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«Schäbig für die Schweiz und unsere Demokratie»

Die Polizei habe sich bei den Anti-China-Demos völlig unverhältnismässig verhalten. Ein tibetischer Demonstrant erzählt.

Tibetische Aktivisten protestierten anlässlich des Besuchs des chinesischen Präsidenten in Bern. Video: SDA

In Kehrsatz bei Bern trugen fähnchenschwingende Kinder dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping ein Ständchen vor, später am Galadinner gabs Wollschweinbraten und weisse Rüebli aus dem Aargau. Ein warmherziger Empfang, lobte Xi. Etwas weniger lieblich waren die Szenen auf dem Bundesplatz: Polizisten liefen in Kampfmontur auf, Dutzende Aktivisten landeten auf dem Polizeiposten. Für ihr hartes Vorgehen gestern muss sich die Berner Polizei viel Kritik anhören. Wangpo Tethong, ein früheres Mitglied des tibetischen Exilparlaments, ist davon Zeuge geworden. Er wurde in Gewahrsam genommen – weil er ein Stoffbanner in die Höhe gehalten hatte.

Wo waren Sie gestern, bevor der chinesische Präsident beim Bundeshaus eintraf?

Nach der bewilligten Demonstration am Sonntagmorgen blieb ich mit einem Freund auf dem Bärenplatz in der Nähe des Bundesplatzes. Polizisten kontrollierten uns und nahmen uns unsere Schweizer Pässe ab. Sie gingen damit zu einem Einsatzwagen, wir haben nicht genau gesehen, was sie damit machten. Anschliessend gaben sie uns unsere Pässe zurück und verboten uns, bis zum Bundesplatz vorzugehen.

Aus welchem Grund?

Die Begründung war, dass wir tibetische Namen hätten. Andere, die chinesische Pässe hatten, liessen sie passieren. Wie können Schweizer Polizisten zwischen einem chinesischen und einem tibetischen Vornamen unterscheiden? Falls hier eine Zusammenarbeit mit der chinesischen Botschaft stattgefunden hat, bereitet mir das Sorge. Was, wenn jemand unsere Personalien kopiert hat?

Mit dem Vorwurf konfrontiert, sie habe Chinesen und Tibeter ungleich behandelt, sagt die Berner Kantonspolizei dem «Bund», sie habe «keine systematischen Kontrollen» durchgeführt. Unabhängig vom Aussehen habe sie jene Leute in der Nähe des Bundesplatzes kontrolliert und nötigenfalls weggewiesen, die sich den polizeilichen Anweisungen widersetzt hätten.

Während die Polizei die tibetischen Aktivisten der unbewilligten Kundgebung vom Bundesplatz zurückdrängte, liess sie eine Gruppe von Chinesen, die den Präsidenten willkommen hiessen, unbehelligt gewähren. Es habe sich dabei um eine angemeldete Delegation gehandelt, die stets begleitet gewesen sei, gibt die Polizei bekannt.

Eröffnen das Gala-Dinner: Bundespräsidentin Doris Leuthard, Chinas Präsident Xi Jinping, seine Frau Peng Liyuan und Leuthards Mann Roland Hausin (von rechts). (15. Januar 2017)
Eröffnen das Gala-Dinner: Bundespräsidentin Doris Leuthard, Chinas Präsident Xi Jinping, seine Frau Peng Liyuan und Leuthards Mann Roland Hausin (von rechts). (15. Januar 2017)
Peter Klaunzer, Keystone
Treffen zum Abendessen ein: Bundesrat Didier Burkhalter und seine Frau Friedrun,... (15. Januar 2017)
Treffen zum Abendessen ein: Bundesrat Didier Burkhalter und seine Frau Friedrun,... (15. Januar 2017)
Peter Klaunzer, Keystone
Lachen ist gut für die Gesundheit: Schneider-Ammann traf ausserdem den chinesischen Minister für Wissenschaft und Technologie, Wan Gang (l.).
Lachen ist gut für die Gesundheit: Schneider-Ammann traf ausserdem den chinesischen Minister für Wissenschaft und Technologie, Wan Gang (l.).
Nh Han Guan, Keystone
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Später führte die Polizei Sie ab. Wie kam es dazu?

Gegen 15 Uhr liess die Polizei uns alle plötzlich ungehindert bis fast zum Bundesplatz vorrücken. Zusammen mit zwei, drei tibetischen Freunden ging ich also mit. Dazu riefen wir etwa «Free Tibet» und «Go Home, Xi Jinping».

Wie reagierte die Polizei?

Sie gab uns zu verstehen, dass wir schweigen sollten. Also standen wir ruhig da und hielten ein Stoffbanner hoch.

Was stand darauf?

«Save Tibet» und «Tibetan people face danger of extermination» («das tibetische Volk läuft Gefahr, ausgelöscht zu werden»). Wir standen schweigend mit unseren Transparenten da, als drei bis vier Polizisten in Kampfmontur auf uns zustürzten und uns abführten. Ein Tibeter, der hinter uns war, wehrte sich und wurde in Handschellen gelegt. Sie sperrten uns drei in einen Kastenwagen mit Gitter und allem Drum und Dran. Dann brachten sie uns auf die Polizeistation. Dort waren 32 Leute, alle vom Bundesplatz. Fast alles Schweizer mit tibetischem Hintergrund.

Weshalb wissen Sie das?

Die tibetische Gemeinschaft ist klein, ich kannte die meisten vom Sehen her. Ausserdem sassen alle Männer im selben Raum, wir haben miteinander gesprochen.

Wie wurden Sie von den Polizisten behandelt?

Nachdem sie unsere Personalien aufgenommen hatten, schickten sie uns nach Hause, das dauerte vielleicht zwei Stunden, genau kann ich es nicht sagen. Den Polizisten selber kann ich keinen Vorwurf machen. Sie haben ihren Job gut gemacht und waren mir gegenüber nicht übermässig brutal. Aber die politische Direktive war falsch. Von Anfang an spürten wir, dass die Polizisten den Auftrag hatten, null Toleranz walten zu lassen. Der Polizeieinsatz war völlig unverhältnismässig. Man hat uns die Möglichkeit genommen, unsere Meinung frei zu äussern.

Sie konnten Ihre Meinung an der bewilligten Demonstration am Sonntagmorgen kundtun.

Um als Privatperson seine Meinung kundzutun, braucht es keine Bewilligung. Ich war ja nicht als Teilnehmer einer Kundgebung dort, sondern privat. Die Polizei hatte keinen Grund, uns festzunehmen und in einen Warteraum zu sperren. Sie hätte die Demonstrierenden einkesseln können, falls das nötig gewesen wäre. Doch von niemandem ging eine Gefahr aus, keiner war vermummt, keiner durchbrach die Polizeisperre, soweit ich das sehen konnte.

Auch Migmar Dhakyel, die gestern die Medienarbeit für den Verein Tibeter Jugend in Europa machte, spricht von einem «peinlichen Tag für den Bundesrat». Es sei «schäbig für die Schweiz und unsere Demokratie, dass Aktivisten, die friedlich demonstrierten, von schwer bewaffneten Polizisten abgeführt wurden». Sie widerspricht Tethongs Darstellung, wonach die Polizei nicht grob vorging. «Viele der jungen Aktivisten waren eingeschüchtert», sagt sie, «einer wurde brutal auf den Boden geknallt und verspürte danach Schwindel, zwei andere hatten Schmerzen. Die Polizei ging sie teilweise brutal an.»

Doch Wangpo Tethong betont, die Berner Polizei habe teilweise auch vorbildlich gehandelt. So hätten viele Chinesen, ohne um Erlaubnis zu fragen, Tibeter fotografiert. «Als ein Polizist dies beobachtete, sprach er einen Chinesen an und forderte ihn auf, die Fotos zu löschen», sagt Tethong.

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