Plötzlich lieben die Kinder Bücher

Viele Schweizer Schüler lesen schlecht, das hat die neuste Pisa-Studie klar gezeigt. Der Kanton Waadt hält jetzt mit einem einfachen Ritual dagegen.

Die beiden Schüler in Elsa Bourgeois Klassenzimmer sind in ihr Buch vertieft. Foto: Oliver Vogelsang

Die beiden Schüler in Elsa Bourgeois Klassenzimmer sind in ihr Buch vertieft. Foto: Oliver Vogelsang

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Die 10-Uhr-Pause ist zu Ende. Die Schüler der Waadtländer Primarlehrerin Elsa Bourgeois stürmen zurück ins Klassenzimmer. Auf der digitalen Wandtafel lodert ein virtuelles Cheminéefeuer. Am rechten Rand leuchtet eine Ampel. Das orange Licht scheint auf. Orange bedeutet: Die Klasse soll ruhig sein.

Doch die Ampel braucht es nicht. Die Acht- und Neunjährigen wissen, was sie zu tun haben. Dasselbe wie an jedem Schultag nach der Morgenpause: Die ganze Klasse liest. Die Schüler kramen unter ihren Pulten und schlagen ihre Bücher auf. Rasch sind sie in die Texte vertieft. Für eine Viertelstunde ist es ganz still im Schulzimmer. Gelegentlich ist ein leises Tuscheln zu hören, oder es lacht jemand kurz auf, wenn jemand etwas Amüsantes gelesen hat und die witzige Entdeckung mit dem Tischnachbarn teilt.

Die Bücher sind ganz unterschiedlich. Einige Schüler lesen Comics wie «Titeuf» oder «Tim und Struppi», andere Kinderromane und Sachbücher. Ein Knabe hält eine Art Tagebuch eines Computerspielhelden in den Händen, eine Schülerin liest über die Abenteuer der magischen Lily in ihrer Muttersprache Englisch. Auch Lehrerin Elsa Bourgeois liest. Sie amüsiert sich an den Weihnachtsstreichen des «Petit Nicolas», ein Klassiker der französischen Kinderliteratur.

Immer schlechter

Glaubt man den Resultaten der Pisa-Studie, ist es um das Leseverhalten und Textverständnis der Schweizer Schüler schlecht bestellt. Gemäss den neusten Resultaten versteht jeder vierte 15-Jährige Texte zu schlecht, um Herausforderungen des Alltags oder des künftigen Berufslebens bewältigen zu können. Vor drei Jahren war es bezogen auf die Schweiz noch jeder fünfte gewesen. Asiatische und osteuropäische Schüler ziehen derweil an der Schweizer Jugend vorbei. Für ein Land wie die Schweiz, das sich gerne für sein herausragendes Bildungssystem feiert, ist das eine Schmach.

Elsa Bourgeois kennt die Pisa-Studie natürlich. Die neuesten Resultate geben ihr zu denken, kommentieren will sie sie aber nicht. Ist das tägliche, rituelle Lesen in selbst gewählten Büchern in der Schule ein Ansatz, wie Schweizer Schüler bei künftigen Pisa-Tests wieder besser abschneiden? Die 29-jährige Lehrerin will sich nicht festlegen.

Sie lässt ihre Klasse nicht wegen der Pisa-Studie lesen. Das tägliche Lesen nach der Pause hat sie bei ihrer Ausbildnerin an der Pädagogischen Hochschule für sich entdeckt, wissenschaftliche Studien wurden dabei keine präsentiert. Sie betont aber: «Ich sehe Fortschritte. Zum Beispiel fragen meine Schüler immer weniger nach der Bedeutung einzelner Wörter.»

Elsa Bourgeois: «Wenn wir die Schüler fürs Lesen begeistern wollen, dann müssen Bücher immer greifbar sein.» Foto: Oliver Vogelsang

Dass tägliches Lesen wirkt, beweisen frankofone Staaten wie Kanada, Belgien und Frankreich. Sie haben ähnliche Programme wie Elsa Bourgeois in der Waadtländer Landgemeinde Aubonne. Die Länder übertrafen die Schweiz in der Pisa-Studie deutlich.

Bücher und Buchläden bezeichnet die 29-jährige Lehrerin als «meine grosse Leidenschaft». Diese will sie mit ihren Schülern teilen. Ihrer Klasse hat sie eine kleine Bibliothek eingerichtet. Die Bücher hat sie teils mit eigenem Geld bezahlt. Elsa Bourgeois sagt: «Wenn wir die Schüler fürs Lesen begeistern wollen, dann müssen Bücher immer greifbar sein, und es muss für jedes Interesse etwas geben.»

Darauf zählen, dass die Kinder zu Hause mit Literatur in Berührung kommen, kann sie nicht. Sie schildert das Beispiel einer Schülerin, der Bücher absolut nichts bedeuteten. Dann fand sie ein Buch, das von Haaren und Frisuren handelte. Das Interesse der Schülerin war geweckt. Seither liest auch das Mädchen mit. Lehrerin Bourgeois freuts. Sie stellte keine Anforderungen an die Art der Bücher, die ihre Schüler lesen. Dass sie lesen, ist für sie entscheidend.

Der kleine Jawad zeigt stolz seine «Wo ist Werner?»-Bilderbücher. Texte gibt es darin naturgemäss keine, aber für Jawad sind die «Werner»-Suchbücher genau die richtige Art Lektüre. Seine Kollege Nathanaël wiederum erzählt begeistert: «In meinem Buch fliegen Menschen zum Mond, und plötzlich explodiert ihre Rakete.» Er habe es in der Bibliothek gefunden. Es sei extrem spannend. Aimée fasziniert die Geschichte der Gangsta-Oma, die in London versucht, die königlichen Kronjuwelen zu klauen.

Elsa Bourgeois sagt: «Mit ihren acht oder neun Jahren sind meine Schüler in einer entscheidenden Phase. Sie haben mit grossem Aufwand gelernt, Wörter zu entziffern und ganze Sätze zu begreifen. Nun müssen sie in ihrer Entwicklung den nächsten Schritt tun und am Lesen langer Texte Freude finden.» Fänden die Kinder in diesem Alter nicht zum Lesen, sei das später schwierig nachzuholen, weiss die 29-Jährige. Lesen sie aber, fördert das die Vorstellungskraft, die Freude am Entdecken, aber aber auch die Orthografie.

Was Elsa Bourgeois in Aubonne aus eigener Initiative tut, will die Waadtländer Bildungsdirektorin Cesla Amarelle (SP) im ganzen Kanton systematisch fördern. Im November hat Amarelle das Projekt «Le bruit des pages» (Das Geräusch der Seiten) vorgestellt. «Jeder Schüler soll jeden Tag für einen kurzen Moment in ein Buch eintauchen», heisst es im Konzept. Das sei einfach umzusetzen, steigere die Qualität für den Rest des Schulunterrichts, vor allem aber würden die Schüler auch ausserhalb der Schule zu lesen beginnen.

Technologien ersetzen das Lesen nicht

Cesla Amarelle las als Kind viel und gern und erinnert sich noch genau an prägende Bücher wie das «Tagebuch der Anne Frank». Heute liest sie ihren eigenen Kindern aus Michael Endes «Die unendliche Geschichte» vor, das sie ebenfalls als Schülerin kennenlernte. Sie sagt, Bücher können in einer Klasse Erlebnisse «einer gemeinsamen Geistesgemeinschaft» wecken.

Auch wenn die Schüler heute konsequent an die digitale Welt herangeführt würden, die Sprachkompetenzen blieben einer technologisch geprägten Gesellschaft fundamental, so Amarelle. Wer einen Computer programmieren wolle, müsse auch in einer Sprache schreiben und lesen können. Darüber hinaus müsse die Alphabetisierung stark sein, um soziale und wirtschaftliche Unterschiede zu bekämpfen.

«Lesen und Schreiben sind für die Autonomie jedes Einzelnen entscheidend, bei der Arbeit, im Privatleben, in der Öffentlichkeit, im Austausch mit dem Staat oder wenn es darum geht, zu träumen oder zu trauern», sagt die Waadtländer Bildungschefin.

Daran denken Elsa Burgeois’ Schülerinnen und Schüler noch nicht. Aber ihr Wissensdurst ist gross. Es hagelt Fragen über Fragen. «Was ist eine Hemisphäre?», fragt eine Schülerin, nachdem sie ihr Buch unter der Schulbank versorgt hat. Die Lehrerin greift zum Globus, um die Frage zu klären. Nach einer Viertelstunde lesen spricht die Klasse bereits über die ganze Welt.

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