Potenzial besser ausschöpfen

Trotz guter Abschlüsse sind die Frauen in Führungspositionen noch immer stark untervertreten. Das kann sich die Schweiz nicht länger leisten.

Judith Wittwer@tagesanzeiger

Mädchen sind erfolgreicher in der Schule als Jungs. Sie bringen bessere Noten nach Hause, schaffen eher den Sprung ins Gymnasium, und zunehmend laufen auch an den Schweizer Unis die Studentinnen den Studenten den Rang ab. Die Erkenntnisse sind nicht neu. Der Trend aber akzentuiert sich, wie aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen. Demnach steigt die Maturitätsquote bei Schülerinnen schweizweit seit Jahren an, während sie bei jungen Männern stagniert. In sämtlichen Kantonen haben die Mädchen die Knaben überholt.

In der Arbeitswelt dominieren aber weiterhin die Männer: Sie haben die besser bezahlten Jobs, arbeiten eher Vollzeit und machen schneller Karriere. Die Frauen dagegen landen tendenziell in schlechter entlöhnten Branchen. Bei Familiengründung treten meist die Mütter kürzer. Trotz hervorragender Abschlüsse sind die Frauen auch in Führungspositionen noch immer stark untervertreten. Damit wird das Potenzial der gut ausgebildeten Frauen nicht genutzt.

Ohne weibliche Fachkräfte lassen sich in einer alternden Gesellschaft auch die Sozialsysteme mittelfristig nicht mehr finanzieren.

Das kann sich die Schweiz nicht länger leisten. Schon heute fehlt es dem Land an hoch qualifizierten Spezialisten. Ohne weibliche Fachkräfte lassen sich in einer alternden Gesellschaft auch die Sozialsysteme mittelfristig nicht mehr finanzieren. Die Schweiz muss also nachsitzen. In der Schule dürfen nicht nur Fleiss und Fehlerlosigkeit zählen. Die heranwachsenden Frauen sollen auch darin bestärkt werden, mutige Schritte fernab gängiger Rollenmodelle zu wagen.

In den Unternehmen muss sich endlich das Bewusstsein durchsetzen, dass sie auf Frauen nicht verzichten können. Flexible Arbeitsmodelle unterstützen Mütter und Väter – und sie bieten weitere Chancen, etwa für ältere Arbeitnehmer, die allmählich kürzertreten wollen. Zu wenig erkannt ist in den Firmen bisher auch das Potenzial der Wiedereinsteigerinnen.

Nachsitzen müssen aber auch die Frauen selbst: Sie zaudern noch immer zu oft, sind Opfer ihres Perfektionismus und alter Rollenbilder. Gerade Mütter sollten endlich lernen, dass ihre Kinder auch mit mehreren Bezugspersonen prima aufwachsen können. Das macht sie auch zum Vorbild für die Maturandinnen der Zukunft.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt