Zum Hauptinhalt springen

Psychiater schreiben Patienten länger krank als nötig

Psychisch Kranke laufen häufig Gefahr, ihren Job zu verlieren. Das liegt auch an den Ärzten.

An Praxen fehlt es nicht: In der Schweiz kommt auf 2000 Einwohner ein Psychiater. Foto: Saul Robbins (Plainpicture)
An Praxen fehlt es nicht: In der Schweiz kommt auf 2000 Einwohner ein Psychiater. Foto: Saul Robbins (Plainpicture)

Jährlich begeben sich in der Schweiz eine halbe Million Menschen in psychiatrische Behandlung, vier Fünftel sind im erwerbsfähigen Alter. Jeder zweite dieser Patienten hat Probleme am Arbeitsplatz oder keine Arbeit, wie eine neue Studie des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) zeigt. Wegen ihrer Erkrankung sind die Betroffenen nicht voll leistungsfähig oder haben Konflikte am Arbeitsplatz. Die häufigsten Leiden sind Depressionen, neurotische Störungen und Persönlichkeitsstörungen.

Kein Land hat laut der Studie so gute Voraussetzungen zur Behandlung der Patienten wie die Schweiz. Auf 2000 Einwohner kommt ein Psychiater, dreimal mehr als im Durchschnitt der OECD-Länder. Dazu kommen Tausende von therapeutisch tätigen Psychologen. «Dieses Angebot ist weltweit einmalig und für die Betroffenen erfreulich», sagt Niklas Baer, Mitautor der Studie und Leiter der Fachstelle Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland. Allerdings würden diese Ressourcen zu wenig dafür eingesetzt, die Betroffenen im Arbeitsprozess zu behalten. Ein Drittel der Patienten wird im Verlauf eines Jahres einmal oder mehrmals arbeitsunfähig geschrieben, teilweise so lange, dass eine Rückkehr an den Arbeitsplatz schwierig wird. Rund die Hälfte der jährlich neu ausgerichteten Renten der Invalidenversicherung (IV) werden wegen psychischen Leiden zugesprochen.

Im Durchschnitt werden die Patienten rund ein halbes Jahr krankgeschrieben. Bei Persönlichkeitsstörungen, dem häufigsten Grund für eine IV-Rente aus psychischen Gründen, dauert die Absenz oft noch länger, mit gravierenden Folgen: «Nach einem halben Jahr erwartet kaum mehr ein Arbeitgeber den Mitarbeitenden zurück», sagt Baer. Gleichzeitig nehme mit der Dauer der Absenz die Angst des Patienten vor einer Rückkehr an die Arbeit zu. Arbeitskonflikte spielten hier eine wesentliche Rolle – und nicht in erster Linie eine generelle Arbeitsunfähigkeit.

Ärzte wollen Patienten schützen

Für die Studie wurden erstmals in der Schweiz alle Psychiater mit eigener Praxis und Ärzte in psychiatrischen Kliniken und Ambulatorien zum Thema der Arbeitsintegration befragt. Die häufigste auf den Arbeitsplatz bezogene Intervention der Psychiater ist das Ausstellen von Arbeitsunfähigkeitszeugnissen. In 80 Prozent der Fälle sehen die Psychiater ihre Patienten am Arbeitsplatz unfair behandelt und wollen sie deshalb vor den Arbeitgebern schützen. Bei der Befragung gaben die Ärzte an, dass sie ihre Patienten häufig länger krankschrieben, als sie es aus fachlicher Sicht für nötig hielten. Und Patienten, die klagten, würden länger von der Arbeit dispensiert als die anderen. Ein solches Engagement für den Patienten könne therapeutisch hilfreich sein, «gefährdet aber in dieser Einseitigkeit den Arbeitsplatzerhalt der Patienten», warnt die Studie.

«Den Ärzten kommt oft ihre an sich gute und enge therapeutische Beziehung zum Patienten in die Quere.»

Niklas Baer, Co-Autor der Studie

«Den Ärzten kommt oft ihre an sich gute und enge therapeutische Beziehung zum Patienten in die Quere», sagt Baer. Um diesen Loyalitätskonflikt aufzulösen, müssten die Ärzte mehr unterstützt werden. So brauche es etwa Leitlinien, an denen sie sich bei der Dauer von Arbeitsabsenzen orientieren könnten. Die Studie empfiehlt zudem, nach 2 bis 3 Monaten Arbeitsplatzabsenz eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen.

Das Hauptproblem ortet die Studie beim fehlenden Kontakt der Psychiater zum Arbeitgeber der Patienten. Die Ärzte geben zwar an, die Arbeitsaufgaben ihrer Patienten gut zu kennen. Diese Kenntnis beruht jedoch meist auf den Beschreibungen der Patienten. Den Vorgesetzten oder das Arbeitsklima kennen die Psychiater aber kaum persönlich. Dies liegt unter anderem daran, dass die Patienten dies nicht wollen. Dabei könnten der frühzeitige Kontakt zum Arbeitgeber und Anpassungen am Arbeitsplatz häufig eine Eskalation verhindern. Die Psychiater realisieren in der Regel lange vor dem Arbeitgeber, dass sich ein Problem anbahnt. «Es braucht unbedingt finanzielle Anreize, damit Psychiater und Hausärzte sich stärker im Alltag der Patienten engagieren», sagt Baer. Die neuen Tarifregelungen des Bundesrats, die ärztliche Kontakte mit Drittpersonen limitieren, seien da kontraproduktiv.

Es geht nicht mit allen Chefs

Baer räumt ein, dass es Vorgesetzte gibt, die kein Verständnis für psychische Erkrankungen hätten. «Dann hat der Kontakt kaum einen Sinn.» Aber bei Patienten, die mehrfach wegen ihrer Auffälligkeiten an Arbeitsstellen gescheitert seien, gebe es kaum Alternativen zum Kontakt mit dem Vorgesetzten. «Die Psychiater können den Arbeitgebern am besten erklären, was sie den betroffenen Mitarbeitern zumuten dürfen, welche Anpassungen es braucht», so Baer. Aber der Patient muss einverstanden sein.

Auch die Psychiater haben das Problem erkannt. «Tatsächlich kennen viele Ärzte den Arbeitsplatz ihrer Patienten nicht», sagt Pierre Vallon, Mitautor der Studie und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP). Der therapeutische Umgang mit Arbeitsproblemen müsse Teil der ärztlichen Weiterbildung werden. Zur Reduktion von Absenzen verweist Vallon auf ein neues Tool, das kürzlich vorgestellt worden ist. Der Arzt beurteilt anhand eines Arbeitsplatzprofils, welches Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam formulieren, was der Patient leisten kann. Aber auch direkte Kontakte zum Arbeitgeber müssten systematischer gepflegt werden, sagt Vallon. Falls die Patienten den Kontakt nicht wünschten, müssten sie von den Ärzten darauf hingewiesen werden, dass der Arbeitsplatz auf dem Spiel stehe.

----------

Alan Cassidy und Philipp Loser blicken zurück

Das spezielle Politbüro zum Jahr 2017.

----------

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch