelenheil in der Volkspartei bedeutet. Da wird den vielen Parteisoldaten, die in der SVP hart für ihre Karriere arbeiten, ein Intellektueller vor die Nase gesetzt, der noch keinen Finger gerührt hat in der Partei.

Demokratie sieht anders aus

Da ist die 38-jährige Kantonsrätin Barbara Steinemann. Seit dem Teen­ageralter politisiert sie für die SVP, in der Jungpartei, in der Gemeinde, im Kanton, und organisierte viele Jahre die Albisgüetli-Tagung. Oder der Richterswiler Jürg Trachsel, der bald 20 Jahre im Kantonsrat ist und dort die riesige SVP-Delegation leitet. Er ist heute 53 und wartet. Und was ist mit den Rund-um-die-Uhr-SVPlern Claudio Zanetti und Mauro Tuena? Ihre politische Karriere droht auf der Ochsentour stecken zu bleiben.

Kein Zweifel, an Roger Köppels Kandidatur haben sie alle zu beissen. Womöglich fragen sie sich auch, wie es möglich ist, dass einer an allen vorbei auf den Thron gehoben wird. Und das in ihrer SVP, wo nichts wichtiger ist als direkte Demokratie und Demut vor dem Volk. Wäre das Gleiche bei den Sozialdemokraten passiert, würde gewiss ein DDR-Vergleich vertwittert.

Doch nun sind sie alle ruhig und beugen sich dem Diktat aus dem Parteibüro. Und im Geheimen wissen sie: Einen wie Köppel konnte man nicht abweisen. Zu viel Gewicht, zu viel Macht bringt dieser Name.

Der «Weltwoche»-Chef ist nicht der einzige prominente Quereinsteiger in die Politik. Ex-TV-Chefredaktor Filippo Leutenegger hat einst die FDP aufgewühlt, beim Landesring stieg einst WWF-Chef Roland Wiederkehr direkt im Nationalrat in die Politik ein, und neu will es bei der SP angeblich Ex-Botschafter Tim Guldimann versuchen. Wie gut Quereinsteiger politisieren, ist Ansichtssache, doch eines haben sie oft gemein: Sie bringen frischen Wind und sehen die Dinge mit unverstelltem Blick. Für die Politik gilt dasselbe wie für die Schule: Quereinsteiger sind eine Bereicherung. Manchmal sind sie sogar richtige Paradiesvögel wie damals EVP-Nationalrat und Pfarrer Ernst Sieber.

Chrampfer als Fundament

Quereinsteiger können für die Politik prägend sein, doch getragen wird sie von anderen. Von jenen, die sich in den Dossiers vergraben, hinter den Kulissen um Kompromisse ringen und damit für die Stabilität des Landes sorgen: die treuen Genossen der SP, die kapitalistischen Freisinnigen, die naturverbundenen Grünen und die «Chrampfer» der SVP.

Die SVP hat sich also für Quereinsteiger Köppel entschieden. Er wird in der Partei Schatten werfen und für Unruhe sorgen, doch er kann auch zu einem neuen Zugpferd werden. Das Problem ist in der SVP nicht Köppel, sondern die Rentner, die nicht aufhören können. Wenn sie im Herbst nicht Platz machen, könnte dies die Motivation der nächsten Generation ersticken. Selbst eine konservative Partei braucht Erneuerung, das sollten Toni Bortoluzzi (68), Max Binder (67), Hans Fehr (68) und auch die SVP-Listengestaltungskommission bedenken.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt