Bund und SVP haben das Holz auf derselben Bühne

Sensibilisierungskampagnen kommen bei SVPlern schlecht an – es sei denn, das Bundesamt für Umwelt weibelt für Schweizer Holz.

Wirtschaftlich unter Druck: Die Holzindustrie. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Wirtschaftlich unter Druck: Die Holzindustrie. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

«Übertrieben», «irrwitzig», «Geldverschwendung»: Aus bürgerlichen Kreisen hagelt es regelmässig Kritik, wenn der Bund Aufklärungsarbeit leisten will, etwa das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit Sensibilisierungskampagnen gegen das Rauchen. Doch der folgende Fall ist anders. Vor zwei Wochen hat das Bundesamt für Umwelt (Bafu) im Departement von Doris Leuthard (CVP) mit der Holzwirtschaft und der Konferenz der Kantonsförster eine Sensibilisierungskampagne namens Woodvetia lanciert. Die Schweizer Bevölkerung, so das Ziel, soll bei Neubauten, Umbauprojekten oder beim Kauf von Möbeln auf einheimisches Holz setzen.

Die Kampagne ist eine Reaktion auf den Zustand der Wald- und Holzwirtschaft. Deren Einnahmen aus dem Holzverkauf sind seit Jahren rückläufig. Längst ist Holz ein globales Produkt, es kann also in anderen Ländern deutlich günstiger produziert werden. Hinzu kommt, dass sich seit der Aufhebung der Franken-Euro-Untergrenze 2015 ausländisches Holz nochmals verbilligt hat.

Vor zwei Jahren wandte sich die Branche denn auch besorgt an die Öffentlichkeit: Viele der rund 12'000 Arbeitsplätze in der Waldwirtschaft seien gefährdet, schon heute würde die Hälfte der rund 5000 Forstbetriebe rote Zahlen schreiben. Dabei könnte die Branche eigenen Angaben zufolge eine grössere Nachfrage befriedigen: In der Schweiz werden jährlich 5 Millionen Kubikmeter Holz geerntet. Zusätzlich liesse sich ein Drittel mehr nutzen, und zwar ohne dass die Wälder übernutzt würden, so die Branche.

Aktion kostet 2,25 Millionen

Woodvetia kostet das Bafu 2,25 Millionen Franken. Doch trotz dieses Millionenbetrags ertönt kein Aufschrei – und dies, obschon im bürgerlich dominierten Parlament Spardruck herrscht. Der Betrag verteile sich über etwas mehr als zwei Jahre, sagt SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger und spricht von einem relativ bescheidenen Jahresbudget. Die Aargauerin präsidiert Lignum, den Dachverband der Wald- und Holzwirtschaft. Ähnlich tönt es von anderen Parteikollegen, welche die Branche vertreten. Nationalrat Erich von Siebenthal (BE) hofft auf einen Erfolg der Kampagne. Es sei «an der Zeit, dass etwas gemacht wird», so der Präsident der Berner Waldbesitzer.

Selbst SVP-Finanzpolitiker kritisieren Woodvetia mit keinem Wort. Thomas Aeschi sagt, ab 2018 müssten beim Bundeshaushalt jährlich bis zu 1,4 Milliarden Franken eingespart werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Politik nach seinem Dafürhalten den Rotstift dort ansetzen, wo es einschenke – etwa beim Asylwesen und der Entwicklungshilfe: zwei Posten, die den Steuerzahler alleine auf Stufe Bund jährlich über 4 Milliarden Franken kosten würden. Im Vergleich dazu, rechnet der Zuger Nationalrat vor, würden die Kosten für Woodvetia weniger als 0,06 Prozent ausmachen.

Wohlwollend gibt sich auch Albert Rösti. Zur Kampagne äussert sich der SVP-Präsident zwar nicht, da er sie nicht kenne. Dass der Bund die Wald- und Holzwirtschaft unterstütze, hält Rösti aber für angezeigt: «Der Bund selber hat ein Interesse an einer gesunden Wald- und Holzwirtschaft, weil der Wald wichtige Anforderungen erfüllen muss, etwa zum Schutz vor Naturgefahren.»

Botschafter aus Holz

Im Zentrum der Kampagne stehen lebensgrosse Figuren von Schweizer Persönlichkeiten, gefertigt aus Holz aus der Geburtsregion der betreffenden Person. Dazu gehört etwa Auguste Piccard. Dem in Basel geborenen Grossvater des Abenteurers Bertrand Piccard gelang es 1931, in einem Gasballon in die Stratosphäre vorzudringen – eine Weltpremiere. Die Promotoren der Kampagne wollen die hölzernen Botschafter im öffentlichen Raum aufstellen, «sodass die Bevölkerung ihnen an überraschenden Orten begegnet». Weitere Elemente sind eine Website mit Informationen rund ums Schweizer Holz sowie ein Dokumentarfilm, in dem der Psychoanalytiker Peter Schneider die sinkende Nachfrage nach Schweizer Holz zu ergründen versucht.

SVP-Politiker erachten die Bemühungen des Bundes nicht zuletzt deshalb als gerechtfertigt, weil dafür eine Rechtsgrundlage bestehe. In der Tat hält das unlängst revidierte Waldgesetz fest, dass der Bund den Absatz und die Verwertung von nachhaltig produziertem Holz fördere, «insbesondere mittels der Unterstützung von innovativen Projekten»; das Bafu bezeichnet Woodvetia ausdrücklich als solches Projekt.

«Wirkung nicht nachweisbar»

SVP-Politikerin Flückiger versichert zudem, dass auch die Branche ihren Beitrag leiste. Als Beispiel nennt sie den Aufbau des Herkunftszeichens «Schweizer Holz», in den Lignum seit 2009 ansehnliche Mittel gesteckt habe; Zahlen nennt sie nicht. Ein geringerer Mitteleinsatz des Bafu würde aus Flückigers Sicht «wirkungslos» bleiben. Doch lässt sich der Effekt der Kampagne überhaupt messen? Das Bafu hat vor dem Kampa­gnenstart eine repräsentative Umfrage zur Wahrnehmung des Schweizer Holzes und zur Nachfrage nach Produkten aus Schweizer Holz im hiesigen Markt durchgeführt. Ende 2017 misst das Amt, wie sich diese Werte verändert haben.

So gut die Kampagne in SVP-Kreisen ankommt: Im bürgerlichen Lager gibt es auch kritische Stimmen. «Die Wirkung solcher Aktivitäten ist nicht sehr gross oder oft nicht einmal nachweisbar», sagt FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler. Dies hätten die Behörden in der Vergangenheit wiederholt einräumen müssen. Wirkungsvoller wäre es laut Bigler, die Wirtschaft von «unsinnigen Regulierungskosten» zu befreien. Flückiger entgegnet, die Holzförderung entspreche einem berechtigten Wirtschaftsanliegen. Dies sei ein eklatanter Unterschied zu Kampagnen wie jenen des BAG, bei denen es um die «versuchte Gängelung der Bevölkerung durch den Staat geht».

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