«Politiker begrüssen die neue Ausbeutung im Namen des Fortschritts»

Im Gastbeitrag spricht Vania Alleva, Präsidentin der Gewerkschaft Unia, von Arbeitslosigkeit, Job-Unsicherheit und Lohndruck.

Vania Alleva, Präsidentin von Unia, äussert sich am 1. Mai zu den Problemen der Arbeitnehmenden.

Vania Alleva, Präsidentin von Unia, äussert sich am 1. Mai zu den Problemen der Arbeitnehmenden.

(Bild: Franziska Rothenbühler (Archiv))

Viele Arbeitnehmende machen sich Sorgen: Arbeitslosigkeit, Job-Unsicherheit, Lohndruck, prekäre Arbeitsverhältnisse und einseitige Flexibilisierung greifen um sich, in der Schweiz wie in vielen anderen Ländern. Die Folgen: zunehmende soziale Unsicherheit, immer extremere Ungleichheit und vielfältige Diskriminierungen.

Es geht hier nicht darum, ein Klagelied zum 1. Mai zu singen. Für immer mehr Menschen sind diese Probleme real. Sie machen ihnen das Leben schwer: Wie organisiere ich die Kinderbetreuung, wenn es zu wenig Kitaplätze gibt und meine Firma stete Verfügbarkeit verlangt? Wie bezahle ich die ständig steigenden Krankenkassenprämien für die ganze Familie, wenn es schon wieder keine Lohnerhöhung gab? Was mache ich wenn ich mit 55 den Job verliere? Erhalte ich die AHV, auch wenn ich in mein Heimatland zurückkehre? Und was kann ich im Rentenalter überhaupt noch von der Pensionskasse erwarten?

Diese Sorgen sind die Folge einer Politik, die sich nicht um die Probleme der Menschen kümmert, sondern die ideologischen Glaubenssätze des Neoliberalismus hochhält. Einer schamlosen Umverteilungspolitik zu Gunsten der Reichen und Superreichen. Während die Aktionärsgewinne explodieren und die Spitzenmanager weiter Millionenboni abzügeln, sinkt die Lohnquote – der Anteil der Arbeitnehmenden am erwirtschafteten Wohlstand – seit Jahrzehnten. Und zwar weltweit.

Die «Digitalisierung» der Wirtschaft droht den radikalen neoliberalen Umverteilungsplänen neuen Schub zu geben. Viele Unternehmen nutzen den technologischen Fortschritt, um die Arbeit neu zu organisieren und die Risiken und Profite umzuverteilen – zu Lasten der Arbeitnehmenden. Beispiel Uber: Da tut ein globaler Konzern so, als würde eine App ein Heer von abhängig beschäftigten Taxifahrern auf wundersame Weise in selbständige Kleinunternehmer verwandeln. Wenn sich solche Geschäftsmodelle durchsetzen und bestehende Regeln und Schutzbestimmungen aushebeln, verwandeln sie Arbeitsverhältnisse in Ausbeutungsverhältnisse.

Doch statt die geltenden Schutzbestimmungen für die Arbeit weiterzuentwickeln, legen die verantwortlichen Politiker die Hände in den Schoss. Oder schlimmer noch: Sie begrüssen die neue Ausbeutung im Namen des Fortschritts. Kein Wunder wächst bei den Arbeitnehmenden die Verunsicherung. Kein Wunder, schlagen rechte Demagogen mit nationalistischen Hassparolen politischen Profit daraus.

Aber Diskriminierungen und nationale Blut- und Bodenparolen bieten keine Lösung für die realen Probleme, auch wenn sie mit mehr oder weniger Kapitalismuskritik garniert werden. Im Gegenteil: Diskriminierungen führen zu einer gespaltenen Gesellschaft, in der die Grundlagen der Solidarität zerfallen.

Nur wenn wir zusammenstehen und gemeinsam für unsere zentralen Werte Gleichheit, Freiheit, Sicherheit und Solidarität kämpfen, können wir echte Lösungen für reale Probleme durchzusetzen! Die im Parlament laufenden Angriffe gegen das Arbeitszeitgesetz führen zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und gefährden die Gesundheit der Angestellten. Dagegen wehren wir uns. Genauso, wie wir die Unternehmenssteuer-Reform III mit ihren Steuergeschenken an die Konzerne gebodigt haben. Genauso, wie wir die verheerenden Abbaupläne der Bürgerlichen bei der AHV bekämpft haben. Und damit die Lohngleichheit, die seit Jahrzenten in Verfassung und Gesetz verankert ist, endlich Realität wird, wollen wir eine «Subito-Initiative» zur Umsetzung lancieren.

Viele Arbeitnehmende sind verunsichert. Ihre Sorgen sind vielfältig. Wir müssen diese Vielfalt der Probleme anerkennen – und über die individuellen Probleme hinaus immer wieder das Gemeinsame betonen. Einheit und Solidarität in den sozialen Kämpfen für gute Arbeit – das ist unser Schlüssel zu einer besseren Gesellschaft!

In dem Sinne: Einen schönen, kämpferischen 1. Mai!

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt