«Peitsche» – der starke Franken stresst beim Job

Arbeiten Sie trotz Krankheit? Haben Sie Aufstiegschancen? Verdienen Sie genug? Travailsuisse wollte es wissen – und bekam Antworten.

Gesundheitliche Belastung und Stress gehören für die Befragten zu den grösste Problemen.

Gesundheitliche Belastung und Stress gehören für die Befragten zu den grösste Problemen.

(Bild: Keystone Gaëtan Bally)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Die Schweizer fühlen sich durch ihren Job gesundheitlich belastet, können sich nicht genügend weiterbilden und haben Angst, ihre Stelle zu verlieren. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Travailsuisse, dem Dachverband der Schweizer Arbeitnehmer. 1500 Personen hat Travailsuisse für das «Barometer Gute Arbeit» befragt. Dabei konzentrierte sie sich auf die drei Themen Gesundheit, Motivation und Sicherheit. Diese seien die Kernfragen bei der Definition von «guter und zukunftsfähiger Arbeit».

Gesundheit

Gerade wenn es um die Gesundheit geht, gibt es in der Schweiz offenbar Nachholbedarf. 40 Prozent der Befragten fühlen sich oft oder sehr häufig durch ihre Arbeit gestresst, ein Drittel nimmt die Arbeit als psychische Belastung wahr. Laut Travailsuisse hat der Wegfall des Euromindestkurses die Situation noch verschlechtert. «Diese Produktivitätspeitsche führt zu einer Überbelastung der Arbeitnehmenden, mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der einzelnen Arbeitnehmenden, aber auch mit hohen Kosten für die Volkswirtschaft insgesamt», sagt Adrian Wüthrich, der designierte Präsident von Travailsuisse.

Je weiter der Balken nach rechts geht, desto zufriedener sind die Befragten mit diesem Aspekt ihrer Arbeit. Quelle: Travailsuisse

Wie die Grafik zeigt, ärgern sich die Befragten am meisten über Stress bei der Arbeit, die psychische Belastung und Präsentismus, das heisst über das Arbeiten trotz Krankheit. 30 Prozent der Personen gaben an, dass sie oft oder sehr häufig arbeiten, obwohl sie krank sind. Nur 19 Prozent gehen nie zur Arbeit, wenn sie krank sind.

Auch die Überstunden, hier unter dem Stichwort «zeitliche Belastung» angegeben, sind für viele Arbeitnehmer ein Problem. Laut Travailsuisse sagte mehr als die Hälfte der Teilnehmer, dass sie «oft oder sehr oft» Überstunden leisten. Das decke sich mit der Beschäftigungsstatistik des Bundesamts für Statistik, laut der in der Schweiz jedes Jahr 200 Millionen Überstunden geleistet werden – was über 100'000 Vollzeitstellen entspricht. Zwei Drittel geben zudem an, auch ausserhalb der Arbeitszeiten erreichbar sein zu müssen.

Weniger als 10 Prozent der Befragten leisten nie Überstunden. Quelle: Travailsuisse

Dementsprechend unzufrieden sind die Befragten damit, wie viel die Arbeitgeber für die Gesundheitsförderung tun. Bei 14 Prozent gibt es gar keine solche Massnahmen und fast 30 Prozent gaben an, die getroffenen Massnahmen reichten gar nicht oder nur in geringem Mass aus.

Motivation

Die Schweizer fühlen sich durch ihre Arbeit nicht nur gesundheitlich belastet, sie sehen oft auch keine persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Dieser Bereich wurde nach der Gesundheit am schlechtesten beurteilt. 71 Prozent der Arbeitnehmer sehen demnach keine oder nur in geringem Mass Aufstiegschancen in ihrem Unternehmen. Und fast die Hälfte gibt an, vom Arbeitgeber keine Möglichkeiten zur Weiterbildung zu erhalten. «Gute Arbeit bedeutet auch, dass der Arbeitnehmer nicht die alleinige Verantwortung für den Erhalt seiner Arbeitsmarktfähigkeit hat, sondern dass er dabei vom Arbeitgeber unterstützt wird», schreibt Travailsuisse.

Viele Arbeitnehmer sehen keine Entwicklungsmöglichkeiten. Quelle: Travailsuisse

Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben schneidet etwas besser ab, allerdings gibt es regionale Unterschiede, wie die Grafik zeigt.

Im Tessin und am Genfersee ist Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben laut der Studie am schwierigsten. Quelle: Travailsuisse

Der Sinn der Arbeit auf der individuellen Ebene, also die Identifikation mit der eigenen Arbeit, wird relativ positiv beurteilt. Weniger oft glauben die Befragten aber, dass ihre Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leistet. Auf betrieblicher Ebene fühlen sich die Arbeitnehmer am wenigsten wertgeschätzt. Für dieses Kriterium spielte auch eine Rolle, ob sie das Gefühl haben, rechtzeitig über Entscheide und Veränderungen innerhalb des Unternehmens informiert zu werden.

Sicherheit

Der letzte Teil der Befragung drehte sich um das Thema Sicherheit. Besonders die mittelfristige Perspektive wurde sehr schlecht beurteilt. Dabei spielt laut Travailsuisse die Erwartung einer zunehmenden Arbeitsbelastung eine grosse Rolle. Der Eindruck, kaum Veränderungen am eigenen Arbeitsplatz bewirken zu können, macht ebenso unzufrieden wie die Sorge darüber, bei Verlust der Arbeit einen vergleichbaren Job mit einem ähnlichen Lohn zu finden. 51 Prozent der Arbeitnehmer glauben, dass Letzteres für sie schwierig wäre.

Die mittelfristige Perspektive macht den Schweizern am meisten Sorgen. Quelle: Travailsuisse

Laut Travailsuisse macht sich eine Mehrheit der Befragten (mindestens in geringem Masse) Sorgen, den Arbeitsplatz zu verlieren. 14 Prozent befürchten dies gar in hohem oder sehr hohem Masse. Besonders unter den älteren Arbeitnehmern ist die Angst vor einem Jobverlust gross. So glauben zwei Drittel der 46- bis 64-Jährigen kaum daran, bei einem frei- oder unfreiwilligen Verlust der Stelle wieder eine vergleichbare zu finden.

Auch hier gibt es deutliche Unterschiede je nach Region und Alter. Quelle: Travailsuisse

Auch das Einkommen ist für viele Schweizer Arbeitnehmer ein Ärgernis. Bei jungen Personen und solchen mit einem tiefen Bildungsstand ist die Unzufriedenheit am grössten. Allgemein halten 40 Prozent der Befragten ihr Einkommen für nicht oder nur in geringem Mass angemessen.

Interessant ist auch, zu sehen, wie die Bewertung der Arbeitsbedingungen mit der Grösse des Unternehmens zusammenhängt. Am belastendsten ist demnach die Arbeit in einem Unternehmen mit 10 bis 49 Mitarbeitern. Stress, körperliche und psychische Belastung sind hier am grössten. Erholungszeit, Gesundheitsförderung, Vereinbarkeit und Entwicklungsmöglichkeiten werden als problematisch beurteilt. Besser schneiden die Kleinstunternehmen (bis 9 Personen) ab. Und bei den Grossunternehmen (ab 250 Personen) werden Gesundheitsförderung und Entwicklungsmöglichkeiten geschätzt.

DerBund.ch/Newsnet

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