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Psychiater bereiten sich auf Ansturm vor

Fachleute erwarten aufgrund der Corona-Krise einen starken Anstieg von psychischen Erkrankungen, Suizidversuchen und der Gewaltbereitschaft.

Soll durch die gegenwärtige Krise vermehrt vorkommen: Ein Psychotherapeut therapiert eine Klientin in seiner Praxis. Foto: Christian Beutler/Keystone
Soll durch die gegenwärtige Krise vermehrt vorkommen: Ein Psychotherapeut therapiert eine Klientin in seiner Praxis. Foto: Christian Beutler/Keystone

«Im Gespräch mit den Patientinnen und Patienten spüren wir verschiedene Formen der Angst sehr direkt», sagt Pierre Vallon, Präsident der Verbindung der psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen Ärzte der Schweiz (FMPP). Er erwartet in den nächsten Wochen einen deutlichen Anstieg von psychischen Erkrankungen. Die Angst, sich zu infizieren, werde einen starken Anstieg insbesondere von Panikattacken zur Folge haben.

Tatsächlich steigt die Zahl der Corona-Erkrankungen täglich: So wurden am Mittwoch in der Schweiz 2772 Fälle bestätigt, einen Tag später waren es bereits 3888, was einer Neuinfektionsrate von über 1000 an einem Tag entspricht. Und das sind nur die offiziell dokumentierten Fälle.

«Die Angst ist genauso ansteckend wie das Coronavirus selbst.»

Mazda Adli, Arzt an der Berliner Charité

Die Dunkelziffer dürfte bedeutend höher sein. Man wisse aus der Forschung, dass Angst eine unglaublich ansteckende Emotion sei, führt der renommierte Arzt Mazda Adli, der den Forschungsbereich Affektive Störungen an der Berliner Charité leitet, gegenüber dem «Tagesspiegel» aus: «Die Angst ist genauso ansteckend wie das Coronavirus selbst.»

Weder steuerbar noch verstehbar

Julius Kurmann, Chefarzt Stationäre Dienste der Luzerner Psychiatrie, kann sich noch drastischere Auswirkungen vorstellen: «Ich denke da sowohl an einer Erhöhung der Suizidalität wie auch an eine erhöhte Gewaltbereitschaft.» Dies für den Fall, dass die jetzigen Einschränkungen der Freiheiten immer wieder verlängert werden und es ungewiss wird, wie lange sie überhaupt dauern, und auch die wirtschaftlichen Kollateralschäden weiter zunehmen: «Damit wird die ganze Situation für den Menschen weder steuerbar noch verstehbar, was zu schwierigen Reaktionen führen könnte.»

Laut Kurmann wird eine ganze Reihe von Patientengruppen eher unter der aktuellen Situation leiden:

- Einsame, sozial isolierte Menschen mit einer erhöhten Suizidgefahr.

- Angst- und Zwangspatienten, die sich jetzt aufgrund der bestehenden Gefahr in ihrer Welt bestätigt fühlen.

- Wahnhaft-misstrauische Patienten, welche die jetzige Situation als extrem starke Bedrohung wahrnehmen.

Der Arzt sagt aber auch, dass die Gesellschaft daran sei, sich an die neuen Bedingungen zu adaptieren, und dies werde wohl auch den meisten Menschen gelingen.

Vorbereitungen auf möglichen Ansturm

Laut den beiden Fachleuten Kurmann und Vallon würden die Privatpraxen als auch die psychiatrischen Kliniken derzeit noch nicht von neuen Patienten überrannt. Aber man bereite sich auf die zu erwartende Zunahme vor. «Die meisten Psychiater beginnen damit, sich Zeitfenster zu organisieren, in welchen sie sich Patienten widmen können, die durch die herrschende Ausnahmesituation verunsichert sind», betont Vallon. In etlichen Kantonen würden neue Interventionen entwickelt wie telefonische Kontakte mit Betroffenen, Hilfestellungen in Spitälern oder die Begleitung von Trauernden, welche die gängigen Beerdigungsrituale aufgrund der Einschränkungen nicht mehr vornehmen könnten.

Auch in der Fachschaft selber sei die Verunsicherung gross, sagt Vallon. Eine Taskforce versuche, die drängendsten Fragen zu klären. Grundsätzlich werden die Psychiater angehalten, ihre Praxis offen zu halten unter der Berücksichtigung der Anweisungen des Bundesamtes für Gesundheit. Aber sie sollen den Patienten anbieten, die Konsultationen telefonisch durchzuführen, das sei für alle Beteiligten am einfachsten und sichersten.

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