Ärzte sperren 14'000 psychisch Kranke weg

Die Zahl der fürsorgerischen Unterbringungen in psychiatrischen Kliniken ist um 30 Prozent gestiegen – in nur einem Jahr.

Zimmer in einer psychiatrischen Klinik: Viele der Patienten werden unter Zwang eingeliefert, obwohl dies laut Experten den Heilungsverlauf beeinträchtigen könnte. Foto: Andreas Bodmer/NZZ

Zimmer in einer psychiatrischen Klinik: Viele der Patienten werden unter Zwang eingeliefert, obwohl dies laut Experten den Heilungsverlauf beeinträchtigen könnte. Foto: Andreas Bodmer/NZZ

Ein Sonderling soll er sein, ein Waldschrat und Eigenbrötler: Franz W. betrat am Montag mit einer knatternden Motorsäge die Büros der CSS-Krankenversicherung in Schaffhausen und verletzte fünf Menschen.

Vor Jahren wäre der 51-jährige Mann, der an einer psychischen Krankheit leidet, vermutlich vorher schon weggesperrt worden. Denn vor seinem Amoklauf hatte er sich mehrmals mit den Behörden angelegt. Zuletzt lebte er auf einem Parkplatz in der Region ­Zürich. Menschen, die an seinem Lager vorbeispazierten, berichteten, wie er sie beschimpft hatte.

Doch die Mentalität hat sich gewandelt: Die sogenannten fürsorgerischen Unterbringungen in psychiatrische Kliniken sind seit Jahren rückläufig.

Dramatischer Anstieg

Recherchen zeigen jetzt allerdings einen dramatischen Anstieg: Seit 2014 erhöhte sich die Zahl der fürsorgerischen Unterbringungen in nur einem Jahr um 30 Prozent. Über 14'000 Personen wurden 2015 gegen ihren Willen eingewiesen – fast gleich viele wie 2002.

Die Zahlen gehen aus dem Psychiatrie-Datensatz der medizinischen Statistik der Krankenhäuser hervor. Das schweizerische Gesundheitsobservatorium Obsan hat die Auswertung der nicht vollständig öffentlichen Statistik für die SonntagsZeitung vorgenommen. Neuere Zahlen auf Bundesebene existieren nicht.

Experten reagieren schockiert auf die Zunahme. «Der Anstieg ist alarmierend», sagt Anita Biedermann, stellvertretende Geschäftsleiterin der Stiftung Pro Mente Sana, die sich für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung einsetzt. Bei einer fürsorgerischen Unterbringung handle es sich um einen schwerwiegenden Eingriff in die Grundrechte. «Das Ziel sollte sein, deren Zahl so klein wie möglich zu halten.»

Kommt hinzu, dass der Nutzen umstritten ist. «Studien zeigen, dass der Krankheitsverlauf nach einer fürsorgerischen Unterbringung nicht besser ist als bei freiwilligen Behandlungen», sagt Matthias Jäger, leitender Arzt an der ­psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Im Gegenteil gebe es sogar Hinweise, dass sich die Prognose verschlechtere, da die Betroffenen wegen der Zwangserfahrung keine Hilfe mehr wollten.

Höheres Sicherheitsbedürfnis

Jäger sagt, die Schweizer Gesellschaft sei «wenig tolerant gegenüber auffälligem Verhalten». Zudem herrsche «ein grosses Bedürfnis nach Ordnung». Das seien Gründe für die hohe Zahl der fürsorgerischen Unterbringungen.

Biedermann vermutet denn auch, dass der Anstieg dem höheren Sicherheitsbedürfnis geschuldet sein könnte. Andere Experten weisen auf den Drehtüreneffekt hin: Weil es in der Psychiatrie immer weniger Betten gibt, müssen Patienten die Kliniken früher verlassen. Die Behandlung ist zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht abgeschlossen, und so kommt es bald erneut zu einer Unterbringung.

Unterbringung dauert nur 20 Tage

Die Zunahme könnte aber auch eine Folge der Revision des Familienrechts sein. Seit 2013 haben die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden nebst den Ärzten die Kompetenz, eine fürsorgerische Unterbringung anzuordnen. Im Kanton Zürich sprechen die Ärzte pro Jahr rund 3000 fürsorgerische Unterbringungen aus, neu kommen jetzt noch bis zu 20 von den Schutzbehörden dazu.

Biedermann glaubt aber auch, dass bei den psychiatrischen Kliniken ein Umdenken stattgefunden hat. Die Fälle würden heute systematischer und gründlicher erfasst. Doch das bedeutet wiederum, dass die fürsorgerischen Unterbringungen «bislang stark unterschätzt wurden».

Der Fall Franz W. zeigt Grenzen auf

Gerade das Beispiel des Motorsägen-Manns Franz W. zeigt die Grenzen einer fürsorgerischen Unterbringung. Letztes Jahr war er im Kanton Luzern gegen seinen Willen in die Psychiatrie eingewiesen worden. Doch die Unterbringung ist für Notfälle gedacht – sie ist kein längerfristiges Mittel.

Eine noch unpublizierte Studie der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich zeigt, dass eine fürsorgerische Unterbringung im Schnitt nur 20 Tage dauert. Zur Einweisung kommt es in Dreiviertel der Fälle wegen einer Selbstgefährdung, in einem Viertel wegen anderer Gründe wie Fremdgefährdung oder schwerer Verwahrlosung. Häufigste Diagnose nach ­fürsorgerischen Unterbringungen ist eine Psychose (37 Prozent), gefolgt von einer Demenz oder einem Delirium (18 Prozent), einer Suchtkrankheit (15 Prozent) und einer schweren Depression oder Manie (13 Prozent). In der Hälfte der Fälle sind Frauen betroffen, bei der Altersverteilung gibt es kaum relevante Unterschiede.

Nur noch Psychiater sollen einweisen können

Laut Biedermann haben jene Kantone tiefere Quoten, welche «die Kompetenz zur Anordnung einer fürsorgerischen Unterbringung auf bestimmte spezialisierte Ärzte beschränken». Pro Mente Sana fordert nun, dass künftig nur noch Psychiater eine Person gegen ihren Willen einweisen können. Tatsächlich zeigt die Studie der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, dass eine fürsorgerische Unterbringung in 60 Prozent der Fälle nicht von einem Psychiater angeordnet wird, sondern von einem Notfall-, Spital- oder Hausarzt.

Wie einfach es ist, die Zahl der Zwangseinweisungen zu reduzieren, macht Basel-Stadt vor. Ärzte und die Polizei müssen eine Unterbringung beim medizinischen Dienst des Kantons beantragen. 2016 gab es 738 Anträge – fast die Hälfte davon wurde abgelehnt. Kantonsarzt Thomas Steffen sagt, die Quote in Basel-Stadt sei so tief, weil mehrere Fachleute entscheiden würden. So komme viel «Erfahrung und Wissen gemeinsam zur Wirkung».

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